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Mittwoch, 07. Juni 2017

Vorwürfe gegen USA und Riad: IS-Doppelanschlag erschüttert den Iran

Angreifer stürmen das Parlament in Teheran und das Mausoleum von Ayatollah Khomeini. Sie zünden Sprengstoffgürtel und liefern sich Gefechte mit der Polizei. Die Revolutionsgarden erheben schwere Vorwürfe gegen die USA und Saudi-Arabien.

Erstmals seit Jahren ist die iranische Hauptstadt Teheran von schweren Anschlägen erschüttert worden. Die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich zu Angriffen auf das Parlament im Zentrum von Teheran und das Mausoleum von Ayatollah Khomeini südlich der Stadt. Laut Rettungskräften wurden 12 Menschen getötet und mindestens 39 verletzt.

Sicherheitskräfte riegeln das Mausoleum von Staatsgründer Khomeini ab.
Sicherheitskräfte riegeln das Mausoleum von Staatsgründer Khomeini ab.(Foto: AP)

Zwei Attentäter sprengten sich in die Luft. Das Innenministerium sprach von insgesamt sechs Angreifern, die sich in die Luft sprengten oder erschossen wurden. Nach Angaben der Polizei wurden alle Attentäter getötet. Medien hatten zuvor von sieben Angreifern berichtet, von denen einer verhaftet worden sei. Der Angriff im Parlament endete erst nach fünfstündigen Schusswechseln zwischen der Polizei und den Angreifern. Über Stunden waren dort Schüsse zu hören, bevor die Polizei zum Sturm auf das Gebäude ansetzte.

Das IS-Sprachrohr Amaq meldete, "Kämpfer" der IS-Miliz hätten die Anschläge auf das Parlament und das Mausoleum verübt. Es veröffentlichte ein Video der Angreifer aus dem Parlament, während der Angriff noch lief, was äußerst selten ist. Der IS drohte zudem mit weiteren Attentaten in dem schiitischen Land. Das "Kalifat wird keine Gelegenheit auslassen, ihr Blut zu vergießen", bis das islamische Recht der Scharia eingeführt sei, erklärte die Extremistenmiliz.

Die iranischen Revolutionsgarden beschuldigten die USA und Saudi-Arabien, in den Doppelanschlag verwickelt zu sein. Dass US-Präsident Donald Trump kurz zuvor "eine der reaktionärsten Regierungen in der Region" besucht habe, sei "sehr bedeutungsvoll" und "zeige, dass sie in diese grausame Aktion verwickelt" seien, erklärte die Eliteeinheit mit Blick auf Trumps Besuch in Riad im Mai. Dort hatte Trump zum gemeinsamen Vorgehen gegen den Iran aufgerufen.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel verurteilte die Anschläge scharf. "Einmal mehr haben gewissenlose Verbrecher viele unschuldige Menschen in den Tod gerissen", sagte er in Berlin. Wo der Terror keine Grenzen kenne, dürften sich Mitgefühl und Menschlichkeit keine Schranken auferlegen. "Wir trauern mit den Menschen im Iran. Unser Beileid gilt den Familien der Opfer", erklärte Gabriel.

Das US-Außenministerium teilte mit: "Wir drücken den Opfern und ihren Familien unser Beileid aus, und wir senden dem iranischen Volk unsere Gedanken und Gebete." In der kurzen Mitteilung heißt es weiter: "Die Verdorbenheit des Terrorismus hat keinen Platz in einer friedlichen, zivilisierten Welt." Die USA und der Iran pflegen keine diplomatischen Beziehungen.

Abgeordnete zeigen sich unbeeindruckt

Sicherheitskräfte bringen sich vor dem Parlament in Teheran in Stellung.
Sicherheitskräfte bringen sich vor dem Parlament in Teheran in Stellung.(Foto: REUTERS)

Zwei Gruppen hatten am Vormittag den Parlamentskomplex im Stadtzentrum und das Mausoleum südlich von Teheran gestürmt. Laut dem Vize-Innenminister Hossein Solfagari waren die vier Angreifer am Parlament als Frauen verkleidet. Ein Angreifer zündete seinen Sprengstoffgürtel in einem Bürogebäude des Parlaments, wo sich die Angreifer verschanzt hatten. Die anderen drei wurden erschossen.

Der Anschlag ereignete sich, während die Abgeordneten gerade eine Sitzung abhielten. Fernsehbilder zeigten, wie die Parlamentarier ungerührt ihre Debatte fortsetzten. Parlamentspräsident Ali Laridschani bezeichnete die Angriffe als "nebensächliche Angelegenheit" und zeigte sich überzeugt, dass die Sicherheitskräfte damit fertig werden würden.

Am Mausoleum von Staatsgründer Khomeini sprengte sich eine Frau in die Luft, der zweite Angreifer wurde laut dem Innenministerium erschossen. Zuvor war dort von zwei Selbstmordattentätern die Rede gewesen. Sicherheitskräfte riegelten das Parlament und das Grabmal ab, das an der Autobahn zur Theologenstadt Ghom südlich von Teheran liegt.

Die sunnitische IS-Miliz hatte dem mehrheitlich schiitischen Iran wiederholt mit Angriffen gedroht. Im März veröffentlichte sie ein Video auf Persisch, in dem sie drohte, den Iran zu erobern und "der sunnitischen muslimischen Nation zurückzugeben". Wie andere sunnitische Extremisten betrachtet die IS-Miliz Schiiten als Ungläubige und verübt regelmäßig Anschläge gegen sie.

Weitere Terrorgruppe ausgeschaltet

Das Geheimdienstministerium erklärte, eine dritte Gruppe von "Terroristen" sei vor den Angriffen ausgeschaltet worden. Innenminister Abdolrahman Fasli berief eine Krisensitzung ein. "Dieser Angriff wird die Haltung unseres Volkes gegen den Terror stärken", sagte Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif bei einem Besuch in Ankara.

Die Türkei, Syrien, Irak, Russland und Frankreich verurteilten den Anschlag ebenso wie die Vereinigten Arabischen Emirate, die dem Iran sehr kritisch gegenüberstehen. Der Iran unterstützt im syrischen Bürgerkrieg Machthaber Baschar al-Assad sowie schiitische Milizen im Irak. Die Beziehungen zu Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten sind sehr angespannt.

Dass es im Iran bisher nicht zu größeren IS-Anschlägen kam, führen Experten auch auf die scharfe Überwachung der Gesellschaft durch den Geheimdienst zurück. Zwar sind im Nordwesten des Landes kurdische Rebellen sowie im Südosten sunnitische Separatisten aktiv, doch begehen sie zumeist keine Angriffe in den Großstädten.

Erst am Sonntag hatte Irans geistliches Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei im Mausoleum bei einer Kundgebung zum 28. Todestag Khomeinis dem Westen eine verfehlte Strategie gegen Dschihadisten vorgeworfen. "Dies ist ein Feuer, das (der Westen) selbst entzündet hat und nun gegen ihn zurückgeschlagen ist", sagte Chamenei. Die letzten Anschläge in Teheran wurden Anfang der 2000er Jahre von den Volksmudschaheddin verübt, doch schwor die Oppositionsgruppe seitdem der Gewalt ab.

Quelle: n-tv.de

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