Politik
Im Wahlkampf will sich Steinbrück ein Beispiel nehmen an Gerhard Schröder.
Im Wahlkampf will sich Steinbrück ein Beispiel nehmen an Gerhard Schröder.(Foto: picture alliance / dpa)

"Ich kämpfe für Rot-Grün": Gabriel lässt Steinbrück los

Von Christian Rothenberg

Plötzlich kann es gar nicht schnell genug gehen. Am letzten Freitag im September sickert die Nachricht von Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur plötzlich durch. Im Lager der Genossen herrscht Erleicherung über die vorgezogene Entscheidung. Ein Jahr vor der Bundestagswahl ist der Wahlkampf damit offiziell eröffnet.

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An Tagen wie diesen ist auch ein Sigmar Gabriel mal um eine gute Antwort verlegen. Warum er denn die SPD-Kandidatenkür nun doch vorgezogen habe, wird er von einem Journalisten gefragt. "Nun, das Leben kommt manchmal anders als man denkt. Sonst wär's ja auch langweilig", entgegnet der sonst so beredte Parteichef. Doch dann gelingt ihm doch noch die Pointe. "Aber in der SPD ist alles wie früher: Am Ende hat Helmut Schmidt immer Recht."

Kurz zuvor hatte Gabriel im Willy-Brandt-Haus gemeinsam mit Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück die Bühne betreten. Drei Männer in Sieger-Pose, jeder an einem eigenen Podium. Gabriel in der Mitte. Doch anders als bei den letzten Auftritten der drei scharen sich die Fotografen scharen diesmal nur um den Herrn ganz links: Steinbrück.

Die Tage der Troika mit gleich drei Kanzlerkandidaten sind vorbei, die Entscheidung ist gefallen. Gleich in seinem ersten Satz verkündet der Parteichef die Botschaft, auf die nicht nur die Sozialdemokraten seit langem warten. Gabriel will dem Parteivorstand in der kommenden Woche vorschlagen, Steinbrück als Kanzlerkandidaten zu nominieren. Die Sozialdemokraten im Foyer der Parteizentrale applaudieren. Gabriel sagt es, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Nach eigener Schilderung stand für ihn schon im Frühjahr 2011 fest, auf eine eigene Kandidatur zu verzichten. Ende Juni gibt er Steinmeier und Steinbrück eine Hausaufgabe mit in die Sommerpause. Jeder solle für sich überlegen, "ob er prinzipiell zur Verfügung steht für die Kandidatur". Es ist Steinmeier, der sich zuerst entscheidet. Vor vier Wochen sagt er Gabriel ab. Steinbrücks Reaktion kommt erst vor 14 Tagen. Er sagt zu.

"Der wird an der Wand entlang gezogen"

Gabriel verkündet Steinbrücks Kür mit kleinen und glasigen Augen. Die vergangenen Wochen haben Spuren hinterlassen. Am Morgen wollte der 53-Jährige eigentlich zu einem Kongress der bayerischen SPD reisen. Doch kurzfristig sagt Gabriel seine Teilnahme ab und fährt nach Berlin. Der Grund: Es gibt eine undichte Stelle. Irgendwie ist Gabriels Festlegung auf Steinbrück durchgesickert. Nun will er, der als Parteichef das Vorschlagsrecht besitzt, die Personalie aber eigentlich frühestens im November bekanntgeben wollte, keine Zeit mehr verlieren. "Für mich ist Peer Steinbrück der beste Kanzler, den Deutschland finden kann", sagt Gabriel. Endlich ist er sie los, die Last, die er in den vergangenen Monaten mit sich herumtrug.

Steinmeier redet am kürzesten an diesem Nachmittag. Die Entscheidung fiel ihm schwer, das ist ihm anzusehen, über die Ursachen vermag er nicht viel zu sagen. Er nennt persönliche Gründe. Über seine mit 23 Prozent verlorene Bundestagswahl 2009 spricht er nicht. Doch auch im Moment seines Rückzugs zeigt er letztlich Größe. "Peer, ich verspreche dir, ich werde mich in diesem Wahlkampf so engagieren als wäre es mein eigener."

Der, über den bis dahin nur gesprochen wurde, redet als Letzter. "Ich bin mir der Verantwortung sehr bewusst. Ich kämpfe für Rot-Grün", sagt Steinbrück. In den kommenden Monaten wolle er sich ein Beispiel nehmen am Wahlkämpfer Gerhard Schröder. Dabei will Steinbrück offenbar weiter auf die Troika setzen. Diese werde "über diesen Tag hinaus weiter zusammenwirken". Mehr will Steinbrück vorerst auch gar nicht sagen. "Aus stilistischen Gründen will ich erst mit den Parteigremien sprechen", betont er an dem Tag, als aus dem einfachen Bundestagsabgeordneten ein Kanzlerkandidat geworden ist.

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Vor den Gefahren der frühen Kür hatte Steinbrück im "Spiegel" am Wochenende noch gewarnt: "Der wird an der Wand entlang gezogen, zersägt, dann zusammengeklebt und wieder auseinandergenommen." Jetzt wird's endgültig ernst für den Hanseaten. Die kommenden zwölf Monate diktiert der Wahlkampf gegen Merkel. In der Finanzkrise 2008 galten Steinbrück und sie noch als "Dreamteam". Gemeinsam garantieren Finanzminister und Kanzlerin damals, dass die Spareinlagen sicher sind. Von nun an sind sie erbitterte Gegner.

Quelle: n-tv.de

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