Politik
Extremwetterereignisse nehmen weiter zu: Bei den Überschwemmungen im Sommer 2010 in Pakistan kamen hunderte Menschen ums Leben.
Extremwetterereignisse nehmen weiter zu: Bei den Überschwemmungen im Sommer 2010 in Pakistan kamen hunderte Menschen ums Leben.(Foto: REUTERS)

Totentanz in Durban: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

von Hubertus Volmer

Die Erwartungen an die Klimakonferenz in Durban könnten kaum geringer sein. Dabei werden die düstersten Prognosen der Klimaforscher mittlerweile von der Realität überholt. Selbst von Klimaskeptikern finanzierte Studien kommen zu dem Ergebnis, dass die Temperaturen deutlich ansteigen.

"Erwartungen an Durban" heißt der Vortrag, den Ottmar Edenhofer gleich halten wird. "Eigentlich gibt es keine", sagt er, "der Vortrag ist beendet". Ein Scherz, natürlich, doch allzu weit entfernt von der Wahrheit ist er nicht. Es geht um die nächste Weltklimakonferenz, es ist bereits die siebzehnte, die Ende dieses Monats im südafrikanischen Durban beginnt. Über zwölf Tage soll dort verhandelt werden, offiziell noch immer mit dem Ziel, ein globales Klimaabkommen zustande zu bringen - entweder indem das Kyoto-Protokoll verlängert wird, das nach 2012 nicht mehr gilt. Oder durch ein neues Abkommen

Edenhofer spricht vor Journalisten, die ins Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gekommen sind, um sich über den Stand der Forschung und den der politischen Debatte zu informieren. Er ist der Vizechef des PIK, gute Nachrichten hat er nicht: Während die Naturwissenschaftler regelmäßig feststellen, dass ihre Worst-Case-Prognosen von der Realität übertroffen werden, sorgt die weltweite Renaissance der Kohle für einen verstärkten Ausstoß von Treibhausgasen. Nur ein Wunder, sagt Edenhofer, könne der Konferenz von Durban zu einem Durchbruch verhelfen. Tatsächlich seien seine Erwartungen jedoch "durchaus düster".

Wunder, Verschiebung, Begräbnis

Insgesamt drei Szenarien für Durban präsentiert Edenhofer, neben "Wunder" sind dies "Verschiebung" und "Begräbnis". Beim Wunder würde die EU erklären, dass sie sich auf eine zweite Verpflichtungsperiode für die Jahre 2013 bis 2017 einlässt. Staaten wie Australien und Neuseeland würden sofort folgen, andere später. Selbst Edenhofers Wunder-Szenario geht allerdings davon aus, dass die beiden größten Treibhausgas-Verursacher, die USA und China, nicht dabei sind. Kanada, Japan und Russland wären ebenfalls nicht mit im Boot.

2010 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen - heißer noch als der "Jahrhundertsommer" von 2003. Im Juli 2010 starben in Moskau 5000 Menschen mehr als im Vorjahresmonat.
2010 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen - heißer noch als der "Jahrhundertsommer" von 2003. Im Juli 2010 starben in Moskau 5000 Menschen mehr als im Vorjahresmonat.(Foto: REUTERS)

Deutlich wahrscheinlicher ist die Verschiebung: Auch hier verkündet die EU eine zweite Verpflichtungsperiode, andere wichtige Staaten versprechen, später nachzuziehen. In Szenario Nummer drei hält die EU sich zurück - wofür sich osteuropäische Staaten längst offen einsetzen. Ein internationales Klimaabkommen wäre damit so gut wie erledigt. Die Konferenz von Durban würde zum Totentanz.

Die Ignoranz der globalen Politik steht in krassem Missverhältnis zum Voranschreiten des Klimawandels. Dem Weltklimarat IPCC werde gelegentlich vorgeworfen, bei seinen Prognosen zu übertreiben, sagt Stefan Rahmstorf, Leiter des Bereichs für Erdsystemanalyse am PIK. "Es wäre schön, wenn es wahr wäre, ich wünschte mir das. Aber die Realität zeigt, dass das IPCC die Entwicklungen eher unterschätzt hat."

Das gilt vor allem für das Abschmelzen des arktischen und Teilen des antarktischen Eises. Über kurz oder lang wird der Nordpol komplett eisfrei sein: "Ich vermute, dass Sie in Ihrer Laufbahn noch darüber berichten werden", sagt Rahmstorf den Journalisten.

75 bis 190 Zentimeter

Der Nordpol wird in absehbarer Zeit eisfrei sein.
Der Nordpol wird in absehbarer Zeit eisfrei sein.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das schmelzende Eis ist ein echtes Problem, weil es einer der Kipp-Punkte ist, die den Klimawandel noch verstärken. Denn eisfreie Flächen sind dunkler und speichern Wärme stärker als Eis, das die Energie der Sonne spiegelt und damit gewissermaßen abwehrt. Schmelzendes Eis lässt zudem den Meeresspiegel ansteigen. Wie hoch? Verlässliche Voraussagen dazu gibt es noch nicht. Zum einen sei das Verhalten von schmelzendem Eis sehr viel schwieriger vorauszuberechnen als etwa der Anstieg der Temperaturen, erklärt Rahmstorf. Und beide, Meeresspiegel- und Temperaturanstieg, hängen davon ab, wie viel CO2 der Mensch noch in die Atmosphäre pumpt. Je nach Emissionsszenario, meint Rahmstorf, steige der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um 75 bis 190 Zentimeter, jeweils verglichen mit 1990. Das ist wesentlich mehr als die Klimawissenschaftler 2007 in ihrem  IPCC-Bericht vorausgesagt hatten. Damals ging die Forschung von schlimmstenfalls 59 Zentimetern bis zum Ende dieses Jahrhunderts aus.

