Politik
Die aufgebrachte Altenpflegerin Andrea Hänsch diskutiert mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.
Die aufgebrachte Altenpflegerin Andrea Hänsch diskutiert mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.
Sonntag, 13. August 2017

RTL-Townhall-Meeting: Hausmeister Schulz verteilt Geschenke

Von Christian Rothenberg

Die Umfragen sind ziemlich mies, für Martin Schulz wird die Zeit langsam knapp. In der Auseinandersetzung mit Wählern versucht es der SPD-Kanzlerkandidat mit viel Charme - womit er jedoch nicht immer durchkommt.

Martin Schulz ist bestens gelaunt. "Die SPD ist gerade auf null Prozent gefallen", scherzt er beim Toncheck mit RTL-Chefmoderator Peter Kloeppel. Währenddessen eilt ein Mann durchs Fernsehstudio. Gesucht wird ein Fragesteller zum Thema Nordkorea. "Hat jemand Angst vor einem Atomkrieg?" Schulz läutet an diesem Wochenende seinen TV-Wahlkampf ein. Beim RTL-Townhallmeeting "An einem Tisch mit Martin Schulz. Deutschland fragt nach" (heute um 22.20 Uhr bei RTL) diskutiert er mit Bürgern. Sechs Wochen vor der Wahl steht der SPD-Kandidat wegen der schlechten Umfragen unter Druck. Glaubt er selbst noch an den Wahlsieg? Wenn nicht, kann er das an diesem Tag ganz gut verbergen.

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Schulz erster Gesprächspartner ist Andreas Responde. Der 38-jährige Koch aus Philippsthal bei Potsdam wurde vor Jahren verprügelt, als er an einem Bahnhof einer Frau zu Hilfe eilte. Er verlor Geruchs- und Geschmackssinn, hat bis heute Angst vor dem Bahnfahren. Was will Schulz tun, dass man sich wieder sicherer fühlt? Der Kanzlerkandidat zeigt Empathie. "Das geht mir unter die Haut, das berührt mich persönlich sehr." Er beklagt wachsende Verrohung, fordert mehr Personal für die Polizei, mehr Präsenz an Bahnhöfen. Responde überzeugt das. Der nächste Fall: eine Frau, die in einem Problemviertel in Frankfurt am Main wohnt und über eine "arabische Meile" klagt. Schulz entgegnet: "Ich war viele Jahre Bürgermeister einer kleinen Stadt. Ich weiß, wie das ist, wenn Stadtviertel verkommen." Diese Typen müssten "richtig mal eins auf die Mappe kriegen, damit sie spüren, wer das Sagen hat", sagt der SPD-Kandidat im Ton eines Sheriffs. Das kommt an im Publikum, die Frau schaut zufrieden.

Als ein Polizist aus Brandenburg über schlechte Bezahlung klagt, kann Schulz erneut Angriffsfläche herausnehmen, indem er personalisiert: "Ich bin Sohn eines Polizeibeamten, ich weiß, was Sie für einen Job machen." Anschließend tritt Dirk Fliesgen an den Tisch neben Schulz. Der Creative Director aus Neuss vergleicht Deutschland mit einem Haus, die Kanzlerin mit einer Hausmeisterin. "Nehmen wir mal an, Sie lösen sie ab. Ist das dann eine chaotische WG, wo jeder machen kann, was er will, oder ein tolerantes Mehrfamilienhaus mit einer Hausordnung?" Schulz ist begeistert und entscheidet sich für die zweite Option. "Ich finde die Formulierung toll. Die benutze ich künftig, schönen Dank!" Fliesgen fragt, warum es kein Einwanderungsgesetz gebe. "Sie sprechen mir aus der Seele", erwidert Schulz kumpelhaft. "Nach dem 24 September haben wir die Mehrheit und dann setzen wir das um." Kloeppel hakt nach: "Mit wem haben Sie denn eine Mehrheit?" Schulz räumt ein: "Erstmal muss ich so stark werden, wie eben möglich."

