Politik
Am Oranienplatz in Berlin organisiert eine kleine Gruppe von Aktivisten Schlafplätze für Flüchtlinge.
Am Oranienplatz in Berlin organisiert eine kleine Gruppe von Aktivisten Schlafplätze für Flüchtlinge.(Foto: Malte Baumberger)

Gast für eine Nacht: Flüchtlinge schlafen auf der Couch

Von Malte Baumberger

Täglich erreichen Flüchtlinge Berlin. Während einige von ihnen in Notunterkünften unterkommen, verschwinden viele in der Obdachlosigkeit. Eine Aktivistengruppe kümmert sich um diejenigen, die in den Statistiken nicht vorkommen.

"Hallo Julia, hier ist Johann von der Schlafplatzorganisation vom O-Platz. Du stehst bei mir noch im Ordner als Person, die noch eine Unterkunft frei hätte." Johann sitzt auf einer Parkbank am Berliner Oranienplatz. Es ist kurz vor 18 Uhr. Dunkle Wolken brauen sich über ihm am Himmel zusammen, jeden Moment kann es anfangen zu regnen. Es ist ungemütlich. Auf seinem Schoß liegt eine zerfledderte Mappe mit Adressen. Johann bereitet sich auf seine Schicht vor, telefoniert erste Stammkunden ab, die fast immer eine Unterkunft anbieten. Julia ist eine von ihnen. "Wie viele Kapazitäten hast du denn frei?" fragt er sie. "Es wird heute Abend bestimmt wieder ein Schlafplatz gebraucht.“

Johann sucht für obdachlose Flüchtlinge eine Übernachtungsmöglichkeit.
Johann sucht für obdachlose Flüchtlinge eine Übernachtungsmöglichkeit.(Foto: Malte Baumberger)

Johann ist Teil einer kleinen Aktivistengruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, obdachlosen Flüchtlingen vorübergehend einen Schlafplatz zu vermitteln. Bei Privatpersonen, in WGs oder Wohnungen – überall da, wo noch ein Sofa oder eine Matratze frei ist. Auf der Suche nach einem Schlafplatz rufen die Menschen eine zentrale Handynummer an oder schreiben eine E-Mail an die Aktivisten. Ohne großen bürokratischen Aufwand suchen die Mitglieder dann für sie eine Unterkunft.

Als der Berliner Senat im vergangenen April das Protestcamp auf dem Oranienplatz auflöste, standen kurze Zeit später 100 Flüchtlinge auf der Straße. Die politische Arbeit der Schlafplatzorga war geboren. Noch heute steht unter der Woche jeden Abend ein Mitglied der Gruppe auf dem sogenannten O-Platz als Ansprechpartner – Treffpunkt ist die Parkbank.

Viele Türen sind verschlossen

Wie aus dem Nichts steht an diesem Abend Hamid plötzlich vor dieser Bank. "Hi, ich bin Hamid. Alles gut?" fragt er in gebrochenem Deutsch. "Ich habe vor einer halben Stunde angerufen. Ich brauche eine Unterkunft." Johann erinnert sich.

Hamid sieht aus wie all die anderen Jugendlichen hier in Berlin-Kreuzberg: Kappe, bunte Turnschuhe und ein Rucksack auf der Schulter. Doch der Eindruck täuscht. Seit er aus Libyen nach Deutschland geflohen ist, lebt er auf der Straße. Es geht ihm nicht gut. "Es ist schwierig hier in Deutschland." Traurig schaut er sich auf dem Platz um. "Wohin soll ich gehen? Alle Türen hier um mich herum sind verschlossen."

So wie Hamid ergeht es vielen Menschen. In diesem Jahr wurden in Berlin mehr als 20.000 Flüchtlinge aufgenommen – das sind fast genauso viele wie in den vergangenen vier Jahren zuvor. Doch die Plätze in den Unterkünften der Hauptstadt sind begrenzt. Daher stellt das Landesamt den Menschen Hostel-Gutscheine aus, die sich aber als nutzlos erweisen. Entweder sind die Hostels ausgebucht oder nehmen keine Flüchtlinge auf, weil das Land ihnen schon Tausende Euro schuldet. So landen viele Asylsuchende auf der Straße. An diesem Punkt greift die Schlafplatzorga ein.

