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Das Kohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde. Auch hier soll CCS in Zukunft getestet werden.
Das Kohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde. Auch hier soll CCS in Zukunft getestet werden.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Mittwoch, 14. Juli 2010

Unbekannte Risiken, hohe Gewinne: Kabinett lässt CO2-Endlager testen

Roland Peters

Die CO2-Emissionen treiben den Klimawandel voran? Dann leiten wir sie doch einfach in die Erde. So zumindest die Idee aus der Bundesregierung und der Industrie. Der Nutzen der CCS-Technik ist umstritten. Umweltverbände und Opposition schlagen Alarm - und für den Steuerzahler könnte es teuer werden.

Ungeachtet des Widerstandes in der Bevölkerung hält die Bundesregierung an ihren Plänen zur unterirdischen Einlagerung des Klimakillers Kohlendioxid fest. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) stellten den entsprechenden Gesetzentwurf jetzt vor. Mit dem sogenannten CCS-Verfahren (Carbon Capture and Storage) soll CO2 gefiltert und klimaneutral im Boden gelagert werden. Wichtig ist die Technik vor allem für Kohlekraftwerke, über die die vier großen Energieunternehmen Eon, Vattenfall, RWE und EnBW fast 50 Prozent des deutschen Energiebedarfs decken. Für die Branchengrößen geht es also um viel Geld.

Die beiden Minister betonten bei der Vorstellung, dass die CSS-Anlagen nicht nur für die Energiewirtschaft, sondern auch für die Zement-, Stahl- und Aluminiumindustrie sowie die Petrochemie wichtig seien. In Deutschland stoße die Industrie jährlich 80 Millionen Tonnen CO2 aus. "Das lässt sich nur mit diesem neuen Weg in den Griff bekommen", so Brüderle.

Norbert Röttgen und Rainer Brüderle, optimistisch.
Norbert Röttgen und Rainer Brüderle, optimistisch.(Foto: REUTERS)

Das nun vorgestellte Gesetz soll einen Rahmen für die Erprobung der CCS-Technologie bieten. Dann wird es überprüft, gegebenenfalls allgemeingültig gefasst, um eine kommerzielle CCS-Nutzung zu ermöglichen. Das soll frühestens 2017 passieren. Tests wird es laut Röttgen und Brüderle nur dort geben, wo die geologischen Bedingungen langfristig Sicherheit garantieren und keine Gefahr für die Bevölkerung ausgeht.

"Sicher" heißt 10.000 Jahre

Doch eben diese Sicherheit ist höchst fragwürdig: "Die vielfältigen Risiken sind weder erprobt noch erforscht", heißt es bei den Grünen, die die Verwendung der Technik kategorisch ablehnen. Zur Zeit laufen in Ostbrandenburg die Planungen für ein erstes größeres CO2-Endlager. Dafür werden gerade zwei je 300 Quadratkilometer große Gebiete um Beeskow und Neutrebbin vorbereitet. "Wir sind vehement dagegen", sagt der Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer im Gespräch mit n-tv.de. Das verflüssigte CO2 könne Grundwasser verdrängen oder auch verunreinigen.

CO2-Speichertanks im Vattenfall-Versuchskraftwerk in Spremberg.
CO2-Speichertanks im Vattenfall-Versuchskraftwerk in Spremberg.(Foto: picture alliance / dpa)

In den Endlagern soll nach Maßgabe des Bundesumweltministeriums das flüssige CO2 mindestens 10.000 Jahre lang bleiben – doch dafür müssen die unterirdischen Speicher dicht sein. Diese Annahme sorgt auch beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) für Kopfschütteln. Die Risiken der Einlagerung seien noch "nicht ansatzweise kalkuliert", so der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Es bestehe die Gefahr, dass geochemische Reaktionen die Festigkeit des Gesteins angreifen. Im Gesetzentwurf ist vorgesehen, dass die Stromkonzerne nach 30 Jahren ihre Verantwortung für die Endlager an die Länder abtreten können. Für eventuelle Umweltschäden müsste dann der Steuerzahler aufkommen.

