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"Windkraft für alle", fordern diese Demonstranten in Durban.
"Windkraft für alle", fordern diese Demonstranten in Durban.(Foto: Reuters)

Klimagipfel in Durban: Katastrophe noch nicht groß genug

von Hubertus Volmer

Alle reden über das Wetter, niemand über den Klimawandel? Falsch: Im südafrikanischen Durban wird in den nächsten zwei Wochen ausführlich darüber diskutiert. Herauskommen dürfte wenig, denn noch immer fehlt der Anlass zur Umkehr. Experten fordern viele kleine Lösungen statt großer Durchbruch-Diplomatie.

Wenn es allein um schnelle Lösungen ginge, könnte die Zwischen Hoffnung und Verzweiflung im südafrikanischen Durban ausfallen. Denn eines steht fest: Weder seinem offiziellen Anspruch noch der Größe des Gipfels dürften die Ergebnisse gerecht werden. Den "Durchbruch", auf den die Welt bereits 2009 in Kopenhagen und erneut im vergangenen Jahr im mexikanischen Cancún vergeblich wartete, wird es nicht geben.

In Durban treffen sich von diesem Montag an für zwölf Tage mehrere tausend Politiker, Experten und Funktionäre aus fast allen Ländern der Erde. Deutschland wird von Bundesumweltminister Norbert Röttgen vertreten. Wie die meisten anderen Minister auch reist Röttgen allerdings erst am 6. Dezember an - vorher laufen die Verhandlungen auf den unteren Ebenen. Am 9. Dezember geht der Gipfel zu Ende.

Auf dem Weg in die Vier-Grad-Welt

Das Problem in Durban ist das gleiche wie bei allen Klimaverhandlungen auf UN-Ebene: Die EU ist zusammen mit ein paar Verbündeten praktisch der einzige relevante internationale Akteur, der dazu bereit ist, sich verbindlich auf CO2-Reduktionen zu verpflichten. Die USA spielen in der Klimadiplomatie keine Rolle, die Chinesen - die zuhause durchaus an Klimamaßnahmen arbeiten - scheuen die Festlegung. Gleiches gilt für Länder wie Kanada, Japan, Russland und Indien. Damit sind sechs der sieben stärksten CO2-Produzenten nicht mit im Boot.

Am Rhein bei Bingen (23. November 2011).
Am Rhein bei Bingen (23. November 2011).(Foto: dapd)

In Cancún hatte die Welt förmlich entschieden, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Nur: Beschlüsse dazu, wie das passieren soll, gibt es bislang nicht. Was es gibt, ist der sogenannte "Copenhagen Accord", eine Sammlung freiwilliger Reduktionsziele, die diesen Namen nicht verdienen. Ihre Umsetzung hätte einen Anstieg der weltweiten Emissionen bis 2020 um zehn bis zwanzig Prozent im Vergleich zu heute zur Folge. Mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit würden im 21. Jahrhundert drei bis vier Grad erreicht. Als gerade noch verkraftbar gilt eine globale Erwärmung um weniger als zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau. Auch sie würde immer noch starke Anpassung erfordern. So befürchten Klimaforscher, dass auch bei zwei Grad der Untergang einiger Inselstaaten nicht mehr zu verhindern ist.

2015 müsste es losgehen

Das offizielle deutsche Verhandlungsziel ist nach wie vor "der Abschluss eines globalen, ausgewogenen, umfassenden, rechtsverbindlichen Klimaschutzabkommens mit bindenden Minderungszielen", wie Umweltstaatssekretärin Katherina Reiche am 11. November im Bundestag sagte. Aber natürlich weiß auch die Bundesregierung, dass in Durban allenfalls ein Fahrplan für ein späteres Klimaabkommen verabredet werden kann.

Ein solcher Fahrplan könnte dann 2012 auf dem so genannten "Rio plus 20"-Gipfel in Rio de Janeiro beschlossen und ab 2015 umgesetzt werden, was für eine realistische Beschränkung der globalen Erwärmung auf zwei Grad noch gerade so reichen würde. Denn die Zeit drängt immer stärker: Erst kürzlich stellten die UN fest, dass die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre schneller gestiegen ist als befürchtet. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf sagt es so: "Es zeigt sich, dass  die Realität die Modelle überholt."

"Menschen brauchen Katastrophen"

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor vier Jahren noch als "Klimakanzlerin" Furore machte, hat unlängst mit Blick auf die Staatsverschuldung erläutert, dass Menschen für die praktische Umsetzung von Erkenntnissen offenbar Katastrophen brauchten. Sie zog die Ökologie als Beispiel heran: Die Menschheit wisse, dass sie über ihre Verhältnisse lebe, sagte Merkel. Doch der Mensch brauche nicht nur Einsicht, sondern auch einen Anlass.

