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Flüchtlinge kommen nicht weiter: "Griechenland wird das nicht schaffen"

Tausende Migranten sitzen an der Grenze zu Mazedonien fest. Sie kommen nicht weiter, die afghanischen Flüchtlinge sind "sehr, sehr wütend", wie n-tv Reporter Dirk Emmerich im Interview berichtet. Er ist seit vergangenem Donnerstag vor Ort und weiß: Griechenland steht vor einem Riesenproblem.

n-tv.de: Griechische Sicherheitskräfte haben am Morgen mit der Räumung der Grenze bei Idomeni begonnen. Wie ist die Lage vor Ort?

Dirk Emmerich: Nach unserer Einschätzung befinden sich dort noch 1300 Flüchtlinge, die alle aus Syrien und dem Irak kommen. Ungefähr 700 Afghanen wurden heute früh in 12 Bussen abtransportiert und offenbar nach Athen gebracht. Bei einer Beruhigung der Lage am Grenzübergang werden die verbliebenen irakischen und syrischen Flüchtlinge wohl in den nächsten Stunden oder morgen nach Mazedonien rübergehen und dann den normalen Weg auf der Balkan-Route nehmen können. Mazedonien nimmt ja nach wie vor Syrer und Iraker auf.

Wie gut werden die Flüchtlinge an der Grenze in Griechenland versorgt?

Es gibt das Übergangslager direkt an der Grenze mit einer Kapazität von 1500 Menschen. Für sie ist dort gesorgt - sowohl was die Unterkunft als auch was Essen und Trinken betrifft. In den vergangenen Monaten hat sich das Prozedere sehr gut eingespielt und wurde hauptsächlich von Hilfsorganisationen übernommen. Diese kümmern sich engagiert um die Neuankömmlinge, weisen ihnen Zelte und Betten in den Unterkünften zu.

Wie reagieren die afghanischen Flüchtlinge, die nun in Griechenland festsitzen?

Wir haben gestern mit vielen afghanischen Flüchtlingen gesprochen, die sehr, sehr wütend sind, weil sie nicht weiterkommen. Sie sind wütend auf Mazedonien, sie sind wütend auf Europa, sie sind wütend, dass sie als Flüchtlinge zweiter Klasse eingestuft werden. Vor allem jüngere Männer sagen, dass sie für die Isaf, die internationale Schutztruppe in Afghanistan, gearbeitet haben, und nun die Rache der Taliban fürchten. Sie können nicht nach Afghanistan zurück.

Auch wenn die griechischen Sicherheitskräfte die afghanischen Flüchtlinge von der Grenze bei Idomeni weggeschickt haben: Kehren sie nicht gleich wieder zurück oder suchen sich Ausweichrouten?

Das kann man nicht ausschließen. Es gibt an vielen Stellen jenseits des offiziellen Grenzübergangs Löcher im Zaun, wo sie durchschlüpfen können, sei es mit eigenem Know-how oder dem Know-how von Schleppern. Aber es ist ein sehr gefährlicher Weg, weil sie auf dem Weg bis Österreich eine nächste Grenze nach Serbien, dann nach Kroatien und schließlich nach Slowenien überwinden müssen. Seit letztem Donnerstag haben diese vier Balkanstaaten eine klares Prozedere verabredet: Nur wenn die entsprechenden Stempel auf einem bestimmten, in Griechenland ausgestellten Papier sind, können die Flüchtlinge die nächste Grenze passieren. Das heißt, wenn sie hier illegal durch ein Loch kommen, müssen sie das auch an der nächsten Grenze machen, nach Serbien und dann nach Kroatien und Slowenien.

Dirk Emmerich.
Dirk Emmerich.

Und was passiert, wenn sie in einem der Länder ohne die entsprechenden Stempel aufgegriffen werden?

Ich glaube nicht, dass etwa die serbischen Behörden die Möglichkeit haben, Flüchtlinge nach Griechenland zurückzuschicken. Sie werden vermutlich an der Grenze stranden und dort bleiben. Gestern und vorgestern wurden 600 Flüchtlinge aus Afghanistan nicht nach Serbien reingelassen. Hintergrund ist, dass Kroatien keine afghanischen Flüchtlinge mehr aufnimmt und in der Folge die Serben gesagt haben: "Dann kommen bei uns auch keine mehr rein." Dann haben die Mazedonier das Gleiche entschieden.

Was hat das für Folgen?

Das große Problem ist: Wenn die Balkanroute nicht mehr so durchlässig ist wie in den letzten Wochen und Monaten, wenn jetzt auch keine Afghanen mehr rüberkommen oder möglicherweise die Grenze ganz dichtgemacht wird, dann gibt es einen Rückstau. Entweder hier in Idomeni oder irgendwo anders in Griechenland.

Und wann ist die Aufnahmekapazität von Griechenland erschöpft?

Wenn jeden Tag 3000 bis 4.000 Flüchtlinge auf den Inseln landen, diese ans griechische Festland transportiert werden und dort nicht weiterkommen, dann kann man sich ausrechnen, wie das endet: Dann sind es heute 4000 Flüchtlinge mehr in Griechenland, morgen 8000, dann 12.000. Da darf man sich nichts vormachen: Griechenland wird das nicht schaffen. Griechenland hat riesengroße Wirtschaftsprobleme, steht unter ganz harten Auflagen der EU-Troika, muss eigentlich jeden Euro dreimal umdrehen, hat Sozialprogramme gekürzt und Steuern an vielen Stellen erhöht. Selbst wenn das Land gesund wäre, wären die Flüchtlinge eine riesengroße Herausforderung. Aber in der derzeitigen Lage steht Griechenland irgendwann vor einem Riesenproblem.

Mit Dirk Emmerich sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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