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"Euer Hass ist unser Ansporn": Gauck ruft zu Weltoffenheit auf

Es kommt etwas in Bewegung in Deutschland. Die Terroranschläge von Paris und die islamfeindlichen Demos in Dresden rücken das Problem der Einwanderung in den Fokus. "Wir alle sind Deutschland", ruft Bundespräsident Gauck in Berlin.

Bei der Mahnwache für ein "weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit" am Brandenburger Tor in Berlin.
Bei der Mahnwache für ein "weltoffenes und tolerantes Deutschland und für Meinungs- und Religionsfreiheit" am Brandenburger Tor in Berlin.(Foto: REUTERS)

Bundespräsident Joachim Gauck hat den Muslimen in Deutschland gedankt, die gegen die Anschläge in Paris auf die Straße gegangen sind. "Sie alle sind gekommen, um ein Zeichen zu setzen", sagte Gauck bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor, zu der Islamverbände aufgerufen hatten. "Sie wollen, wie wir alle, diesen Staat und die Freiheit seiner Bürger schützen." Die übergroße Mehrheit der Muslime fühle sich der offenen Gesellschaft in Deutschland zugehörig und sei bereit, dafür einzutreten.

Das Ziel der Angreifer in Frankreich sei es gewesen, offene Gesellschaften zu spalten. "Erreicht haben sie das Gegenteil", sagte Gauck, der bei der Veranstaltung vor der französischen Botschaft in Berlin nach einer Schweigeminute für die Opfer von Paris sprach. "Ich danke den muslimischen Gemeinschaften und allen Muslimen, die hier und heute sagen: 'Terror, nicht in unserem Namen!'" Dies sei ein "patriotisches Ja" zu Deutschland, fügte der Bundespräsident vor mehreren tausend Menschen hinzu.

Distanz überwinden

Gauck: Wir alle sind Deutschland.
Gauck: Wir alle sind Deutschland.(Foto: dpa)

Gauck fand jedoch auch kritische Worte bei der Veranstaltung, die vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und der Türkischen Gemeinde Berlin (TGB) angemeldet worden war. "Es gibt in unserem Land manches, das uns Sorgen macht", sagte der Bundespräsident. "Die Feindbilder und Konflikte im Nahen Osten wirken häufig bis auf unsere Straßen." Gauck nannte auch die Ausreise hunderter junger Männer, die im Namen des Islams in Kampfgebiete wie in Syrien gezogen seien. "Wir schenken Euch nicht unsere Angst, Euer Hass ist unser Ansporn", sagte Gauck.

Der Bundespräsident bemängelte zudem, dass die Distanz zwischen Einwanderern und Einheimischen noch zu selten überwunden werde. "So wie wir heute zusammenstehen, so wünsche ich mir die gesamte Gesellschaft", sagte Gauck vor dem Brandenburger Tor, das in Frankreichs Nationalfarben - blau, weiß und rot - angestrahlt wurde. "Wir alle sind Deutschland."

Muslimische Gemeinschaft ist gefordert

Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, warnte vor einer "immer stärkeren Radikalisierung" des Islams etwa in Asien, Afrika sowie im Nahen Osten. "Die gesamte Welt, vor allem aber die Muslime selbst sind daher aufgerufen, gegen diesen Terrorismus vorzugehen", sagte Lehrer. Aber auch in Deutschland sei die muslimische Gemeinschaft gefordert. "Antisemitismus unter vor allem jungen Muslimen darf nicht einfach hingenommen werden", forderte Lehrer und rief dazu auf, den "schädlichen Einfluss vieler Fernsehsender aus dem arabischen Raum und des Internets" zu bekämpfen.

"Bei allem, was die Religionen trennen mag - es eint uns der Wille, uns nicht gegeneinander aufbringen zu lassen", sagte der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz. Es stellten sich aber auch Fragen dazu - und zwar nicht nur an die Muslime -, warum in Europa aufgewachsene junge Menschen ein "Gefühl der abgrundtiefen Fremdheit, ja des Hasses gegenüber unseren westlichen Gesellschaften" fühlten.

Seit den islamistischen Anschlägen wird in Deutschland über Integration, Einwanderung sowie das Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen diskutiert. Bereits im Vorfeld hatten sich Vertreter aus Politik und Religion um einen Schulterschluss bemüht.

"Wir werden es nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft von Extremisten, die nur das Ziel haben, Hass und Zwietracht zu stiften, auseinandergerissen wird", hieß es in dem Aufruf zu der Veranstaltung. In einer Sitzung der CDU-Bundestagsfraktion sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Angaben von Teilnehmern, es sei ein "ganz wichtiges Zeichen", dass die Einladung zu der Mahnwache von Seiten der Islam-Verbände erfolgt sei.

Quelle: n-tv.de

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