Politik
Eine Erstausgabe des ersten Bands von "Das Kapital" im Museum der Arbeit in Hamburg.
Eine Erstausgabe des ersten Bands von "Das Kapital" im Museum der Arbeit in Hamburg.(Foto: dpa)
Donnerstag, 14. September 2017

Gregor Gysi über "Das Kapital": Drei Stärken und ein Irrtum

Für die Zeitgenossen von Karl Marx war der Kapitalismus naturgewollt. "Natürlich war das pure Ideologie", schreibt Gregor Gysi über das "Kapital", dessen erster Band heute vor 150 Jahren erschien. "Auch die Marktfixierung der Neoliberalen basiert auf einem Dogma."

Ein Gastbeitrag von Gregor Gysi

Gregor Gysi war von 2005 bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, seit 2016 ist er Präsident der Europäischen Linken.
Gregor Gysi war von 2005 bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, seit 2016 ist er Präsident der Europäischen Linken.(Foto: dpa)

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass das "Kapital" von Karl Marx nicht nur zu den bedeutendsten Werken dieses Autors zählt, sondern zu den wichtigsten Texten des 19. Jahrhunderts überhaupt. Es ist von heute aus gesehen natürlich leicht, mögliche Schwächen auszumachen, Irrtümer, Fehleinschätzungen, auch zeitbedingte Grenzen. Man muss diese Schwächen kennen, um den Text zu würdigen. Drei besonders wichtige Stärken fallen mir da ein.

Erstens, Marx hat als einer der ersten eine kritische Ökonomie entwickelt. Der Untertitel des "Kapital" lautet "Kritik der politischen Ökonomie" – und das bedeutet keinesfalls, dass er die bisherigen ökonomischen Theorien durchgängig falsch fand. Für manche Ökonomen hegte er hohe Wertschätzung. Aber die ökonomischen Theorien, die Marx ausarbeitete, sind nicht nur als rein ökonomische Theorien zu verstehen. Sie sind auch keine eklektische Mischung aus Ökonomie und Moral – letzteres warf er dem britischen Philosophen John Stuart Mill ausdrücklich vor. Es bedeutet, dass er die Politische Ökonomie für eine problematische Disziplin hielt.

Die ökonomischen Vorstellungen und Theorien des Aufklärungsliberalismus vor dem 19. Jahrhundert, von John Locke bis Adam Smith, unterstellten immer eine Verträglichkeit der kapitalistischen Praxis mit den Prinzipien des Naturrechts und gingen damit davon aus, dass der Kapitalismus naturgewollt war. Natürlich war das pure Ideologie. Marx hielt dem ein Projekt der Wissenschaft entgegen. Es geht nicht darum, Theorien so zu formulieren, dass sie auf irgendwelche ideologischen Annahmen passen. Vielmehr muss es darum gehen, die ökonomischen Praxisformen auf den Begriff zu bringen. Was sich daraus ergeben könnte – moralisch, politisch oder in anderer Hinsicht – ist eine andere Sache.

Wenn man das vor Augen hat, lesen sich viele Kapitel des "Kapital" doch noch einmal ganz anders. Sie sind aber auch heute noch von Aktualität. Auch die Marktfixierung der Neoliberalen basiert auf einem reinen Dogma, einer ideologischen Idealvorstellung und theoretischen Fiktion: der reinen Marktökonomie. Die gibt es nicht, die kann es auch nicht geben, weil es außerdem noch Menschen gibt, die mehr sind, als Elemente in einem theoretischen Modell.

Zweitens hat Marx den Begriff der Reproduktion ins Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Was ist daran aber so besonders? Nicht nur das Kapital reproduziert sich und muss sich reproduzieren, auch die Klassen. Das heißt aber auch: Was aus der Perspektive der Kapitalisten eine Praxis der Verwertung ihres Kapitals ist, ist aus der Perspektive der Arbeiter eine bestimmte Art zu arbeiten. Nur diese bestimmte Art der Arbeit erzeugt Kapital, also den Reichtum anderer. Um einen Begriff von Nietzsche auszuleihen: Die Vorstellungen, die sich die Menschen von der kapitalistischen Gesellschaft machen, die Wahrheiten, die sie auszusprechen meinen, sind durch Perspektivität geprägt.

Drittens hat Marx gesehen, dass der kapitalistischen Konkurrenz ein Ziel innewohnt, das zum Monopol führt. Das Monopol stellt Abhängigkeiten zu anderen Marktteilnehmern wie etwa Zulieferern her und es kann Monopolpreise bestimmen. Nicht umsonst gibt es in entwickelten kapitalistischen Ländern Kartellämter, die das verhüten sollen. Das beweist aber, dass nicht der Markt, sondern allenfalls die Politik etwas gegen Monopolisierungstendenzen unternehmen kann. Wer Kapitalismus und freie Märkte miteinander identifiziert, der übersieht fahrlässig oder absichtsvoll diese Tendenz zur Monopolisierung. Schon deshalb ist es kein Wunder, dass Karl Marx für die eher orthodoxen Ökonomen ein Störenfried ist.

Marx hat einige Folgerungen, die er gezogen hat, politisch überschätzt. Das Monopol bezeichnete er als Fessel der Produktivkräfte. Wenn man schaut, wie die Energiekonzerne die Energiewende verschlafen haben, oder daran denkt, wie die deutschen Autokonzerne die Perspektiven ökologischer Mobilität verspielten und diese durch Softwaremanipulation nur vorgaukeln, und wenn man schließlich daran denkt, dass Konzerne wie die großen Banken sich lieber vom Staat retten lassen als Pleite zu gehen – dann sieht man, dass zu große Kapitalkonzentrationen ein Entwicklungshemmnis für unsere Gesellschaften sind. Naheliegend wären Maßnahmen, die von der Entflechtung bis hin zur Sozialisierung führen können. Daraus hat Marx aber das relativ schnelle Herannahen der Revolution gefolgert. Da hat er sich geirrt. Aber das passiert eben auch Großen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen