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Jobcenter-Broschüre sorgt für Ärger: Hartz-IV-Empfänger, verkauft eure Möbel!

Von Christian Rothenberg

Legen Sie Steine in die Klospülung, trinken Sie Leitungswasser und essen Sie weniger Fleisch: In einer Broschüre gibt ein norddeutsches Jobcenter Hartz-IV-Empfängern Tipps. Doch der Comic mit der fiktiven Familie Fischer sorgt für Entrüstung und wirft Fragen auf: Macht Hartz IV glücklich?

Stets gut gelaunt und zu Diensten: der Jobcenter-Mitarbeiter Ihres Vertrauens.
Stets gut gelaunt und zu Diensten: der Jobcenter-Mitarbeiter Ihres Vertrauens.(Foto: Jobcenter Kreis Pinneberg)

Welches Kraut rauchen die da eigentlich in Pinneberg? Das fragt ein gewisser "Vocans" in einem Internetforum. "Also ich will mir meine Festplatte mit so einem Märchen nicht zumüllen.....sonst kommen mir noch Tränen.......Lachtränen...". Die neue Spar-Broschüre für Hartz-IV-Empfänger vom Jobcenter Kreis Pinneberg wird jedoch nicht nur mit Zynismus aufgenommen: "Das ist der peinlichste ALG2-Ratgeber, der mir bisher in die Finger gekommen ist", wettert Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes bei n-tv.de. "Das ist eine pure Frechheit, wie Menschen, die in bitterer Not leben müssen, mit einer Seifenoper schlicht veralbert werden."

Was ist passiert? Vor einigen Tagen hatte das Jobcenter Pinneberg den Ratgeber "Arbeitslosengeld II" (ALG2) veröffentlicht. Um die Broschüre etwas aufzulockern, griffen die Initiatoren zum Malkasten. Das Ergebnis ist ein bunter Comic über Familie Fischer. Die Geschichte: Knut Fischer wird arbeitslos und muss Arbeitslosengeld beantragen. Am Beispiel der fiktiven Familie präsentiert das Jobcenter Tipps für den Alltag von vermeintlich typischen Hartz-IV-Empfängern.

Endlich Gemüse anbauen

350 Euro für zwei alte Möbelstücke - die Fischers sind gute Geschäftsleute.
350 Euro für zwei alte Möbelstücke - die Fischers sind gute Geschäftsleute.(Foto: Jobcenter Kreis Pinneberg)

Die Fischers nehmen die Hürde jedenfalls mit viel Fassung: Als die Familie beschließt, eine Woche auf Fleisch zu verzichten, jubelt die Tochter: "Ich wollte sowieso Vegetarierin werden." Um etwas Geld zu verdienen, verkauft die Familie im Internet zwei elf Jahre alte Möbelstücke für 350 Euro. Denn: "Der Erlös aus dem Verkauf von Möbeln" wird Hartz-IV-Empfängern nicht angerechnet. Doch damit nicht genug: Ebenso rät die Broschüre dazu, Leitungswasser zu trinken statt Getränke zu kaufen, zu duschen statt ein Vollbad zu nehmen und Steine in die WC-Spülkästen zu legen, um Wasser zu sparen. "Vielleicht müsst ihr euch nur daran gewöhnen", sagt eine Freundin.

Infolge des Hartz-IV-Bescheids ziehen die Fischers um. Denn die alte Wohnung ist größer, als das Amt erlaubt. Doch auch diese Zumutung meistert die Familie mit bewundernswerter Heiterkeit. Dass sie selbst renovieren müssen – kein Problem. Denn Mama Sylvia "streicht für ihr Leben gern". Ebenso unbeeindruckt lässt die Familie, dass das neue Zuhause viel kleiner ist als das alte. Fazit: Alle sind froh. Die Wohnung ist perfekt. Beide Kinder haben ein eigenes Zimmer. Und endlich hat Papa Knut einen eigenen Garten. Er wollte schon "so lange eigenes Gemüse anbauen". So schön ist wohl nur Hartz IV.

"Broschüre einstampfen!"

Heinrich Alt, Vizechef der Bundesagentur für Arbeit, ist jedenfalls begeistert von dem Comic. "Jobcenter Pinneberg hat einen tollen ALG2-Ratgeber herausgegeben", lobt er bei Twitter. Bei den meisten Lesern sorgt die Broschüre hingegen für Unverständnis. "Das ist ja widerwärtig. So viel rosarote Augenwischerei kommt ja nicht mal bei Barbie vor", schrieb eine Nutzerin bei Facebook. Ein anderer beklagt: "Wir leben in dem beklopptesten Land Europas!".

Schneider fordert, Hartz-IV-Empfänger ernst zu nehmen. "Wie kann man einen solchen Unsinn schreiben?" Der Comic zeige eine Familie, die in Hartz IV fällt, ihre Sachen verkauft, aus der Wohnung ausziehen muss und trotzdem fröhlich sei. "Nach dem Motto: Hans im Glück und Hartz IV ist deine Chance, nutze sie." Für Bundesagentur-Vorstand Alt hat Schneider vor allem einen Ratschlag: die Broschüre "schnellstmöglich einzustampfen, anstatt sie bei Twitter zu empfehlen".

Und was wird aus der Comic-Familie? Papa Knut findet schließlich einen neuen Job in einer Metallverarbeitungs-Firma. An einem milden Maiabend sitzen Knut und Sylvia im Garten. "Übrigens hattest du Recht, als du letzten Sommer sagtest: Es kommen auch wieder bessere Zeiten", sagt sie in der Schlussszene der Geschichte. Am Ende wird wieder alles gut bei den Fischers. Knut erhält schließlich sogar noch eine weitere Job-Zusage. Woran es wohl lag? Wohl nicht nur an der hilfreichen Broschüre mit den vielen Tipps, sondern sicher auch an seinem neuen Anzug, denn: "Er sieht darin einfach verdammt gut aus".

Quelle: n-tv.de

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