Politik
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Die gebrochene Republik: Frankreich und das verdammte Terrorjahr

Von Christian Rothenberg

Erst der Anschlag auf "Charlie Hebdo" und dann die Terrorserie in Paris: Kaum ein anderes Land dürfte 2015 in so schlechter Erinnerung behalten wie Frankreich. Rückblick auf ein traumatisches Jahr.

Es ist eine der ersten Meldungen, die die Deutsche Presse Agentur im Jahr 2015 verschickt. "Hunderttausende feiern auf den Champs-Élysées in Paris." Licht- und Videoshow, Champagner, ausgelassene Stimmung auf dem Prachtboulevard - niemand ahnt, was dem Land bevorsteht. 2015 wird ein Jahr, das die Franzosen so schnell nicht vergessen werden. Ein grausames Jahr für die Grande Nation, eines, nach dem vieles nicht mehr so sein wird wie vorher.

Die Nachricht, die nicht nur Frankreich aus der Ruhe nach dem Jahreswechsel reißt, läuft am 7. Januar um kurz nach 12 Uhr über den Nachrichtenticker. "Anschlag auf islam-kritisches Satiremagazin", lautet die Eilmeldung. Gemeint ist die Zeitschrift "Charlie Hebdo", die schon in der Vergangenheit Ziel von Anschlägen war, nachdem sie Mohammed -Karikaturen veröffentlicht hatte. Es gibt Tote und Schwerverletzte. n-tv.de verschickt eine Breaking News, noch ist nicht absehbar, welche Ausmaße die Ereignisse in Paris noch annehmen werden.

Ein paar Stunden später ist das anders. Inzwischen ist klar, was sich in Paris abgespielt hat. Bewaffnete Männer sind in die Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" gestürmt und haben mehrere Mitarbeiter getötet. Der französische Präsident Francois Hollande spricht von einem Terrorakt. Am Nachmittag sind die Anschläge auf der ganzen Welt das Thema in allen Nachrichtensendungen. Viele deutsche Zeitungen drucken Mohammed-Karikaturen des französischen Magazins nach. "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) ist der Slogan der Stunde, der sich bei Facebook und Twitter verbreitet.

Die Täter liefern sich derweil eine Verfolgungsjagd mit der französischen Polizei. Straßen werden abgeriegelt, die Fahndung nach drei Männern läuft. Auf die Spur kommen die Ermittler, weil in einem der Fluchtautos Ausweisdokumente gefunden werden. Einer der Verdächtigen stellt sich der Polizei noch am Abend. Die beiden verbliebenen Flüchtigen, die Brüder Saïd und Chérif Kouachi, werden am Morgen des nächsten Tages an einer Tankstelle im Nordosten von Paris identifiziert. Sie überfallen die Tankstelle und fahren dann zurück in der Richtung, aus der sie gekommen sind. Mehrmals wechseln die ihre Fluchtwagen.

"Tout est pardonné"

In Toulouse gedenken Franzosen der Opfer der Anschläge.
In Toulouse gedenken Franzosen der Opfer der Anschläge.(Foto: REUTERS)

Am 9. Januar verschanzen sich die Brüder in einer Druckerei in Paris und nehmen eine Geisel. Sie wissen nicht, dass sich noch ein weiterer Mann im Gebäude aufhält, der der Polizei Hinweise gibt. Es dauert nicht lange, bis die Druckerei von Sondereinsatzkommandos umstellt ist. Währenddessen stürmt ein Mann, der aus derselben Dschihad-Gruppe wie die "Charlie-Hebdo"-Attentäter stammt, ein jüdisches Geschäft am Stadtrand. Am Nachmittag beendet die Polizei beide Geiselnahmen. Bei der Schießerei werden die drei Terroristen getötet. Al-Kaida bekennt sich kurz später zu dem Attentat. Die Bilanz des Terrors: 17 Tote.

An dem folgenden Wochenende ziehen Millionen Menschen, darunter Politiker aus der ganzen Welt, durch die Pariser Innenstadt und gedenken der Opfer. Am 14. Januar erscheint die neue Ausgabe, gestaltet von den verbleibenden Mitarbeitern von "Charlie Hebdo". An den Kiosken in Paris bilden sich Schlangen. Bisher betrug die Auflage 60.000 Hefte, jetzt sind nach wenigen Stunden alle 700.000 Exemplare ausverkauft. Auf der Titelseite: eine Karikatur von Mohammed und der Satz "Tout est pardonné" (alles ist vergeben). Im Februar klettert die Auflage auf 2,5 Millionen.

