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Die Zahl der Toten durch die israelische Offensive auf den Gaza-Stadtteil Schudschaijja liegt nach ersten Schätzungen bei mindestens 80 - und steigt weiter.
Die Zahl der Toten durch die israelische Offensive auf den Gaza-Stadtteil Schudschaijja liegt nach ersten Schätzungen bei mindestens 80 - und steigt weiter.(Foto: dpa)

Fast 100 Palästinenser sterben: Gaza erlebt blutigen Sonntag

Israel bombardiert den ganzen Tag einen Vorort von Gaza, wo besonders viele Hamas-Verstecke vermutet werden. Die Zivilisten trifft der Angriff unvermutet hart - mindestens 96 Menschen sterben. Auf israelischer Seite sterben 13 Elitesoldaten.

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Massenflucht im Bombenhagel: Tausende Palästinenser sind vor massiven Luftangriffen Israels auf den nördlichen Gazastreifen geflüchtet, bei denen erneut dutzende Menschen getötet wurden. Palästinensische Rettungskräfte zählten mindestens 96 Leichen in dem Küstenstreifen. Zudem gab es demnach 400 Verletzte allein in Schudschaijja. Israel kündigte für den Abend eine weitere Ausweitung seiner Bodenoffensive an.

Auf den Straßen des östlich von Gaza-Stadt gelegenen Vororts Schudschaijja rannten Tausende Zivilisten um ihr Leben. Ihr Fluchtweg wurde von den Leichen früherer Nachbarn gesäumt, viele Verletzte blieben in den Trümmern ihrer Häuser eingeschlossen.

Im Schifa-Krankenhaus von Gaza werden minütlich neue Opfer eingeliefert, darunter viele vor Schmerzen schreiende Kinder, deren Körper mit Splitterwunden übersät waren. "Die Bomben prasselten ununterbrochen auf uns ein, sie waren überall", berichtete eine verzweifelte Mutter in der Klinik. "Wir rannten auf die Straße und liefen los. Es war entsetzlich."

Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums kamen seit Beginn der israelischen Militäroffensive am 8. Juli inzwischen mehr als 430 Menschen im Gazastreifen ums Leben, mindestens 62 davon an einem Tag in Schedschaija. Das Palästinensische Zentrum für Menschenrechte gibt die Zahl der Menschen, die aus ihren Häusern geflohen sind, mit 130.000 an.

Die israelische Armee teilte derweil mit, dass 13 israelische Soldaten bei den Kämpfen getötet wurden. Die Kämpfer der als Elitetruppe geltenden Golani-Einheit seien bei Gefechten im Viertel Schudschaijja zu Tode gekommen. Derart hohe Verluste hatten die israelischen Streitkräfte zuletzt 2006 im Libanon-Krieg. Damit kamen seit Beginn der Bodenoffensive am Donnerstagabend 18 israelische Soldaten ums Leben.

"Sind bereit, schrecklichen Preis zu zahlen"

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Die israelische Armee verkündete auf Drängen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz am Mittag eine zweistündige "humanitäre Waffenruhe" für Schudschaijja. Die radikalislamische Hamas hatte dem Vorschlag ebenfalls zugestimmt, um Rettungskräften zu ermöglichen, Tote zu bergen und Verletzte zu behandeln. Keine Stunde später erklärten Israels Streitkräfte die Waffenruhe allerdings wieder für gescheitert, da nach "Beschuss der Hamas" von der Armee "zurückgeschossen" worden sei.

Nach Darstellung des Militärs hätte die Feuerpause auch zur Evakuierung der Gebiete westlich von Schudschaijja genutzt werden sollen. In Schudschaijja selbst habe die Hamas "ihre Raketen, ihre Tunnel und ihr Kommandozentrum", begründete die Armee ihre massiven Angriffe. Vor Tagen sei die Zivilbevölkerung zum Verlassen des Gebiets aufgerufen worden, die Hamas habe sie jedoch zum Bleiben aufgefordert "und damit in die Schusslinie gerückt".

Der ultranationalistische israelische Finanzminister Naftali Bennett sagte im Radio, die Hamas habe den gleichzeitigen Angriff mehrerer israelischer Dörfer über ein geheimes Tunnel-Netzwerk vorbereitet. Israel sei "bereit dazu, einen schrecklichen Preis zu zahlen, damit israelische Zivilisten nicht Opfer einer solchen Katastrophe werden".

Die palästinensische Regierung forderte die internationale Gemeinschaft zu einer "sofortigen Reaktion auf dieses Kriegsverbrechen" auf. Auch die Arabische Liga nannte das "brutale Bombardement" des Gazastreifens völkerrechtswidrig. US-Außenminister John Kerry, der eine "sehr baldige" Nahost-Reise ankündigte, machte hingegen die "Sturheit" der Hamas als Hauptgrund für den blutigen Konflikt aus - schließlich hätten die Islamisten "die ihnen angebotene Waffenruhe ausgeschlagen".

Ban will vermitteln

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kritisierte im Fernsehsender CNN, Gaza sei trotz früherer Demilitarisierungsabkommen zu einer "vom Iran finanzierten und ausgerüsteten Festung des Terrors geworden, mit tausenden und abertausenden von Raketen und anderen Waffen, die hineingeschmuggelt und dort gebaut werden. Das muss ein Ende haben." Die Tunnel der Hamas könnten "relativ schnell" zerstört werden, die Demilitarisierung des Gazastreifens wiederum sei Aufgabe der gesamten Weltgemeinschaft.

Der Gazastreifen ist seit acht Jahren streng abgeschottet, nur in seltenen Ausnahmefällen dürfen Palästinenser die Grenzübergänge nach Israel passieren. Da der schmale Küstenstreifen mit 1,8 Millionen Menschen auf 362 Quadratkilometern zu den dichtestbesiedelten Regionen der Welt gehört, gestaltet sich eine gebietsinterne Evakuierung höchst schwierig, die Grenzen wiederum sind geschlossen.

UN-Generalsekretär Ban will nun auf seiner Vermittlungsreise beide Konfliktparteien an einen Tisch bringen, um einen "dauerhaften Waffenstillstand" zu erreichen. Nach einem Besuch in der katarischen Hauptstadt Doha am Sonntag soll Ban im Verlauf der Woche weiter nach Kuwait, Ägypten, Israel, ins Westjordanland und nach Jordanien reisen.

In Doha ist auch ein Gespräch zwischen Hamasführer Chaled Maschaal und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geplant. Maschaal verlangt das Ende der Blockade des Gazastreifens, die Öffnung des Grenzübergangs Rafah nach Ägypten und die Freilassung palästinensischer Gefangener.

Quelle: n-tv.de

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