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Rabbi Nachum Pressman mit der Thorarolle für eine im September eingeweihte Synagoge in Potsdam.
Rabbi Nachum Pressman mit der Thorarolle für eine im September eingeweihte Synagoge in Potsdam.(Foto: picture alliance / dpa)

20 Prozent der Deutschen antisemitisch: Judenfeindlichkeit "fest verankert"

Vorurteile, Klischees, Unwissen - noch immer ist der Hass auf Juden "bis weit in die Mitte der Gesellschaft" verbreitet. Eine Studie sieht Deutschland europaweit auf einem Mittelplatz. Im Fußball ist Antisemitismus demnach an der Tagesordnung. Besonders schlimm ist es bei einem direkten Nachbarn.

Judenfeindliche Einstellungen sind nach Einschätzung von Experten im "erheblichen Umfang" in der deutschen Gesellschaft verankert. Bei der Verbreitung von Antisemitismus spiele das Internet eine besondere Rolle. Rechtsextreme, Holocaustleugner und extremistische Islamisten nutzten das Netz mit großer Selbstverständlichkeit als Plattform für ihre Propaganda, schreibt der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus in seinem ersten Bericht.

Nach einem entsprechenden Bundestagsbeschluss hatte die Bundesregierung den Expertenkreis im Jahr 2009 eingesetzt, um verstärkt gegen Antisemitismus vorzugehen. In dem Bericht heißt es, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sei der Antisemitismus in der öffentlichen Debatte weitgehend tabuisiert. Es spreche jedoch einiges dafür, dass diese Tabuisierung nun unterlaufen werde: Es gebe mittlerweile eine "bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken".

Hohe Werte trotz Tabuisierung

Antisemitischen Einstellungen basierten auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auch auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum. Die Experten werteten unterschiedliche Untersuchungen aus, die auf Meinungsumfragen unter der Bevölkerung basieren. Sie ergäben übereinstimmend, dass es bei etwa 20 Prozent einen latenten Antisemitismus gebe. Jedoch seien die Meinungsumfragen methodisch mit einer Reihe von Problemen behaftet, schränkten die Experten die Aussagekraft der Ergebnisse ein.

Geschändeter jüdischer Friedhof im Osten Polens.
Geschändeter jüdischer Friedhof im Osten Polens.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bei der Verbreitung antisemitischer Einstellung unter der Bevölkerung nehme Deutschland im europaweiten Vergleich einen Mittelplatz ein. "Dabei ist zu betonen, dass Deutschland trotz einer beständigen Auseinandersetzung mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und trotz einer weitgehenden öffentlichen Tabuisierung des Antisemitismus im Allgemeinen höhere Werte erreicht als die westeuropäischen Länder Italien, Großbritannien, Niederlande und Frankreich", heißt es in dem Bericht. Zum Teil extrem hohe Antisemitismuswerte gebe es in Polen, Ungarn und Portugal.

Im Fußball an der Tagesordnung

Nach Angaben der Experten sind rassistische, rechtsextreme und antisemitische Parolen auch weiterhin auf deutschen Fußballplätzen an der Tagesordnung. "Beschimpfungen gegnerischer Mannschaften als "Juden" sowie insbesondere Beleidigungen jüdischer Spieler und Angehöriger jüdischer Mannschaften gehören zum deutschen Fußballalltag", schreiben die Experten. Gegenmaßnahmen würden auch deshalb erschwert, weil sich diese Vorgänge weniger in den Vereinen, sondern eher im Umfeld der Fangemeinden abspielten.

Der bedeutendste politische Akteur beim Antisemitismus sei nach wie vor das rechtsextremistische Lager. "Gleichzeitig ist der Antisemitismus ein bedeutendes ideologisches Bindeglied in der Ideologie des keineswegs homogenen Rechtsextremismus", heißt es in dem Bericht. Er habe schon deshalb eine besondere Bedeutung für die Integration der Anhänger des Rechtsextremismus und deren Identität.

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Quelle: n-tv.de

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