"Für wie viele Nächte brauchst du ein Bett?", fragt Johann Hamid und blättert in seiner Liste. In krakeliger Schrift sind Name, Anschrift, Telefonnummer und gesprochene Sprache von den Unterstützern in einer Excel-Tabelle aufgelistet. Einen nach dem anderen ruft er an. Und immer wieder der gleiche Satz: "Hi, hier ist Johann von der Schlaplatzorga.“

Wer helfen möchte

Die Schlafplatzorga steht von Montag bis Freitag zwischen 18 und 20 Uhr auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Möchten Sie selbst vorübergehend ein Zimmer, ein Bett oder auch nur eine Couch anbieten oder Geld für Bahntickets und Unterkünfte spenden, sind Sie eingeladen, selbst auf dem Oranienplatz vorbeizuschauen oder die Schlafplatzorga unter 0176/37325499 oder per E-Mail an schlafplatzorga@gmail.com zu kontaktieren.

Zwei Nächte sind der Durchschnitt

Auf dem Oranienplatz wird der Regen stärker. Trotzdem kommen immer weiter Flüchtlinge auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Da ist Amadou, ein kleiner, abgekämpfter Mann aus Mali. Mohammed, ein stämmiger Afrikaner. Und da ist Hamid, der drahtige Libyer. Gemeinsam mit Johann suchen sie unter den nahegelegenen Bäumen Schutz vor dem Schauer. "Ab Oktober sind wir dann auch drinnen. Das muss sein. Wir sind dann im Café Kotti" sagt Johann und ein dicker Tropfen platscht auf seine Liste.

Für Mohammed hat er gute Nachrichten: "Es gibt einen Platz. Für zwei Nächte. Ich rufe die Person nochmal an." Nach einem kurzen Telefonat ist alles klar: Er kann bei einem Pärchen auf dem Sofa schlafen.

Johann schreibt ihm die genaue Adresse auf einen Zettel. Anders als bei der WG-Plattform "Flüchtlinge Willkommen" geht es bei der Schlafplatzorga um Notfallhilfe, nicht um langfristige Lösungen. Als Johann den Eindruck hat, dass Mohammed ihn verstanden hat, reicht er ihm eine Bahnfahrkarte. Die Schlafplatzorga vermittelt Betten in ganz Berlin – von Zehlendorf bis Hellersdorf.

Was ist gerecht?

Hamid schreckt auf und ruft: "Hey und was ist mit mir?" Johann beruhigt ihn. "Ich habe die Person jetzt schon mehrmals angerufen, aber bis jetzt noch keinen erreicht. Du stehst aber ganz oben auf der Liste." Durchhalteparolen, die ankommen. "Ja, ich warte. I wait", gibt sich Hamid hoffnungsvoll.

Viele Asylsuchende würden ohne die Aktivisten auf der Straße schlafen müssen.
Viele Asylsuchende würden ohne die Aktivisten auf der Straße schlafen müssen.(Foto: Malte Baumberger)

Johann muss entscheiden, wer welchen Schlafplatz bekommt. "Das geht auch nicht so an mir vorüber." Gerade bei längerfristigen Angeboten bleibt die grundsätzliche Frage der Gerechtigkeit. Täglich kommen zwischen drei und acht Menschen zum Oranienplatz, die eine Unterkunft benötigen. Wer bekommt den Zuschlag? "Es ist belastend. Ich könnte das nicht jeden Tag machen. Insofern ist es gut, dass wir eine Gruppe sind und darüber reden können."

Johann lässt das alte Telefon in seine Tasche gleiten. Er schaut grübelnd auf seine Liste, die nun vollends im Regen verschmiert, und blickt Richtung Oranienplatz. "Es kann ziemlich trostlos sein, im Regen oder auch im ganzen Winter da alleine auf dem O-Platz zu stehen."

Das Schlafplatzorga-Handy klingelt. "Es passiert nicht so oft, dass jemand zurückruft", sagt er verwundert und nimmt ab. Nur noch Hamid und Amadou müssen heute noch vermittelt werden. Beide starren hoffnungslos in die Leere.

"Cool, es klappt alles", ruft Johann freudestrahlend und man merkt, wie eine Last von ihm abfällt. Er hat alles gedeichselt. Hamid kann die Nacht nochmal in der Wohnung seines Freundes verbringen und übernimmt dann am nächsten Tag für drei Nächte den Schlafplatz von Amadou. Der wiederum hat dann einen anderen Platz, sogar für zwei Wochen. So kompliziert es sich anhört, ist es auch. Aber am Ende sind alle versorgt und keiner muss die Nacht auf der Straße verbringen. Johann ist zufrieden. Ohne Formulare und ohne Bürokratie konnte er helfen – pragmatisch und direkt.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen