Politik
Pro-Anonymous-Demonstranten in Madrid im Januar.
Pro-Anonymous-Demonstranten in Madrid im Januar.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 13. Juli 2011

Das Ende von Wikileaks & Co.?: Hacker übernehmen den Kampf

von Roland Peters

Wikileaks war zum Jahreswechsel in aller Munde - aber es ist still geworden um die Enthüllungsplattform. Stattdessen macht die Hackergruppe Anonymous von sich reden, infiltriert Unternehmen und stellt die Bank of America oder die US-Handelskammer an den Pranger.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben die Aktivitäten von Hackern eine neue Stufe erreicht. Viele Unternehmen und Regierungsorganisationen waren Ziel von Angriffen: Regierungsnahe Unternehmen in den USA, offizielle Stellen in Australien oder Brasilien, die britische Polizeibehörde SOCA und die Polizei des US-Staats Arizona, zuletzt der deutsche Zoll. Jetzt muss offenbar auch die große US-amerikanische Sicherheitsberatungsfirma Booz Allen Hamilton (BAH) Federn lassen.

Die Hacktivistengruppe Anonymous verschaffte sich nach eigener Darstellung Zugang zu 90.000 E-Mail-Daten von Angehörigen der US-Streitkräfte und Mitarbeitern von Rüstungsunternehmen – und stellte sie komplett online. Die Hackergruppe riskiert den großen Schritt in die Öffentlichkeit und übernimmt damit die Position des Mediums und des Machers zugleich.

Enthüllungsplattformen liegen brach

Als die Enthüllungsplattform Wikileaks seine großen Tage hatte - etwa wegen der Geheimdokumente zum Irakkrieg oder dem Einsatz des Westens in Afghanistan -, waren es andere, die die Informationen lieferten. Wikileaks war nur Plattform für die Veröffentlichung. Nun sitzt deren Kopf Julian Assange in England, muss jeden Tag bei der Polizei vorsprechen und fürchtet seine Auslieferung an Schweden.

Wird wohl nach Schweden ausgeliefert: Wikileaks-Chef Julian Assange.
Wird wohl nach Schweden ausgeliefert: Wikileaks-Chef Julian Assange.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch die vom ehemaligen Sprecher Daniel Domscheit-Berg und anderen Ex-Wikileaks-Mitarbeitern gegründete und im April online gestellte Plattform Openleaks liegt nach außen hin brach. Was hinter der Fassade der Website geschieht, ist nicht aufzuklären, denn eine Whistleblower-Seite lebt von eben dieser Qualität – Informationen werden weitergeleitet und veröffentlicht, alles andere geschieht im Verborgenen.

Anonymous war es, das zurückschlug, als die US-Regierung wegen der veröffentlichten Berichte der US-Diplomaten zum Jahreswechsel immer mehr Druck auf Wikileaks aufbaute, die Seite sogar zeitweise offline war. "Operation Payback" sollte zeigen, dass sich die Vereinigung auch gegen vermeintlich übermächtige Widersacher wehren kann. Die Aktion war erfolgreich, der Name Anonymous plötzlich allgemein ein Begriff.

Geschäftsbeziehungen zur US-Regierung

Die aktuelle Aktion gegen Booz Allen Hamilton zeigt, dass der Kampf um Informationen in vollem Gange ist. Nicht-offizielle Akteure abseits von Unternehmen und Regierungsorganisationen trauen sich immer mehr aus der Deckung und stellen Informationen allen zu Verfügung, statt sie an etablierte Medien zu geben, die das Material vorab auswerten.

Booz Allen Hamilton berät auch US-Regierungsstellen in Sachen Cyberabwehr.
Booz Allen Hamilton berät auch US-Regierungsstellen in Sachen Cyberabwehr.

Booz Allen Hamilton berät hauptsächlich US-Regierungseinrichtungen zu Verteidigungs- und Heimatschutzfragen. Im gleichen Kontext pflegt das Unternehmen enge Geschäftsbeziehungen zur US-Regierung, vor allem zum Pentagon und zu den Teilstreitkräften Heer, Marine und Luftwaffe. Passenderweise ist Cybersicherheit eines der Haupttätigkeitsfelder von BAH.

