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Der Stein des Anstoßes: Die als Provisorium konzipierte Mugrabi-Brücke.
Der Stein des Anstoßes: Die als Provisorium konzipierte Mugrabi-Brücke.(Foto: AP)

Kein Zugang für Nicht-Moslems: Israel sperrt Tempelberg ab

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

Der Tempelberg in Jerusalem wird erneut zum Politikum. Israel schließt den Eingang für Nicht-Muslime. Die Mugrabi-Brücke sei "einsturzgefährdet", urteilt die Baubehörde. Die Sperrung erzürnt Palästinenser und rechte Israelis. Der deutsche Botschafter warnt vor einer "Eskalation".

Jerusalems Wahrzeichen, der Tempelberg mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee, ist ab sofort für Nicht-Moslems gesperrt. Die "Stiftung für das Erbe des Tempelberges" hat die Mugrabi-Brücke wegen Baufälligkeit gesperrt. Zuvor hatte der Stadtingenieur Jerusalems das provisorische Bauwerk für "einsturzgefährdet und brandgefährdet" erklärt. Die Mugrabi-Brücke führt im Süden der Klagemauer zum Mugrabi-Tor, dem einzigen Zugang zum Tempelberg, der Nicht-Moslems - also Touristen und Israelis - für Besuche an der heiligsten Stätte Jerusalems offen steht. Moslems dürfen die zwölf anderen Tore zum Tempelberg benutzen.

Zum Mugrabi-Tor führte bis 2004 eine Erdrampe. Die ist nach einem Erdbeben während eines Schneesturms eingestürzt. Sie war aufgeschüttet worden über Ruinen und zerstörten Häuser aus den vergangenen 2000 Jahren. Als Ersatz wurde eine wackelige Holzbrücke auf dünnen Eisenrohren errichtet. Die sollte nur einige Monate lang als Provisorium dienen, bis zum Bau einer festen Brücke.

Als die Israelis mit Ausgrabungen begannen, um den Schutt der eingestürzten Rampe auf archäologische Funde zu durchsuchen und den Weg frei zu machen für das Errichten stabiler Betonsäulen, brach ein internationaler Sturm der Entrüstung los. Arabische Staaten drohten mit Krieg; die UNESCO schickte internationale Inspektoren, um Israel daran zu hindern, im "besetzten Gebiet" den Status quo zu verändern. Palästinenser veranstalteten Demonstrationen, nachdem die muslimischen Wächter des Tempelbergs behauptet hatten, dass Israel mit dem Neubau einer Brücke in Wirklichkeit die rund 400 Meter entfernte Al-Aksa-Moschee zum Einsturz bringen wolle.

Peres verhandelt mit Jordanien

Netanjahu legte ein Machtwort ein und verhinderte den Abriss der Brücke.
Netanjahu legte ein Machtwort ein und verhinderte den Abriss der Brücke.(Foto: REUTERS)

Als dieser Tage bekannt wurde, dass die provisorische Holzbrücke wegen Einsturzgefahr endgültig gesperrt werden sollte, begannen intensive diplomatische Kontakte vor allem mit Jordanien, um einen Neubau der Brücke zu ermöglichen. Jordanien gilt aufgrund eines Beschlusses des früheren Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin als offizieller "Hüter der muslimischen Heiligen Stätten" in Jerusalem. Das Haschemitische Königreich zahlt bis heute die Gehälter des Wakf, der muslimischen Behörde auf dem Tempelberg.

Staatspräsident Schimon Peres machte kürzlich einen nicht angekündigten Abstecher zum Jordanischen König Abdullah, um einen Kompromiss zu finden. Doch angesichts der Umwälzungen in der arabischen Welt und um zusätzliche Spannungen zu vermeiden, stoppte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Pläne der Jerusalemer Stadtverwaltung, ausgerechnet jetzt die Brücke abzureißen.

Konservative üben Kritik

Die Sperrung der Brücke hat nun vor allem bei rechtsgerichteten israelischen Abgeordneten Empörung ausgelöst. Es gehe nicht an, dass Juden der Zugang zur Stelle ihres ehemaligen Tempels mit dem Allerheiligsten verwehrt werde und dass der Staat Israel mitten in seiner Hauptstadt nicht seine volle Souveränität ausüben könne, lautet ihre Kritik.

Gleichwohl haben die muslimischen Behörden seit Ausbruch der Intifada vor über zehn Jahren ohnehin "Ungläubigen" das Betreten des Inneren des Felsendoms und der Al-Aksa Moschee verboten. Durch ungenehmigte Bauarbeiten auf dem Tempelberg hat die Wakf zudem schwere Zerstörungen an 3000 Jahre alten archäologischen Überresten des erstmals von König Salomon errichteten Tempels und späteren Bauwerken angerichtet. Aus Rücksicht auf Empfindlichkeiten der muslimischen Welt hatte die israelische Regierung nicht eingegriffen.

Mit der Sperrung der Brücke wird nicht nur Touristen ein Besuch an der wohl wichtigsten Sehenswürdigkeit Jerusalems verwehrt. Es entsteht auch ein politisch brisanter Zustand, der zusätzliche Spannungen zwischen Israel und den arabischen Staaten erzeugt.

Verwirrung um deutschen Botschafter

Darüber zeigt sich die deutsche Botschaft in Tel Aviv besorgt. Er warne vor einer "möglichen Eskalation", ließ Botschafter Andreas Michaelis erklären. Zuvor hatte das Pressereferat der Vertretung einen Bericht des Armeesenders Galey Zahal über die vermeintliche deutsche Haltung als unzutreffend dementiert. Der Sender hatte Michaelis mit den Worten zitiert, wonach Deutschland den Abriss der Mugrabi-Brücke durch Israel unterstütze. In einem Gespräch mit dem Vorsitzenden der Knesset, Reuven Rivlin, habe Michaelis stattdessen die Sorge der Bundesregierung vorgetragen und Zurückhaltung und Vorsicht angemahnt, teilte die deutsche Botschaft mit.

Gemäß israelischen Medienberichten habe der Knessetvorsitzende dem deutschen Botschafter erklärt, dass die Brücke baufällig sei und abgerissen werden müsse. Weiter wird berichtet, dass Israel nicht Menschenleben gefährden wolle.

Ulrich W. Sahm.
Ulrich W. Sahm.

Der Nahe Osten ist sein Metier. Ulrich W. Sahm berichtet seit Mitte der 1970er Jahre aus der Region. Er ist immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Nachricht.

Quelle: n-tv.de

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