Der Ausnahmezustand in Paris bleibt in Kraft. Die Regierung im Élysée-Palast mobilisiert 10.000 Soldaten, die nun auch im Landesinneren eingesetzt werden dürfen. Sie patrouillieren an Einkaufszentren, öffentlichen Plätzen und Schulen. Das Land bleibt im Visier von Terroristen. Allein bis April verhindert die Regierung nach eigenen Angaben fünf Anschläge. Im Juni enthaupten Islamisten einen Mann in der Nähe von Lyon. Im August wird ein Islamist im Thalys-Zug nach Paris von US-Soldaten auf Urlaubsfahrt überwältigt.

Alltag in Frankreich nach den Terroranschlägen: Kontrollen an Bahnhöfen.
Alltag in Frankreich nach den Terroranschlägen: Kontrollen an Bahnhöfen.(Foto: AP)

In Paris herrscht weiterhin höchste Alarmstufe, im Rest des Landes die zweithöchste. Dennoch kann die Polizei nicht verhindern, was am 13. November geschieht. Bei sechs koordinierten islamistischen Anschlägen, unter anderem in der Konzerthalle Bataclan und am Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich ausgetragen wird, sterben insgesamt 130 Menschen, 352 werden verletzt. Anders als von ihnen geplant kommen die Attentäter nicht ins Stadion hinein. Dennoch hören Spieler und Zuschauer Explosionen und das nahe Rattern von Maschinengewehren. Die Terroristen schießen wahllos auf Passanten, zünden Bomben und sprengen sich dann teilweise selbst in die Luft.

"Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen"

Abdelhamid Abaaoud, der als einer der Drahtzieher gilt, stirbt am 18. November bei einer Razzia. In Belgien werden mehrere Verdächtige festgenommen. Aus dem engeren Umfeld der Attentäter ist nur noch Abaaouds Bruder Salah flüchtig. In einem Brief bekennt sich die Terrormiliz Islamischer Staat zu den Anschlägen. "Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung", heißt es darin. "Frankreich und jene, die seinem Pfad folgen, wissen, dass sie ganz oben auf der Liste der Ziele des Islamischen Staates stehen und dass der Geruch des Todes ihre Nasen nicht verlassen wird."

Nach Schätzungen sind etwa 2000 Franzosen oder in Frankreich lebende Menschen in radikal-islamischen Netzwerken aktiv. Die französische Nationalversammlung beschließt Anfang Dezember mit deutlicher Mehrheit erneut eine Verlängerung des Ausnahmezustandes. Das erlaubt der Regierung die Sperrung von Internetseiten, die Auflösung radikaler Moscheevereine und mehr Möglichkeiten, Verdächtige unter Hausarrest zu stellen.

Paris erholt sich nur langsam von den Anschlägen. In Cafes und Restaurants in den Ausgehvierteln ist es leerer als sonst. Die Ereignisse der vergangenen Monate schrecken Touristen ab. Die Übernachtungszahlen brechen ein. Bis zu 30 Prozent weniger zählt der Tourismusverband, Flüge werden storniert. Am 16. Dezember schießt die französische Gendarmerie auf ein Fahrzeug, das auf das Gelände am Pariser Invalidendom fährt. Der Fahrer wird festgenommen, Sprengstoffexperten rücken an, finden aber nichts Verdächtiges. Am Ende des Terrorjahrs rechnet man in Paris mit dem schlimmsten.

Anfang Dezember werden bei London vier Terror-Verdächtige gefasst, zwei Wochen später zwei weitere in Salzburg. Wie sich herausstellt, ist einer der Täter aus Paris als Flüchtling eingereist. Ganz Europa ist alarmiert wegen der Terrorgefahr. Doch Frankreich hat die Bedrohung am nachhaltigsten verändert. Die Terrorangst mag nicht mehr aus den Köpfen verschwinden. Sie ist jetzt immer da.

Quelle: n-tv.de

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