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Montag, 04. September 2017

Zwei Kandidaten, eine Meinung: "Es sollte ein Duell sein - es wurde ein Duett"

Einigkeit über mangelnde Uneinigkeit: Die internationale Presse hat eine klare Meinung zum TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Nicht nur die gleichen Ziele sind ein großes Thema, sondern auch Schulz' verpasste Chance.

Der Guardian schreibt, "dem Sozialdemokraten Martin Schulz fiel es schwer, seine und Merkels Ansichten zu differenzieren". Es sei seine größte Aufgabe gewesen, "seine SPD von Merkels CDU zu trennen, obwohl beide Parteien zweimal unter Merkels Herrschaft große Koalitionen gebildet haben". Die Kanzlerin hingegen sei bei "Migrationsfragen in die Defensive gedrängt" worden. Es heißt, das TV-Duell würde "als Highlight eines bisher unscheinbaren Wahlkampfes angesehen".  Schulz wirkte "entspannt und gesellig. Merkel war gewohnt gefasst, auch wenn sie angesichts der vier Moderatoren und der gestellten Fragen ungeduldig erschien".

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Schulz wird aber nicht nur entspanntes Auftreten attestiert. "Erwartungsgemäß wirkte Schulz denn auch aggressiver. Doch zugleich saß er in der Klemme", schreibt die belgische Zeitung De Standaard. "Immerhin war die SPD in acht der zwölf Kanzlerjahre von Merkel an der Regierung beteiligt, von 2005 bis 2009 und von 2013 bis heute. Das machte es natürlich recht schwierig, ihre Politik anzugreifen. Schließlich hat die SPD sie ja mitgetragen. Und Merkel unterließ es nicht, immer wieder darauf hinzuweisen."

Der Neuen Zürcher Zeitung nach war Schulz "angriffig, aber er verlor sich schnell in Details und prallte immer wieder an Merkel ab". Auf der anderen Seite habe Merkel so sicher, konzentriert und über weite Strecken so gelöst gewirkt, "dass sie klare Aussagen zur Türkei, zur Rente und zur Automobilwirtschaft nicht scheute". Kritisiert werden die nahezu gleichen Aussagen: "Die beiden wirkten über weite Strecken eher wie die Koalitionäre, die sie sind, denn wie erbitterte politische Gegner."

Die Einigkeit der Kandidaten beschäftigte auch den Figaro. "Unterschiede finden? Das dürfte in der 90-minütigen Debatte schwer gefallen sein", schreibt die französische Zeitung. Der SPD-Kandidat könne die Ansichten seiner Partei nicht von Merkels abheben. Die Kanzlerin sei die Siegerin der Debatte gewesen. "Merkel mangelte es nicht an Sicherheit. Ihr Face-à-Face mit Martin Schulz hat ihrem Image nicht geschadet", heißt es.

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Auch Le Monde kritisierte, wie wenig verschieden die Ansichten der Kandidaten waren. "Es sollte ein Duell sein. Es wurde ein Duett. Die drei Wochen vor der Wahl stattfindende Fernsehdebatte, in der sich Angela Merkel und Martin Schulz gegenüberstanden, erweckte den Anschein, dass es keine Differenzen zwischen den beiden Kandidaten für das Kanzleramt gäbe. Während der eineinhalb Stunden haben die Kandidaten der CDU und der SPD eher diskutiert als debattiert, sich mehr unterhalten als gestritten. Einer stimmte dem anderen zu; es war eine Konfrontation zweier Persönlichkeiten und nicht eine zweier politischer Parteien." Den einzigen Unterschied habe es im Ausdruck der Kontrahenten gegeben: "Schulz war direkter, Merkel diplomatischer."

"Die Konfrontation zwischen den Kandidaten war zurückhaltend, wie der restliche Wahlkampf", schreibt El País. Weiterhin berichtet die spanische Zeitung, Schulz sei "nicht in der Lage, in der Fernsehdebatte gegen Merkel zu überzeugen." Der SPD-Kandidat habe aber auch mit einem Nachteil kämpfen müssen: "Schulz begann diese Debatte mit wenig Handlungsspielraum, da er zu einem schwierigen Balanceakt gezwungen wurde. Einerseits musste er Merkel angreifen, andererseits könnte übermäßige Aggression nach hinten losgehen."

"Die Debatte brachte Leben in einen Wahlkampf, der bisher nicht viel mehr als ein Siegeszug für Frau Merkel war", findet der irische Ableger des Independent. Bezüglich der Kandidaten schreibt die Zeitung, "Merkel konnte sich als Stimme der Erfahrung präsentieren, indem sie detaillierte Zahlen zur Migration aufsagen und kürzlich geführte Unterhaltungen mit anderen Staatschefs erwähnen konnte. Das Debatten-Format in Deutschland ist anders. Es gibt kein Studiopublikum und nur die Vorsitzenden der zwei größten Parteien nehmen am so genannten 'TV-Duell' teil. Das gab Herrn Schulz, der Frau Merkel häufig vorgeworfen hat, wichtige Probleme zu umgehen, die Chance, seine Rivalin festzunageln. Aber obwohl er ein paar Treffer landen konnte, blieb Herrn Schulz der dringend benötigte KO-Schlag verwehrt."

Ein wichtiges Thema ist zudem, was über die deutsche Türkei-Politik gesagt wurde; die holländische Zeitung Telegraaf und die englischsprachige türkische Zeitung Daily Sabah konzentrieren sich völlig auf diesen Aspekt der Debatte. Die New York Times befürchtet, dass Merkels Kommentare "die diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und der Türkei verschlimmern" könnten. Und laut Jyllands-Posten war Erdogan "praktisch das einzige Problem der Kanzlerkandidaten". Die Diskussion sei aber auch "der lebhafteste und interessanteste Teil der Debatte, da es hier klare Differenzen zwischen den Kandidaten gab".

Zusammengestellt von Philip Ziche

Quelle: n-tv.de

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