Der Wendepunkt bei der Staatsverschuldung sei die Schuldenkrise, meinte Merkel. Ihr persönlicher Wendepunkt in der Atompolitik war Fukushima. Welchen Anlass bräuchte es, um ganze Staaten wie China und die USA nachhaltig zur Wende zu bringen? Die Erwärmung allein reicht offenbar nicht aus - obwohl das vergangene Jahr das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen war, ein Rekord, der mittlerweile regelmäßig gebrochen wird.

Klimawandel immer teurer

Überschwemmung auf Sizilien (22. November 2011).
Überschwemmung auf Sizilien (22. November 2011).(Foto: dpa)

Auch an die nahezu täglichen Meldungen über Dürre oder Hochwasser ist die Öffentlichkeit längst gewöhnt. Der Balkan leidet unter extremer Trockenheit, die Donau ist in Bulgarien so flach wie seit Jahrzehnten nicht. In Deutschland sitzen die Rhein-Schiffer auf dem Trockenen, auf der Zugspitze schmilzt der Schnee. In Italien sterben bei schweren Unwettern mindestens drei Menschen, in Spanien vier, in Sri Lanka kommen mindestens 19 Menschen bei heftigen Regenfällen und stürmischen Winden ums Leben, 43 Fischer werden vermisst. Alles Meldungen der vergangenen sieben Tage.

Je später die Klimawende geschafft wird, desto teurer wird es. Auf die sogenannten Klimaskeptiker angesprochen sagte der Leiter der Georisikoforschung beim weltgrößten Rückversicherer Munich Re, Peter Höppe, in einem Interview: "Die sollen mal in unsere Bücher schauen. Da ist ganz klar zu sehen, dass wir mehr bezahlen müssen für Schäden." Die Zahl der Schadenereignisse aus Extremwetter habe sich seit 1980 weltweit nahezu verdreifacht.

Greenpeace fordert Isolierung der USA

Hoppe erwartet nicht, dass es in Durban ein Ergebnis bei der Verminderung von Treibhausgasen geben wird: "Es wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch kein Post-Kyoto-Protokoll geben." Der Kyoto-Vertrag, der in erster Linie von den Europäern Reduzierungen verlangt, läuft im nächsten Jahr aus. Allerdings hat die EU bereits festgelegt, dass der Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden muss. Sie würde auch über 30 Prozent verhandeln, wenn andere Länder wie die USA, China oder Indien ebenfalls Verpflichtungen eingingen.

Bei der Fläche des arktischen Meereises wurde im Juli ein neuer  Negativrekord verzeichnet.
Bei der Fläche des arktischen Meereises wurde im Juli ein neuer Negativrekord verzeichnet.(Foto: dapd)

Damit ist kaum zu rechnen - in den USA diskutiert die Politik noch immer ernsthaft darüber, ob es einen menschengemachten Klimawandel überhaupt gibt. Nach Ansicht von Greenpeace muss ein neuer Klimaschutzvertrag deshalb notfalls ohne die USA auf den Weg gebracht werden. "Kyoto ging damals auch nur mit den Europäern, und wir erwarten, dass die Europäer auch ihre Führungsrolle im Klimaschutzprozess wieder übernehmen - notfalls auch ohne die USA", sagte der Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid bei n-tv.

Experte fordert Klima-Zölle

Ein deutlicher Bruch mit den USA wäre eine Abkehr von der gescheiterten "Durchbruch-Diplomatie". Der Potsdamer Klimaökonom Ottmar Edenhofer etwa fordert viele kleinere Lösungen statt des großen Durchbruchs: internationale Emissionshandelsmärkte zu schaffen und miteinander zu verknüpfen, Handelssanktionen gegen "Klimaschutz-Boykottierer" durchzusetzen, die noch immer existierenden Subventionen für fossile Energieträger zu beenden sowie den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben.

Umweltverbände hoffen, dass es gelingt, China durch das Versprechen eines "Kyoto 2" wenigstens die grundsätzliche Bereitschaft zu eigenen Verpflichtungen zu entlocken. Dies könnte eine positive Dynamik erzeugen, meint Jan Kowalzig von der Organisation Oxfam. Daneben gibt es eine Reihe "kleinerer" Themen, die - von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet - erfolgreich verhandelt werden dürften, darunter vor allem der "Green Climate Fund", der in Cancún prinzipiell beschlossen wurde und in Durban umsetzungsreif gemacht werden soll. Der Fonds, in den ab 2020 jährlich 100 Milliarden Euro fließen sollen, soll Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Anpassung an Klimafolgen unterstützen. Diese Mittel können auch ohne feste Emissionsgrenzen in eine Verringerung der Treibhausgase investiert werden.

Quelle: n-tv.de

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