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Auftritt im vollbesetzten Tempodrom: Erdogans Heimspiel in Berlin

Von Johannes Graf

Türkischer Wahlkampf in Berlin: Ministerpräsident Erdogan nutzt seinen Staatsbesuch, um bei seinen Anhängern um Stimmen zu werben. Verbale Provokationen vermeidet er dieses Mal. Doch sein Auftritt zeigt, worauf Erdogans Erfolg aufbaut.

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Er bekommt dann doch noch seinen Wohlfühlauftritt in der Fremde: Nach einem ziemlich enttäuschenden Nachmittag bei der deutschen Regierung lässt sich der türkische Ministerpräsident vor rund 4000 Anhängern mitten in Berlin feiern. Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten, eine Lobby-Organisation der AKP mit Sitz in Köln, hat Recep Tayyip Erdogan eine prächtige Wahlkampfbühne bereitet. Und der Staatsmann nimmt die Gelegenheit gerne wahr. Im März stehen Kommunalwahlen an, im Sommer wird ein neuer Präsident gewählt - bei letzterem Urnengang dürfen erstmals auch in Deutschland lebende Türken abstimmen.

Eines gleich vorweg: Befürchtungen, Erdogan könne sich  wie bei ähnlichen Gelegenheiten 2008 und 2011 im Ton vergreifen, stellen sich als unbegründet heraus. Neue Patzer lässt er sein, alte Streitpunkte sind gerade erst endgültig aus der Welt geschafft. Am Nachmittag hatte Kanzlerin Merkel noch einmal klar gemacht, was sie von Erdogans damaligen Thesen zur Assimilierung hält, er pflichtete ihr kleinlaut bei. Und in Anlehnung auf die Aussage des Türken, er sei auch der Ministerpräsident der Menschen türkischer Herkunft in Deutschland, konterte Merkel am Nachmittag: "Ich bin die Bundeskanzlerin aller in Deutschland lebender Menschen."

Ministerpräsident verschweigt die Probleme

In keinem anderen Land der Welt außerhalb der Türkei leben so viele Türken wie in Deutschland.
In keinem anderen Land der Welt außerhalb der Türkei leben so viele Türken wie in Deutschland.(Foto: dpa)

Dass Erdogan Provokationen sein lässt, heißt jedoch nicht, dass er keine selbstbewusste Ansprache hält. Erdogan liebt große Massen, er genießt das auch an diesem Abend. Das türkische Fernsehen überträgt live. Mit über einstündiger Verspätung betritt der "große Meister", wie ihn sein Stellvertreter ankündigt, die Bühne. Und der legt das Pathos an den Tag, das er so gut beherrscht. "Seid bitte stolz", ruft er den Exiltürken zu. Deutschland zähle ebenso wie die Türkei zu den größten Ländern der Welt. "Ihr solltet stolz darauf sein, hier zu arbeiten und die Fahne der Türkei zu tragen."

Die Ränge im Tempodrom waren voll besetzt.
Die Ränge im Tempodrom waren voll besetzt.(Foto: dpa)

Ansonsten wiederholt Erdogan seine Sicht der Dinge in der Türkei. Er prahlt mit dem Fortschritt, den die AKP-Regierung in den vergangenen elf Jahren den Menschen gebracht habe. "Wir sind ein Land, das sich aus der Asche erhebt", sagt Erdogan und preist die Bauprojekte, für die er im eigenen Land so sehr in der Kritik steht. Er referiert stolz Wirtschaftsdaten, verweist auf das Wachstum in den vergangenen Jahren.

Dabei klammert er Probleme aus: Die Zinserhöhung der vergangenen Woche treibt die Inflation. Erdogans zweifelhafter Umgang mit demokratischen Rechten stört das Vertrauen ausländischer Investoren, auf die das Land angewiesen ist. Korruptionsermittlungen im Umfeld des Ministerpräsidenten reden Kritikern das Wort, die die Türkei Erdogans als am Rande zu einer Autokratie beschreiben.

Erdogan polarisiert bewusst

Apropos Korruptionsermittlungen: Erdogan ist bei seinem Lieblingsthema der vergangenen Wochen angelangt. In seinen Augen ist alles eine große Verschwörung - eine Theorie, die er vor seinen Anhängern erneut unwidersprochen ausbreiten darf. Die Vorwürfe seien aus der Luft gegriffen. "Ich frage Sie: Wie konnten wir das nationale Einkommen in den vergangenen Jahren derart steigern, wenn Korruption bei uns ein Problem wäre?" Wie könne es sein, dass seine Regierung trotz angeblicher Bestechlichkeit seit Amtsantritt zehntausende Kilometer Straßen bauen konnte? Es ist eine einfache Logik, die Erdogan bedient. Wer die Welt anders sieht, ist in seinen Augen ein "Lügner". Widerspruch unerwünscht.

Hier liegt der Schlüssel zu Erdogans Erfolg. Er ist ein Schmeichler, ein Charmeur, der die Nöte des Volkes kennt und seine Seele berührt. Aber er kanzelt Kritiker gnadenlos ab. Wer gegen ihn ist, ist Terrorist, Putschist, Teil eines Komplotts und gehört ins Gefängnis. Unzählige verhaftete Journalisten zeugen von dieser leicht zu durchschauenden Strategie. Doch noch immer glauben viele Türken Erdogan. Weil er seinen Landsleuten Hoffnung macht und ihnen verspricht, sie in Sphären zu bringen, die sie stolz machen. "Wir bauen unsere eigenen Satelliten, eigene Kampfjets, eigene Fregatten", protzt Erdogan. Den Preis dafür nennt er in Berlin nicht.

Quelle: n-tv.de

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