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Ein von Nordkorea verbreitetes Bild, das einen Raketenstart des Landes im Mai 2017 zeigen soll.
Ein von Nordkorea verbreitetes Bild, das einen Raketenstart des Landes im Mai 2017 zeigen soll.(Foto: AP)
Mittwoch, 09. August 2017

Zündeln in der Nordkorea-Krise: "Ein Dritter Weltkrieg ist letztlich das Risiko"

"Totaler Krieg" und Reaktionen mit "Feuer und Zorn": Die Drohungen von Nordkorea und den USA werden immer harscher. Konfliktforscher Hans-Joachim Schmidt fürchtet im Interview mit n-tv.de, dass die Lage ganz schnell außer Kontrolle geraten kann - zumal US-Präsident Donald Trump unberechenbar sei.

n-tv.de: US-Präsident Trump hat Nordkorea für den Fall weiterer Provokationen mit "Feuer und Zorn" gedroht. Nur wenige Stunden später antwortet Pjöngjang mit der Drohung eines möglichen Raketenangriffs auf die US-Pazifikinsel Guam, ein Militärsprecher warnte gar vor einem "totalen Krieg", sollten die USA einen Präventivkrieg erwägen. Wie gefährlich ist die Lage?

Hans-Joachim Schmidt: Es ist eine sehr gefährliche Situation, weil der Konflikt von Trump auf die höchste Ebene gehoben wurde. Wenn eine der beiden Seiten nun falsche Schritte macht und die andere Seite falsch reagiert, kann die Lage ganz schnell außer Kontrolle geraten. Trump ist unberechenbar und auch Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ist für uns nicht so berechenbar wie sein Vater. Dieser Konflikt kann schlimmstenfalls zu einem Nuklearkonflikt führen, mit weltweiten Folgen. Wir steuern auf eine Krise zu, die eine ähnliche Bedeutung haben kann wie die Kuba-Krise. Ein Dritter Weltkrieg ist letztlich das Risiko, das die jetzige Krise birgt.

Allerdings hat Nordkorea den USA schon öfter gedroht.

Die Nordkoreaner sind sehr erfahren darin, den Konflikt bis zum Äußersten auszureizen. Sie haben das in der Vergangenheit tatsächlich schon öfter gemacht. Doch letztlich haben die Amerikaner vorher immer eingelenkt. Ob das diesmal passiert, ist unklar. Die vage Gegendrohung Nordkoreas und die Freilassung des kanadischen Missionars Daniel Jean deuten auf nordkoreanische Entspannungssignale hin.

Von Nordkorea ist man Drohungen gewohnt. Was steckt nun hinter Trumps drastischen Worten?

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Trump steckt gerade in großen innenpolitischen Schwierigkeiten. Insofern versucht er mit seinen Drohungen gegen Nordkorea sicher auch, von diesen abzulenken. Die Gefahr ist natürlich, dass er unter Umständen seine Drohungen auch einlösen muss, und wir wissen nicht, wie gut er das Krisenmanagement beherrscht.

Das sollte doch zumindest seine Administration beherrschen.

Seine Administration ist relativ unerfahren, auch wenn ich von seinem nationalen Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster und dem neuen Stabschef John Kelly sehr viel halte. Sie wissen um die Risiken im Nordkorea-Konflikt und haben immer betont, dass das Ganze nicht zum Krieg führen soll. Allerdings haben auch sie sich kritisch gegenüber Kim geäußert und gesagt, dass sie natürlich auch einen möglichen Militärschlag vorbereiten. Das ist aber nicht neu. Die Amerikaner haben schon seit den 1990er-Jahren Pläne für einen Präventivschlag gegen Nordkorea.

Wie hoch gerüstet ist Nordkorea denn inzwischen?

Die meisten Experten gehen davon aus, dass Nordkorea in der Lage ist, eine Atombombe zu bauen und eventuell auch eine Bombe mit Urananreicherung. Vor allem der letzte Nukleartest hat gezeigt, dass offensichtlich die Nordkoreaner ihre wesentlichen technologischen Probleme in dem Bereich gelöst haben. Ob sie fähig sind, einen Sprengkörper so weit zu miniaturisieren, dass er in eine Bombe für ein Flugzeug oder auf eine Rakete passt, ist unklar. Schätzungen des US-Geheimdienstes zufolge können die Nordkoreaner bis zu 60 Bomben bauen - das sind rund 40 mehr als bisher gedacht. Auch sind sie bei der Miniaturisierung der Sprengkörper weiter. Außerdem basteln sie an der Entwicklung einer Wasserstoffbombe und haben nach eigenen Angaben angeblich das Problem dazu gelöst. Das glaube ich allerdings nicht, das haben die bisherigen Tests nicht bewiesen. Jedoch sind genaue Aussagen schwer, da die Nordkoreaner ihr Testgebiet inzwischen sehr gut abschirmen.

