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Köln, Keupstraße, 9. Juni 2004.
Köln, Keupstraße, 9. Juni 2004.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Was nach dem NSU-Anschlag geschah: Die zweite Bombe

Von Christoph Herwartz, Köln

Mitten auf einer belebten Geschäftsstraße in Köln zünden Rechtsextremisten eine Nagelbombe. Die Anwohner sind geschockt. Doch was die Polizei ihnen im Nachhinein antut, trifft sie noch härter.

Özcan Yildirim ist fassungslos. Sein Bruder, seine Mitarbeiter, seine Kunden waren doch im Laden, als die Bombe explodierte. Sie zerstörte die Fensterfront seines Friseurgeschäfts, Nägel rammten sich in die Körper seiner Freunde. Was ihn jetzt, viele Jahre später, noch fassungslos macht, ist nicht die Bombe, sondern eine Frage: "Sind Sie versichert?" Gestellt hat sie damals ein Polizist, kurz nach der Tat. "Verstehen Sie?", fragt Yildirim. "Um Geld von der Versicherung zu bekommen, lasse ich eine Bombe in meinem eigenen Laden hochgehen?" Er atmet tief ein, schüttelt leicht den Kopf. "Dann nahm die Sache seinen Lauf."

"Der Kuaför aus der Keupstraße" kommt Ende Februar in die Kinos.
"Der Kuaför aus der Keupstraße" kommt Ende Februar in die Kinos.(Foto: Karmen Frankl)

Die Szene stammt aus dem Film "Der Kuaför aus der Keupstraße", der Ende Februar in die Kinos kommt. Am Mittwoch wurde er in Köln vorgestellt, wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. Der Anschlag selbst, ausgeführt von den rechtsextremen Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), spielt darin eine untergeordnete Rolle. Es geht um das, was Meral Sahin, eine Protagonistin des Films, "die zweite Bombe" nennt: das Versagen von Justiz und Polizei.

Man muss wissen, dass die Keupstraße das Zentrum eines Viertels im Kölner Stadtteil Mülheim ist, in dem überwiegend türkischstämmige Familien wohnen. In der Keupstraße reihen sich Restaurants, Boutiquen und kleine Handwerksbetriebe aneinander, die allesamt türkische Namen tragen. Flagshipstores oder Filialen großer Bäckereiketten gibt es nicht. Die Besitzer der Läden stehen selbst hinter dem Verkaufstresen, man kennt sich. Die "zweite Bombe", so sagt es Geschäftsfrau Sahin, zerstörte das Vertrauen, das zwischen den Geschäftsleuten herrschte.

Misstrauen zog in die Keupstraße

Nach dem Anschlag am 9. Juni 2004 waren die Bewohner der Keupstraße zunächst sicher, dass dieser Anschlag einen rechtsradikalen Hintergrund hatte. Der Film zeigt die Vernehmungsprotokolle, in denen diese Vermutung immer wieder geäußert wird. Doch die Polizei glaubt ihren Zeugen nicht. Zu sehen ist Otto Schily, damals Bundesinnenminister, wie er am Tag nach dem Anschlag sagt: "Die Erkenntnisse, die unsere Sicherheitsbehörden bisher gewonnen haben, deuten nicht auf einen terroristischen Hintergrund, sondern auf ein kriminelles Milieu." Welche Erkenntnisse das gewesen sein sollen, wurde nie klar.

Bilderserie

Einige Dokumente zu diesem Fall sind öffentlich, andere bekam Regisseur Andreas Maus zugespielt. In den Notizen der Ermittler ist oft von der "Türsteherszene" die Rede und von einem möglichen Bezug zur organisierten Kriminalität. Einen rechtsextremistischen Hintergrund schließen sie aus. Stattdessen befeuert die Polizei Spekulationen, in der Straße und in den Medien. Vom Rotlichtmilieu ist die Rede. "Deine eigene Eltern, deine Kinder, deine Frau, gucken dich komisch an", sagt einer der Protagonisten. Ein anderer erzählt, dass keine anderen Kinder mehr mit seiner Tochter spielen wollten.

Es gab Razzien, DNA-Tests, Beschattungen. Meral Sahin beschreibt, wie das Misstrauen in die Straße einzieht, wie die zweite Bombe langsam explodiert: "Wenn es doch nicht die Nazis waren, wer war es dann? Einer von uns? Wer denn?"

Erfundene Gerüchte

Die zweite Bombe hat ihre Sprengkraft noch nicht aufgebraucht. Es dauert ein paar Jahre, bis die Polizei nachlegt. "Da wurde uns dann gänzlich die Rolle der Schuldigen zugeschrieben", sagt Yildirim. Er, seine Frau, sein Bruder und seine Schwägerin werden getrennt voneinander verhört. Die Ermittler denken sich Gerüchte aus, mit denen Sie die Zeugen konfrontieren. Aus der Tatsache, dass sich die beiden Brüder nach Feierabend mit Oddset, Darts und Karten beschäftigen, wird die Aussage, beide seien Spieler und hätten hohe Schulden. Von Schutzgeld ist die Rede, von Existenzängsten, davon, dass die beiden Brüder vielleicht sogar Angst um ihr Leben gehabt hätten. All das ist ausgedacht. Yildirims Frau sagt, es könne nicht sein. Aber natürlich ist sie verunsichert.

"Die Opfer wurden zu Tätern gemacht", heißt es im Bezug auf diesen Anschlag und die Morde des NSU immer wieder. "Das sagt sich so leicht", sagt Regisseur Maus. "Die Opfer wurden systematisch über Jahre in die Ecke gedrängt, um irgendetwas aus ihnen herauszupressen." Wie schwer der Schaden ist, den die Polizei anrichtet, wird im Film nur angedeutet. Yildirim sagt, er habe vor der Trennung gestanden und mit dem Gedanken gespielt, sich selbst zu töten.

Sieben Jahre nach dem Anschlag enttarnte sich der NSU und befreite damit die Opfer des Anschlags von der Last der Verdächtigungen. Seitdem suchen Politiker nach einer angemessenen Reaktion auf das Versagen des Staates. Auf zahlreichen Veranstaltungen zeigen sich Politiker mit den Opfern, immer wieder werden sie nach Berlin eingeladen. In Köln war das deutlichste Zeichen das "Birlikte"-Festival zum zehnten Jahrestag des Anschlags - ein buntes Fest auf und neben der Keupstraße mit vielen Bands und mit Unterstützung der Politik. Der Film zeigt, dass die Bewohner der Keupstraße Zweifel an diesen Entschuldigungsritualen haben. Das Geld für die Einladungen nach Berlin solle man besser in Beratung und Betreuung der Opfer investieren, meint einer. Bundespräsident Joachim Gauck wirkt bei seinem Besuch im Friseurladen völlig unbeholfen. Er witzelt über die mangelnden Deutschkenntnisse der Friseure und fragt danach, wie lange sie ihren Laden nach der Explosion schließen mussten. Dass die Polizeiverhöre den eigentlichen Schaden anrichteten, scheint er nicht zu wissen.

Das ist es, was der Film "Der Kuaför aus der Keupstraße" leistet: Er ergänzt die bekannten Bilder von Zerstörungen der ersten Bombe, indem er sichtbar macht, was die zweite Bombe angerichtet hat.

Quelle: n-tv.de

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