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Als Reaktion auf die Übergriffe vor dem Kölner Hauptbahnhof will die Stadt ihre Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen verschärfen.
Als Reaktion auf die Übergriffe vor dem Kölner Hauptbahnhof will die Stadt ihre Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen verschärfen.(Foto: dpa)

Übergriffe in der Silvesternacht: Immer mehr Anzeigen werden erstattet

Nur langsam kommt Licht ins Dunkel nach den massenweisen Übergriffen von Köln. Bundesjustizminister Maas hält einen Zusammenhang mit den Hamburger Attacken für möglich. Derweil wird von weiteren und ähnlichen Vorfällen berichtet.

Fast eine Woche nach den massiven Übergriffen auf Dutzende Frauen in Köln und Hamburg wird das ganze Ausmaß der dramatischen Silvesternacht bekannt: Inzwischen wurden in Köln mehr als 100 Anzeigen erstattet, in Hamburg über 50. Zahlreiche Frauen sollen ausgeraubt oder belästigt, zwei sogar vergewaltigt worden sein. Die Kölner Polizei hat zwar eine Spur. Demnach sind vier Verdächtige identifiziert, zwei Beschuldigte sitzen bereits in Untersuchungshaft. Zuvor war von drei Verdächtigen die Rede. Politiker forderten ein hartes Vorgehen gegen die Täter. Augenzeugen und Opfer hatten ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft.

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Auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz demonstrierten am Mittwochnachmittag etwa hundert Menschen gegen eine Mahnwache der rechten Partei Pro NRW an gleicher Stelle. Pro NRW hatte die Veranstaltung unter dem Motto "Zuwanderungsgewalt lässt uns nicht kalt" angemeldet.

Derweil wird aus immer mehr deutschen Städten von ähnlichen Vorfällen in der Silvesternacht berichtet. So seien die sexuellen Übergriffe auf junge Frauen in Hamburg laut Polizei ebenfalls zu einem Teil von arabisch-sprechenden Männern begangen worden. Das hätten Zeugenaussagen ergeben, sagte Polizeivizepräsident Reinhard Fallak. Er korrigierte damit frühere Angaben, wonach alle Frauen übereinstimmend gesagt hätten, dass es sich bei den Tätern um arabisch-sprechende junge Männer aus dem nordafrikanischen Raum gehandelt habe. Bis zum Mittwochnachmittag waren bei der Polizei in Hamburg 53 Anzeigen von Frauen wegen sexueller Übergriffe eingegangen. Auch dort hätten die Frauen die Täter als "südländisch, nordafrikanisch, arabisch" beschrieben.

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Auch die Frankfurter Polizei ermittelt gegen eine Gruppe Männer, die Frauen in der Silvesternacht belästigt haben soll. So sind bislang zwei Fälle bekannt, in denen junge Männer Frauen attackiert haben sollen. Die Szenen liefen offenbar so ähnlich ab wie in Köln. Die Frauen seien jeweils von zehn Männern massiv bedrängt und unsittlich berührt worden, sagten die Frauen später bei der Polizei aus. Bei den Angreifern habe es sich um "Nordafrikaner" gehandelt. Die Männer hätten Englisch mit arabischem Akzent gesprochen. Auch den Frankfurter Ermittlern ist das Phänomen, dass große Gruppen von Männern Frauen massiv sexuell belästigen, neu. Lediglich einer Frau sei das Handy gestohlen worden.

Ähnliches Muster auch in Düsseldorf

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Nach Angaben des WDR, kam es in der Silvesternacht auch in Düsseldorf zu Übergriffen auf Frauen. Laut Polizei haben insgesamt elf Frauen Anzeigen wegen sexueller Nötigung und zum Teil auch wegen Diebstahls gestellt. Die Taten sollen in der City und im Bahnhofsumfeld begangen worden sein und deutliche Parallelen zu Köln aufweisen. Es soll sich ebenfalls um eine Männergruppe aus Nordafrika gehandelt haben. "Die Art der Delikte ist mit denen in Köln vergleichbar", so ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei.

Zudem wurden auf dem Stuttgarter Schlossplatz in der Silvesternacht zwei 18 Jahre alte Frauen von etwa 15 Männern sexuell belästigt und beraubt. Die Frauen erstatteten Anzeigen gegen unbekannt und sprachen laut Polizei von "dunkelhäutigen Tätern". Die Vorfälle in Stuttgart seien aber nicht mit den Attacken in Köln vergleichbar, berichtete die Staatsanwaltschaft, ohne Einzelheiten zu nennen. Dennoch gingen weitere Anzeigen mutmaßlich geschädigter Frauen ein, die offenbar durch die Medienberichte dazu ermutigt wurden.

Auch aus Berlin meldete die Polizei mehrere Sexualdelikte. In allen drei Fällen seien Frauen auf der Silvestermeile sexuell belästigt worden, so ein Sprecher. In einem der Fälle soll eine Gruppe aus mehreren Männern eine Frau belästigt haben. Zusätzlich zu den Vorfällen auf der Feiermeile habe es drei weitere Anzeigen wegen Sexualdelikten abseits der Silvestermeile gegeben. Der Sprecher betonte aber, dass die Fälle unabhängig voneinander passiert seien. Ähnliche Vorfälle wurden auch aus Bielefeld und Leverkusen gemeldet.

Gibt es einen Zusammenhang?

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) lässt wegen des Ausmaßes prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten gibt. Zumindest in Köln und Hamburg scheine das "Ganze abgesprochen gewesen zu sein", sagte Maas im ZDF. So etwas geschehe nicht aus dem Nichts, es müsse jemand dahinterstecken.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mahnte, zunächst seien die Ermittlungen zu den Hintergründen der Vorfälle in Köln abzuwarten. Er brachte aber angesichts der jüngsten Übergriffe eine mögliche Verschärfung der Vorgaben für straffällige Asylbewerber ins Gespräch: Bislang gelte in Deutschland die Regel, dass sich erst eine Freiheitsstrafe von drei Jahren ohne Bewährung auf ein Asylverfahren auswirke. "Wir werden darüber zu reden haben, ob das nicht geändert werden muss." Auch CSU-Chef Horst Seehofer forderte ein hartes Vorgehen gegen die Täter. Die Übergriffe seien "erschütternd" und "unsäglich", sagte Bayerns Ministerpräsident in Wildbad Kreuth.

Gegen Vorwürfe wehren muss sich die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos). Sie zog mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich. "Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft", hatte sie vor Journalisten auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne. Reker verteidigte sich unterdessen und sagte: "Durch die verkürzte Darstellung in einzelnen Medien ist teilweise der Eindruck entstanden, meine Präventionsinitiativen würden sich ausschließlich auf Verhaltenstipps für Frauen und Mädchen beschränken." Davon könne gar keine Rede sein.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, es müsse "nun alles getan werden, damit die Wahrheit herauskommt". Gebraucht werde dann eine "klare und harte Antwort des Rechtsstaats". Übergriffe wie diese seien "nicht kleinzureden und durch nichts zu entschuldigen", sagte Seibert.

Quelle: n-tv.de

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