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100 Prozent der gültigen Stimmen - solch ein Ergebnis hat noch kein SPD-Chef der Nachkriegszeit erreicht.
100 Prozent der gültigen Stimmen - solch ein Ergebnis hat noch kein SPD-Chef der Nachkriegszeit erreicht.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 19. März 2017

Martin Schulz "for Kanzler": Ein Tag wie im Rausch

Von Judith Görs und Christoph Rieke

Auf einem Sonderparteitag in Berlin feiert die SPD ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz und das eigene wiedererwachte Selbstbewusstsein. Alle Hoffnung ruht auf dem neuen Popstar der Partei. Der sonnt sich gern im Schein seines Erfolgs.

Es ist eine jugendliche Verliebtheit, die die SPD erfasst hat. Eine, bei der man sich rotwangig mit dem Pappaufsteller des Idols im Arm fotografieren lässt. Eine, bei der man angesichts der bloßen Erwähnung seines Namens in Jubel ausbricht. Eine, bei der man sich T-Shirts druckt mit seinem Konterfei - nur, dass man nicht mehr 16 ist und die Person, die vorn auf der eigenen Brust prangt, nicht Michael Jackson ist, sondern Martin Schulz.

Dem Mann der Stunde rollen die Sozialdemokraten bei ihrem Sonderparteitag in Berlin den roten Teppich aus - im ganz großen Stil. 600 Delegierte und 2000 Gäste fasst die Arena in Treptow, darunter auch 150 Neumitglieder von insgesamt 13.000 innerhalb der vergangenen zwei Monate. Einer von ihnen ist Jürgen Meyer.

Die Sozialdemokraten feiern ihren neuen Parteichef.
Die Sozialdemokraten feiern ihren neuen Parteichef.(Foto: dpa)

Dass sich der 70-jährige gebürtige Ostfriese im Rentenalter noch ein SPD-Parteibuch angeschafft hat, verdanken die Genossen ausgerechnet Markus Söder. Als der christsoziale Finanzminister aus Bayern nach der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten angab, keine Angst vor dem SPD-Shootingstar zu haben, beschloss Meyer seinen Parteieintritt - nach Jahren der Sympathie für die Sozialdemokraten, aber auch des Zauderns. Nun sei der richtige Zeitpunkt gewesen, sagt er in Berlin. Man kann das den "Schulz-Effekt" nennen. Inhaltlich blieb der SPD-Hoffnungsträger bisher aber vage. Lediglich die Aussage, im Falle eines Wahlsieges gewisse "Fehler" bei den Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 korrigieren zu wollen, ließ er sich entlocken. Trotzdem genießt Schulz auch bei Jürgen Meyer einen großen Vertrauensvorschuss. "Wenn man Neues will, muss man auch neue Leute ranlassen", sagt er.

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Dass der Übergang von Alt zu Neu derart harmonisch verlief, ist ein Glücksfall - aber kein Zufall. Immer wieder ist in den Reihen der Basis das Wort "Erlösung" im Zusammenhang mit dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel zu hören. Erlösung deshalb, weil er mit der Nominierung von Martin Schulz den Weg für den Höhenflug der Partei geebnet hat - aber auch, weil er der Partei die eigene Kandidatur erspart hat. Eine der "schwersten Entscheidungen im Leben, aber auch eine der richtigsten" sei das gewesen, sagt der 57-jährige Ex-Parteichef in der Berliner Arena. Das zeigten schon die jüngsten Umfragen. "Der Trend ist wieder ein Genosse, und so soll es bleiben."

"Ich hab's euch nicht leicht gemacht"

Von den Delegierten wird er für so viel Opferbereitschaft gefeiert wie selten zuvor. Das scheint ihm fast ein wenig unangenehm zu sein. "Ich hab's euch nicht leicht gemacht, ich habe euch gefordert", sagt er nach siebeneinhalb Jahren als Parteivorsitzender. "Aber glaubt mir, mit Martin wird das nicht anders sein." Was wie eine Drohung mit Augenzwinkern klingt, ist vielmehr ein ernsthaftes Versprechen. Und Martin Schulz wird es wohl auch einhalten. Dessen Bewerbungsrede ist nicht nur ein Appell an die Gemeinschaft in Deutschland, sondern vor allem in Europa. "Mit mir wird es kein Schlechtreden Europas geben", sagt er - und bemüht dann ein Zitat von Willy Brandt. "Durch Europa kehrt Deutschland heim zu sich selbst".

Deutschland als Teil Europas, das sei "das größte Geschenk, das die Bundesrepublik in ihrer jungen Geschichte erhalten" habe, mahnt Schulz. "Deutschland in Europa stark zu halten, und Europa in Deutschland stark zu halten", empfinde er als zentrale Verpflichtung. Er garniert das mit einer Kampfansage an die Populisten in Europa, aber vor allem an die AfD. Die Partei sei eine "Schande für Deutschland", ruft er in den Saal, bevor er sich direkt an sie richtet. "Ihr Feinde der Demokratie habt in der SPD den entschiedensten Gegner!" Das verfängt bei den Leuten. Schulz steht in ihren Augen für eine härtere Linie gegen den erstarkten rechten Rand. Er geriert sich wütender als die kalkulierende Angela Merkel. Gabriel preist das als Politk mit "heißem Herzen".

"Gerechtigkeit, Respekt und Würde"

Gegenüber der Kanzlerin hat Schulz aber vor allem einen großen Vorteil: Er hat Zeit. Immer wieder hebt der 61-Jährige seine Wahlkampfreisen der vergangenen Wochen durch die Republik hervor. Er habe lernen wollen - und zugehört, sagt er. Ob er mit seinem Wahlprogramm den richtigen Ton treffen wird, kann er dennoch nicht wissen. Erst Ende Juni will er bei einem weiteren Parteitag in Dortmund konkretere Inhalte präsentieren. "Aber eines kann ich jetzt schon vorwegnehmen", verspricht er: "Bei unserem Programm wird es um Gerechtigkeit, um Respekt und um Würde gehen." So weit, so gut. Seine Partei weiß der Kanzlerkandidat jedenfalls hinter sich. Mit einem Sensationsergebnis von 100 Prozent der gültigen Stimmen wird er zum Vorsitzenden gewählt. In der Geschichte der Partei ist das einmalig.

Und während Schulz zur "Eroberung des Kanzleramts" bläst und sich die Genossen mit dem Parteilied "Wenn wir schreiten Seit' an Seit'" in den 100-Prozent-Rausch singen, könnte man fast meinen, die Wahl wäre schon gewonnen.

Doch dann drängt sich wieder eine kleine Episode vom Vormittag ins Gedächtnis: Etwa ein Dutzend Mitglieder der Jungen Union hatten sich, begleitet von dröhnenden Beats, in einem Boot auf der Spree postiert. Nur etwa 100 Meter von der Arena entfernt, wandten sie sich mit einem provokanten Plakat direkt an Schulz. "Hey Gottkanzler!", stand darauf geschrieben. "Wenn du übers Wasser laufen kannst, komm rüber!" Spätestens damit hat der Wahlkampf begonnen.

Infografik: Schulz mit historischem Ergebnis zum Parteichef gewählt | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Quelle: n-tv.de

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