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Verstehen die Welt nicht mehr: Zwei Flüchtlinge auf dem Dach des ehemaligen Hostels.
Verstehen die Welt nicht mehr: Zwei Flüchtlinge auf dem Dach des ehemaligen Hostels.(Foto: imago/Future Image)

"Grausamer als Kalaschnikows": Flüchtlinge rebellieren gegen Asylrecht

Von Julian Vetten

Sie haben Libyen überlebt, sie haben Lampedusa überlebt - nur, um am Ende an der deutschen Bürokratie zu scheitern? Neun Flüchtlinge besetzen ein ehemaliges Hostel in Berlin und offenbaren dabei einen paradoxen Status quo, der nur Verlierer kennt.

"Allez, haut ab", faucht der hochgewachsene Mann und fuchtelt müde mit den Händen. Er liegt quer über dem Gehsteig der Berliner Gürtelstraße ausgestreckt und will einfach nur noch schlafen. Der Mann gehört zu einer Gruppe von 108 Flüchtlingen, die nach zähen Verhandlungen mit der Bezirksregierung im April ihr Dauerzeltlager am Oranienplatz abgebaut hatten und seitdem in einem ehemaligen Friedrichshainer Hostel untergebracht waren; zusammen mit dem Versprechen, dass der Senat ihre Asylanträge wohlwollend prüfen werde. In der vergangenen Woche kamen die niederschmetternden Bescheide der Ausländerbehörde: Alle Anträge wurden abgelehnt, die Flüchtlinge sollten das Hostel und Berlin binnen eines Tages verlassen. Während die meisten Geflüchteten resignierten und der Anordnung Folge leisteten, harren neun Männer im Gebäude aus und drohen im Falle einer Räumung durch die Polizei damit, sich vom Dach zu stürzen. Der Mann auf dem Gehsteig gehört zu den Flüchtlingen, die das Hostel freiwillig verließen - seitdem ist er obdachlos. Weil er nicht weiß, wohin, bleibt der Mann aus dem Niger in der Nähe seiner Leidensgefährten. Er kann und will nicht mehr. Und ist damit nicht allein.

"Allet Scheiße hier", knurrt ein Lastwagenfahrer und zieht an seiner Zigarette. Der Getränkelieferant steht in dem langen Stau, der sich in die Scharnweberstraße zieht. Der Motor ist aus, zur Rush Hour geht hier momentan gar nichts mehr. "Seit einer Woche blockieren die jetze schon die Gürtelstraße", sagt der Mann und deutet mit seiner Zigarette auf die Polizeiabsperrung. Offiziell sichern die Beamten das Gebiet um das Hostel weiträumig ab, um sowohl Insassen als auch Passanten zu schützen. Dass die Absperrung eine der wichtigsten Verbindungsstraßen im Kiez lahmlegt und halb Friedrichshain einen Verkehrsinfarkt erleidet, ist zumindest nach Ansicht der Unterstützer der Flüchtlinge Kalkül. Der Getränkelieferant jedenfalls hat schon lange keinen Bock mehr: "Ick will doch einfach nur meine Ruhe haben mit dem ganzen Flüchtlingskram."

Polizei untersagt Essenslieferungen

"Es ist so frustrierend, schau dich doch mal um: In der Ohlauer, da waren wir richtig viele. Aber hier, 30 Menschen gegen die Willkür des Senats? Das ist doch viel zu wenig", sagt die junge Frau mit den Dreadlocks, die ein paar Meter vor der Polizeibarrikade auf dem Boden sitzt. Am Morgen hat sie noch versucht, Essen zu den Flüchtlingen zu schaffen, erfolglos. Seit mehr als einer Woche hungern die Männer auf dem Dach des Hostels, weil die Einsatzleitung der Polizei strikt verboten hat, die Flüchtlinge zu versorgen - nur unterbrochen von einer einmaligen Befehlsverweigerung eines einzelnen Polizisten.

Kamen nicht bei den Flüchtlingen an: Baguettestangen und anderes Essen.
Kamen nicht bei den Flüchtlingen an: Baguettestangen und anderes Essen.(Foto: dpa)

Für die junge Frau ist das nicht der einzige Skandal im Drama um die Flüchtlinge: "Im April haben die Refugees ihren Teil des Deals erfüllt, ihr Zeltlager am Oranienplatz freiwillig aufgegeben. Und dann fällt ihnen der Senat dermaßen in den Rücken." Zumindest in diesem Punkt widerspricht ihr Berlins ehemalige Ausländerbeauftragte teilweise: "Sie sind sicherlich in ihren Erwartungen enttäuscht worden. Aber der Senat hat ihnen kein Bleiberecht zugesagt, sondern eine umfassende rechtliche Prüfung. Die ist, zumindest nach Aussage der Innenbehörde, vollzogen worden. Jeder Flüchtling, der einen Ablehnungsbescheid erhalten hat, kann dagegen Widerspruch einlegen", sagte Barbara John der "Berliner Zeitung". Für die junge Frau sind das juristische Haarspaltereien, verbunden mit der Erkenntnis, gegen Windmühlen zu kämpfen: "Mal ganz im Ernst, so wie das hier läuft, hab ich schon große Lust, einfach hinzuschmeißen und mich in meinem Bett zu verkriechen. Die ganze Energie, wofür?"

"Was wollen Sie denn jetzt noch hier?", fragt der Polizist in voller Kampfmontur und rollt mit den Augen. Seit Stunden stehen er und seine Kollegen an der Barrikade und wimmeln jeden ab, der unberechtigterweise durch will. Und das sind viele: Journalisten, wütende Passanten auf dem Weg zur Arbeit, linke Aktivisten, amerikanische Touristen und, und, und. Der Polizist sagt es nicht laut, aber sein Blick spricht Bände: Er hat sich garantiert nicht zum Dienst gemeldet, um die verfehlte Asylpolitik des Senats auszubaden. Und doch steckt die Berliner Polizei zwischen den Fronten von Politik und Aktivisten fest - und wird dabei selbst immer rigoroser in der Wahl ihrer Mittel: Den Flüchtlingen die Versorgung zu verweigern? Noch vor knapp zwei Monaten bei der versuchten Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule wäre das undenkbar gewesen.

"Ich habe Lampedusa überlebt"

Das Flüchtlingsdrama in der Gürtelstraße ist Ausdruck einer extrem paradoxen Situation: Alle leiden unter dem Status quo, manche mehr, manche weniger. Residenzpflicht, Arbeitsverbot, Lagerpflicht heißen die Schlagwörter. Es sind Regelungen im Asylrecht, die nicht nur aus Sicht linker Aktivisten schleunigst angegangen werden müssen - profitieren könnten am Ende wahrscheinlich alle davon: Politik, Polizei, Anwohner und nicht zuletzt natürlich die Flüchtlinge.

Ob eine Reform für den müden Mann aus dem Niger, der immer noch auf dem kalten Asphalt der Gürtelstraße liegt, rechtzeitig kommt? Wenn man ihm zuhört, mag man daran kaum glauben, mit seinem Leben hat der Mann abgeschlossen. Er spricht französisch, nur Spezialbegriffe aus der deutschen Behördensprache zerschneiden seinen Redefluss: "Ich habe Libyen überlebt, ich habe Lampedusa überlebt. Ich dachte, in Deutschland finde ich Arbeit und ein besseres Leben. Aber alles, was ich hier gefunden habe, ist eine Erkenntnis: Formulare sind grausamer als Kalaschnikows. Vor einer Waffe kann ich mich verstecken, ein Bescheid trifft immer."

Quelle: n-tv.de

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