Schwarz-Gelb setzt auf fossile Energieträger

Abgesehen von den Gefahren ist CCS im Bereich der Stromerzeugung gar nicht nötig, auch nicht als "Brückentechnik" zu mehr regenerativen Energien, sagen die Grünen. "Die CSS-Technik ist völlig überflüssig", bewertet auch der BUND die Situation im Energiesektor. Es sei zudem nicht klar, ob die Technik jemals einsatzfähig sein werde. Für die Umweltorganisation ist der Fall eindeutig: "Es ist eine Feigenblatttechnik, die die Energiewende blockieren würde", so Klimareferentin Tina Löffelsend gegenüber n-tv.de.

Dass die "Energiewende" zu regenerativen Energien in absehbarer Zeit möglich ist, bestätigen inzwischen mehrere Studien. Trotzdem ließ Brüderle den Bundesverband der Deutschen Industrie wissen, dass Schwarz-Gelb auch in Zukunft auf fossile Energieträger setze. Die Rechtsgrundlagen für die CCS-Technik müssten "zügig" geschaffen werden. "Nahezu alle Wissenschaftler gehen davon aus, dass wir ohne CCS unsere Klimaschutzziele kaum erreichen können", so Brüderle.

Baustelle in Hamburg-Moorburg. Ab 2012 soll das neue Kohlekraftwerk Strom liefern.
Baustelle in Hamburg-Moorburg. Ab 2012 soll das neue Kohlekraftwerk Strom liefern.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die aktuelle Studie das Umweltbundesamtes erwähnte der Minister nicht. Darin warnt die Behörde davor, die Technik für reguläre Kohlekraftwerke zu verwenden – die begrenzten unterirdischen Lagerkapazitäten würden anderweitig benötigt. Sollte die Energiewirtschaft weiter auf Kohlekraftwerke setzen, bestehe das "Risiko von Fehlinvestitionen und volkswirtschaftlichen Einbußen", heißt es dort. Vielmehr könnte in Deutschland bis 2050 der gesamte Stromverbrauch nur noch aus erneuerbaren Energien bestritten werden. "Das erfordert aber einen großen Umbau", sagt Löffelsend. Im Herbst will die Bundesregierung ihr Energiekonzept vorstellen. Wie dies im Detail aussehen wird, weiß niemand so genau. Dass neben der Verlängerung der AKW-Laufzeiten auch die Kohle darin ihren festen Platz haben wird, ist durch den Gesetzesentwurf zur CO2-Speicherung sehr wahrscheinlich geworden.

Bis zu drei Testanlagen geplant

Bereits jetzt sind für das CCS-Verfahren zwei bis drei kleine oder mittlere Testanlagen in Deutschland geplant. Die Erprobungsprojekte sollen jedoch auf eine jährliche Speicherkapazität von jeweils höchstens 3 Millionen Tonnen CO2 beschränkt werden. Noch bis Ende 2015 können Anträge gestellt werden. Lange Pipelines zu Test-Speichern soll es nach bisherigem Stand nicht geben. Wohl auch, weil sie viele Risiken bergen. So treten bei Überlandleitungen immer wieder Probleme auf, vor allem mit der Dichtigkeit. Zudem wären große Infrastrukturmaßnahmen nötig, die das Land mit den nötigen Pipelines ausstatten. "Das würde Widerstand in der Bevölkerung produzieren", ist man sich beim BUND sicher.

In Brandenburg regt sich Unmut.
In Brandenburg regt sich Unmut.(Foto: dpa)

Die Gesetzentwurf hat eine Vorgeschichte auf EU-Ebene: Bereits 2008 hätte die damalige Große Koalition aus Union und SPD eine entsprechende Richtlinie aus Brüssel umsetzen müssen, konnte sich aber nicht zu einem Kompromiss durchringen. Das jetzt vorgestellte Gesetz ist die Voraussetzung dafür, dass Modell-Anlagen in Deutschland von der EU bezuschusst werden. Wie etwa die Anlage in Brandenburg, an der Vattenfall arbeitet. In Jänschwalde soll zwischen 2012 und 2015 ein Demonstrationskraftwerk gebaut werden, das mit 180 Millionen Euro von der EU-Kommission gefördert wird. Auch deshalb misst die Regierung dem Projekt eine industriepolitische Bedeutung bei - neben dem Klimaschutz.

CCS-Anlagen könnten nach erfolgreicher Erprobung aus Sicht von Röttgen und Brüderle auch ein Exportschlager werden. "Diese Technologie darf nicht das gleiche Schicksal erleiden wie der Transrapid oder Biotechnologie in Deutschland", so Brüderle.

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Quelle: n-tv.de

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