Das Unternehmen reagierte auf die Erklärung der Hackergruppe und erklärte, dass es "grundsätzlich zu spezifischen Drohungen oder Aktionen gegen unsere Systeme" keine Stellungnahme abgebe. Sie hätten allen Grund dazu. Die Geschichte dahinter ist höchst brisant und reicht bis Anfang des Jahres zurück, als Anonymous E-Mails eines anderen US-Unternehmens, der Sicherheitsfirma HBGary, stahl.

Operation "Metal Gear"

Der Inhalt des damals erbeuteten Schriftverkehrs: Das Unternehmen erstellte Spionageprogramme für verschiedene Organisationen und arbeitete zudem an einer Software, um die öffentliche Meinungsbildung im Internet zu beeinflussen. Anonymous gab dem Geheimprojekt auch einen Namen – "Metal Gear". Zudem sollten Kritiker der US-Handelskammer und auch der Bank of America durch Cyberangriffe und gefälschte Dokumente zum Schweigen gebracht werden. Mit solchen "proaktiven Taktiken" sollten auch Wikileaks sowie US-Websites attackiert werden, die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten unterstützen.

Sind Hacker ein neues Regulativ?
Sind Hacker ein neues Regulativ?(Foto: picture alliance / dpa)

Die Folge war absehbar, HBGary-Chef Aaron Barr musste gehen. Die Attacke auf Booz Allen Hamilton begründete Anonymous damit, dass das Unternehmen sich ebenfalls für die Umsetzung von "Metal Gear" beworben haben soll. Betroffen von den jetzt bei BAH gestohlenen Daten sind keine Unbekannten, sondern wichtige Sicherheitsfunktionäre.

Der Vizepräsident von BAH, John Michael McConnell, war zuvor Chef der National Security Agency NSA sowie oberster Chef aller 15 US-Geheimdienste, darunter auch der CIA und des FBI. Inzwischen sitzt James R. Clapper auf diesem Sessel – und ist ebenfalls betroffen. Auch die Daten von Robert James Woolsey, Ex-Chef der CIA sowie Melissa Hathaway, bis 2009 hochrangige Regierungsspezialistin für Cybersicherheit, wurden gestohlen.

Anonymous stellt Opfer eine Rechnung

Die erbeuteten Inhalte legen Angaben von Anonymous zufolge nahe, dass Booz Allen Hamilton an diversen zweifelhaften Projekten beteiligt ist, darunter illegale Überwachungssysteme und unrechtmäßiges Abhören von Personen. Auch Beweise für korrupte und in Machenschaften mit BAH verwickelte US-Regierungsbeamte wollen die Hacker entdeckt haben. Nachweisbar sind die Angaben allerdings kaum, da Anonymous die einzige Quelle für die Aktion ist.

Anonymous höhnte nach dem mutmaßlichen Diebstahl, der betroffene Server habe "grundsätzlich keine Sicherheitsmaßnahmen installiert". An der gleichen Stelle boten die Hacker E-Mail-Adressen und die zugehörigen Passwörter über die Plattform The Pirate Bay an. Mit enthalten war eine Rechnung für die Arbeitsstunden bei der Offenlegung der Sicherheitslücken. Für das Eindringen ins Netzwerk selbst berechnete Anonymous nichts - "entfällt wegen zu wenig Aufwand", hieß es lapidar.

Beim Mitteilungsdienst Twitter bezeichnete Anonymous die Aktion als "Military Meltdown Monday", also den "Montag der militärischen Kernschmelze". Einer der wenigen, zumindest mit seinem Alter Ego bekannten Köpfe ist "Sabu". Der schreitet auch in den Medien voran und gab Anfang des Monats sogar ein Interview. Nun ließ der inzwischen für Anonymous agierende mutmaßliche Ex-Lulzsec-Chef die Netzgemeinde wissen: Die als Teil der "Operation Anti-Security" proklamierte Aktion gegen Booz Allen Hamilton sei "nur der Anfang".

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Quelle: n-tv.de

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