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"Deutschland ist erklärtes Ziel": IS bekennt sich zum Anschlag in Tunesien

Der brutale Massenmord an Touristen konfrontiert Europa mit der Bedrohung durch fanatische Extremisten. IS-Sympathisanten veröffentlichen ein Bekennerschreiben. Experten sind sich sicher: "Das kann jederzeit bei uns passieren."

Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben sich in der Nacht zum Samstag zu dem blutigen Terroranschlag in Tunesien bekannt. In einer über Twitter verbreiteten Erklärung, deren Echtheit sich nicht überprüfen ließ, die aber früheren Mitteilungen der IS ähnelt, hieß es, ein "Soldat des Kalifats" habe den "abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens" angegriffen. Die meisten Opfer seien Bürger von Staaten der Koalition, "die mit dem Kalifat im Krieg steht".

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Bei dem Anschlag in einem Hotel bei Sousse an der tunesischen Mittelmeerküste am Freitag starben jüngsten Angaben der tunesischen Behörden zufolge insgesamt 39 Menschen, unter ihnen offenbar auch deutsche Urlauber. Die Mehrzahl der Todesopfer sei britischer Staatsbürgerschaft, sagte Regierungschef Habib Essid in der Nacht. "Danach kommen Deutsche und Belgier und dann weitere Nationalitäten."

Gesicherte Erkenntnisse zur Herkunft der Opfer liegen derzeit noch nicht vor. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass deutsche Staatsangehörige Opfer des Anschlags geworden sind", hatte ein Sprecher des deutschen Auswärtigen Amtes am Abend nach dem Anschlag erklärt. "Wir müssen damit rechnen, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis das geklärt ist." Der Täter war am Freitag in das besonders bei europäischen Touristen beliebte Hotel Riu Imperial Marhaba in Port el Kantaoui bei Sousse eingedrungen und hatte dort zunächst wahllos auf die arglos am Strand liegenden Menschen gefeuert.

Nach Angaben der Behörden hatte er in einem Sonnenschirm eine Waffe versteckt. Der Angreifer wurde schließlich getötet. Für Tunesien selbst ist dieser zweite heimtückische Überfall binnen weniger Monate eine Katastrophe. Der Anschlag sollte offenbar gezielt die Tourismusindustrie des Landes treffen. Das Land mit seiner jungen Demokratiebewegung ist auf die Einnahmen angewiesen - und droht nun unwillentlich in die Machenschaften fanatischer Extremisten hineingezogen zu werden. Von einer weiteren Destabilisierung dürften vor allem extremistische Kräfte profitieren.

Deutschland im Visier

Die ungewöhnliche Häufung mehrerer Terroranschläge an einem Tag dürfte an Europa nicht spurlos vorübergehen - und könnte auch in Deutschland eine allgemeine Angst vor dem Terror auslösen. Die deutschen Sicherheitsbehörden rechnen nach Informationen der "Bild"-Zeitung jederzeit mit Anschlägen islamistischer Extremisten ähnlich wie in Tunesien und Frankreich.

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"Deutschland ist erklärtes und tatsächliches Ziel dschihadistisch motivierter Gewalt", zitiert das Blatt aus einem internen Bericht der Behörden zur Sicherheitslage in Deutschland. Demnach besteht "sowohl im Bundesgebiet als auch für deutsche Einrichtungen und Interessen im Ausland eine hohe abstrakte Gefahr". Diese abstrakte Gefährdung könne sich "jederzeit in Form von terroristischen Anschlägen und Entführungen konkretisieren".

Kalkül der Terroristen: abstrakte Angst

Eine besondere Gefahr geht den Angaben zufolge von Syrien-Kämpfern aus, die "mit einem Anschlagsauftrag oder einer Anschlagsabsicht" aus dem Bürgerkriegsland zurückkehren könnten. Rund 200 der mehr als 700 deutschen Syrien-Krieger seien mittlerweile zurückgekehrt.

Die Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) warnt, dass ein hundertprozentiger Schutz vor vergleichbaren Anschlägen in Deutschland kaum möglich sei. Der Bundesvorsitzende Rainer Wendt sagte der "Bild"-Zeitung: "So ein Anschlag kann jederzeit bei uns passieren und ist kaum zu verhindern." Es gebe hunderte Syrien-Rückkehrer und tausende Zuwanderer, die "jede Woche völlig unkontrolliert" zu uns kämen. "Darunter können immer zu allem entschlossene Terroristen sein, die hier Anschläge verüben wollen."

Unkontrollierbarer Terror-Import

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann von der CSU sagte dem Blatt: "Die Anschläge machen deutlich, dass wir in ganz Europa ein hohes Risiko von islamistischen Anschlägen haben. Wir müssen hier sehr auf der Hut sein. Das kann jederzeit bei uns passieren."

Die US-Regierung hat die Anschläge in Frankreich, Tunesien und Kuwait scharf verurteilt. "Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern dieser abscheulichen Verbrechen, bei ihren Angehörigen und bei den Bevölkerungen dieser drei Länder", erklärte das Weiße Haus. Die Vereinigten Staaten würden den Kampf gegen die "Geißel des Terrorismus" fortsetzen. US-Präsident Barack Obama wurde den Angaben zufolge regelmäßig über die Attacken unterrichtet.

Tag des Terrors, keine "taktische" Verbindung

Nach Erkenntnissen der US-Außenministeriums bestand zwischen den Attentätern wohl keine direkte Verbindung. Für eine Koordinierung "auf taktischer Ebene" gebe es keine Hinweise, sagte Außenamtssprecher John Kirby. Allerdings ziehe sich der "gemeinsame Faden des Terrorismus" durch die Ereignisse.

Vor dem Wochenende war es in drei verschiedenen Staaten beinahe zeitgleich zu Terroranschlägen gekommen. In einem Touristenhotel in Tunesien hatte ein Angreifer am Freitag mindestens 39 Menschen erschossen und mehr als 30 weitere verletzt.

Bei einem Selbstmordanschlag auf eine schiitische Moschee in Kuwait starben 25 Menschen während des Freitagsgebets. In Frankreich enthauptete ein Attentäter einen Mann und brachte in einem Gaslager eine Reihe von Gasflaschen zur Explosion, bevor er von Sicherheitskräften überwältigt werden konnte.

Quelle: n-tv.de

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