Wie weit ist Nordkorea in der Entwicklung von Raketen?

Hans-Joachim Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung HSFK.
Hans-Joachim Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung HSFK.

Der letzte Test einer Interkontinentalrakete hat ganz klar gezeigt, dass Nordkorea noch nicht über einen zuverlässigen Wiedereintrittskörper verfügt. In der Endphase des Fluges zerfiel dieser. Damit könnten sie einen Nuklearsprengkopf nicht sicher auf US-Territorium bringen. Allerdings arbeiten sie an der Entwicklung von Wiedereintrittskörpern; wie weit sie hierbei sind, ist schwer einzuschätzen. Auch könnte es natürlich möglich sein, dass sie über einen Wiedereintrittskörper verfügen, der für eine Mittelstreckenrakete ausreicht, die nicht ganz so schnell fliegt und nicht so eine große Hitzeentwicklung zu verkraften hat. Insofern muss man Nordkoreas Drohung mit einem Angriff auf die Pazifikinsel Guam ernster nehmen.

Aber letztlich ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis Nordkoreas Raketen treffsicher werden?

Das stimmt. Nordkorea hat in den vergangenen zwei Jahren große Fortschritte gemacht, sowohl bei der Entwicklung von Nuklearsprengköpfen als auch bei der von Raketen. Sie haben sogar eine U-Boot-Rakete erfolgreich getestet. Manche US-Geheimdienstler gehen davon aus, dass es Nordkorea im nächsten Jahr schafft, das US-Festland zielsicher zu treffen. Ich bin da etwas skeptischer, weil das Land dazu schon 20 bis 30 Tests von Interkontinentalraketen haben müsste, um tatsächlich zu wissen, wie zuverlässig diese sind. So weit sind wir noch nicht. Aber wenn es jetzt nicht zu Gesprächen kommt, wird es natürlich seine Raketen weiter testen und entwickeln - und zwar so schnell wie möglich.

Warum sollte sich Nordkorea denn auf Gespräche einlassen?

Nordkorea will eine Normalisierung der Beziehungen zu den USA und eine friedensvertragliche Regelung - und die können sie nur über Verhandlungen erreichen. Außerdem will es als Nuklearmacht anerkannt werden. Deshalb benutzt Kim nun seine Nuklearbewaffnung und die erfolgreichen Raketentests, um die Amerikaner unter Druck zu setzen. Viele Experten sind inzwischen der Meinung, dass das Ziel von Südkorea, den USA und Japan - nämlich die vollständige verifizierbare nukleare Abrüstung - derzeit kurz- und mittelfristig mit Nordkorea nicht zu erreichen ist. Allenfalls können sie die Entwicklung verzögern oder für eine gewisse Zeit aussetzen. Da müssen die drei Staaten doch mehr Realismus zeigen bei künftigen Verhandlungen, wie das auch China und Russland fordern. Aber bisher ist dieser Realismus in der US-Regierung nicht vorhanden.

Wie lässt sich überhaupt noch eine Eskalation verhindern?

Nur durch den Versuch, einen Dialog zustande zu bringen. Dafür müssen sich alle Seiten auf Kompromisse einlassen, denn die Ziele zwischen Nordkorea auf der einen Seite und den USA, Südkorea und Japan auf der anderen Seite gehen weit auseinander. Hier müssen auch die Russen und die Chinesen auf beide Seiten einen mäßigenden Einfluss ausüben. China hat mit Russland bereits gefordert, dass Nordkorea seine Raketen- und Nukleartests und die Amerikaner ihre multinationalen Übungen einstellen. Auf jeden Fall müssen die USA und Nordkorea sich gut überlegen, wie weit sie die Eskalation noch treiben wollen. Gefährlich wird es, wenn die Amerikaner ihr Botschaftspersonal und die Angehörigen der Streitkräfte aus Südkorea abziehen und Kriegsschiffe und Flugzeuge in die Region schicken. Und natürlich, wenn die Nordkoreaner ihre Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft setzen. Das darf nicht passieren.

Mit Hans-Joachim Schmidt sprach Gudula Hörr

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Quelle: n-tv.de

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