"Ich kann ja mal bei euch vorbeikommen"

RTL-Townhall-Meeting

Das RTL-Townhall-Meeting mit Martin Schulz wird heute um 22.20 Uhr bei RTL ausgestrahlt. Die Wiederholung läuft am Montag um 23.10 Uhr bei n-tv. Am kommenden Sonntag ist Kanzlerin Angela Merkel zu Gast und diskutiert mit Wählern.

Aktuell hat Schulz keine Perspektive, Kanzler zu werden. Sechs Wochen vor der Wahl steckt die SPD in einem Dilemma: Schulz versucht im Wahlkampf viel und hat ein umfangreiches Programm im Angebot - aber das hilft nicht. Viele Wähler sind zufrieden mit der Arbeit der Kanzlerin. Die Union liegt in Umfragen bei 38 bis 40, die SPD nur bei 23 bis 25 Prozent - und damit unter dem schlechten Ergebnis von 2013. Schulz legt sich in dem TV-Format mächtig ins Zeug, verteilt Nettigkeiten, wo er kann. Einem 18-jährigen Afghanen, der in Bayern lebt und abgeschoben werden soll, verspricht er, sich mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in Verbindung zu setzen, damit er bleiben darf. Einem Berliner Flüchtlingshelfer, der sich über das mangelnde Interesse der Politik beklagt, dankt er ausgiebig. In einer kurzen Unterbrechung geht Schulz auf ihn zu und sagt: "Ich kann ja mal bei euch vorbeikommen."

Große Angriffe auf die Kanzlerin sind selten. Auch beim Thema Nordkorea mag der Herausforderer Angela Merkel nicht kritisieren. Je länger die Diskussion läuft, desto häufiger gerät Schulz in Verlegenheit. Meist dann, wenn er versucht, die Verantwortung für Probleme an die Union zu delegieren - was ihm nicht immer gelingt. Die Union mag die Kanzlerin stellen, aber viele Wähler machen die Sozialdemokraten ebenfalls haftbar. Die SPD regierte in der Vergangenheit schließlich im Bund mit und stellt in vielen Ländern den Ministerpräsidenten. Hätte sie nicht also längst liefern können? Als eine Berliner Familie die teuren Mieten und die Wohnungspolitik des SPD geführten Senats kritisiert, redet sich der Kanzlerkandidat raus. Als Kloeppel ihn unterbricht, wird Schulz etwas ungehalten: "Das kriege ich von morgens bis abends um die Ohren gehauen: Die SPD hat da, die SPD hat hier." Man hat es schon nicht leicht als Kanzlerkandidat.

"In welches Theater wollen Sie denn gehen?"

Auch um das Thema Altersarmut geht es in der Runde. Betty Neumann ist aus Hamburg angereist. Die 85-Jährige erhält lediglich 750 Euro Rente, nach Abzug der Miete bleiben ihr nur 200 Euro. Sie würde gerne mal ins Theater gehen, aber dafür reicht das Geld nicht. Schulz spricht von Härtefallregelungen, Bürokratieproblemen und Ermessensspielräumen. Er wirbt für höhere Löhne und unbefristete Arbeitsverträge, was Frau Neumann nicht mehr hilft. "In welches Theater wollen Sie denn gehen?", fragt Schulz die Frau schließlich. Zum Abschied verspricht er: "Ich rede mal mit ein paar Leuten, vielleicht können wir Ihnen ja auf unkonventionelle Weise helfen." Im Gespräch mit einer aufgebrachten Altenpflegerin, die über ihre Arbeitsbelastung klagt, kann Schulz nicht viel mehr, als ihr zu versichern: "Sie können eine Garantie mitnehmen. Ich nehme das sehr ernst. Der Job, den Sie machen, ist toll."

Kurz vor dem Ende der Diskussion fragt ein Zuschauer den SPD-Chef nach seinen Schwächen. Er sei manchmal vorlaut und impulsiv, sagt Schulz. "Meine Frau kritisiert oft, dass ich nicht Nein sagen kann." Im Januar hatte Schulz die Kanzlerkandidatur vom damaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel angeboten bekommen und zugesagt. Vielleicht bereut Schulz es inzwischen, damals nicht Nein gesagt zu haben.

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Quelle: n-tv.de

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