Offene Fragen in Teilbereichen der Klimaforschung sollten allerdings nicht dazu verleiten, die Ergebnisse der Wissenschaftler insgesamt anzuzweifeln. Denn dass die Erde wärmer wird und dass der Mensch dafür verantwortlich ist, daran gibt es keinen Zweifel. "Extremwetterereignisse wie Starkniederschläge oder Hitzeperioden haben in den letzten Jahrzehnten messbar zugenommen. Aller Voraussicht nach wird ihre Anzahl und Intensität weiter ansteigen", erklärten Deutscher Wetterdienst und Umweltbundesamt im September 2010, einem Jahr, das die Hitliste der wärmsten Jahre anführt, dicht gefolgt von 2005. Unter den Top Ten fehlt aus dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts lediglich das Jahr 2008 - alle anderen Jahre seit 2001 haben den Sprung auf die Liste geschafft. Diese Dichte von heißen Sommern ist beispiellos: "In den letzten 500 Jahren gab es keine solche Häufung von Hitzesommern in Europa", sagt Rahmstorf. Selbst eine Studie, die zum Teil von Klimaskeptikern durchgeführt und teilweise von Vertretern der fossilen Industrien bezahlt wurde, kommt zu dem für den Leiter der Forschergruppe überraschenden Ergebnis, dass die Temperaturen tatsächlich ansteigen.

USA in der Lobby-Falle

Nur noch rund 700 Gigatonnen CO2 darf die Menschheit ausstoßen, hat der Klimaforscher Malte Meinshausen ausgerechnet, wenn sie das Zwei-Grad-Ziel erreichen will. Um dies realistisch zu schaffen, müssten die Emissionen eigentlich schon ab 2015 sinken. Dazu wird es wohl nicht kommen. Dass China sich auf verbindliche Klimaziele einlässt, gilt als unwahrscheinlich, dass die USA dies tun, ist praktisch ausgeschlossen. Das liegt übrigens auch an der extrem erfolgreichen Lobby-Arbeit der fossilen Industrien: In einer Umfrage wussten nur 13 Prozent der Amerikaner, dass es unter Wissenschaftlern einen überwältigenden Konsens über die von Menschen gemachte Erderwärmung gibt. Die meisten US-Bürger sind auf Propaganda hereingefallen, der zufolge die Erkenntnisse über die Erderwärmung in der Forschung "umstritten" seien.

Ottmar Edenhofer ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe des Weltklimarates IPCC, die für die Vermeidung des Klimawandels zuständig ist.
Ottmar Edenhofer ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe des Weltklimarates IPCC, die für die Vermeidung des Klimawandels zuständig ist.(Foto: picture alliance / dpa)

Den düsteren Aussichten zum Trotz wäre auch ein Scheitern in Durban nicht das Ende der globalen Klimapolitik. "Das ist längst eingepreist", sagt Edenhofer über den erwarteten Ausgang, der irgendwo zwischen Begräbnis und Verschiebung liegen dürfte. Er denkt bereits über Durban hinaus. Sein Strategierezept lautet: weniger Spieler und mehr Themen.

Subventionen für den CO2-Ausstoß

Weniger Spieler meint: Die Welt kann nicht warten, bis die USA ihre Grundsatzdebatten ausgefochten haben, eine "Koalition der Willigen" sollte voranschreiten. Mehr Themen meint: nicht auf den einen Durchbruch hin verhandeln, der ohnehin nicht kommen wird, stattdessen über eine Vielzahl kleiner Themen - über den Abbau von CO2-Subventionen, die es noch immer gibt. Im globalen Durchschnitt wird jede Tonne CO2, die in die Atmosphäre geblasen wird, mit 9 Dollar subventioniert. 2010 waren das insgesamt 409 Milliarden Dollar, Tendenz steigend. In ihrem gerade veröffentlichten "World Energy Outlook" warnt die Internationale Energie-Agentur (IEA) gar davor, dass die weltweiten Subventionen auf 660 Milliarden Dollar ansteigen werden, wenn die Politik bei diesem Kurs bleibt.

Auch die Vernetzung von Emissionshandelsmärkten sowie "Handelssanktionen gegen Klimaschutz-Boykottierer" will Edenhofer diskutiert sehen. Dabei könnte die eine globale Krise helfen, bei der anderen Fortschritte zu erzielen: Angesichts der Schuldenkrise sind sowohl CO2-Zölle als auch das Ende der geradezu skandalösen CO2-Subventionen möglicherweise Ideen, mit denen klamme Regierungen sich anfreunden könnten. Dann hätte die Krise, die derzeit die Aufmerksamkeit der Staats- und Regierungschefs bindet, wenigstens etwas Gutes hervorgebracht.

"Man schwankt zwischen Bangen und Hoffen"

Stefan Rahmstorf ist einer der Leitautoren des jüngsten sowie des kommenden Sachstandsberichts des IPCC.
Stefan Rahmstorf ist einer der Leitautoren des jüngsten sowie des kommenden Sachstandsberichts des IPCC.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Neben dem Emissionshandel setzt Edenhofer auf die Förderung von Technologien, die den Klimawandel bremsen können. Dazu zählt er auch die umstrittene Verklappung von CO2, kurz CCS, weniger dagegen Methoden, mit denen die Sonneneinstrahlung manipuliert werden kann - Edenhofer betont die "hohen Risiken", die mit dieser Art des Geo-Engineering verbunden seien. Vor allem jedoch geht es ihm um die erneuerbaren Energien. Mit gezielter Förderung "bekommt man Technologien in den Markt, die dann steile Lernkurven aufweisen - also schnell billiger und besser werden", so Edenhofer. Hier sieht er Grund für Optimismus: Selbst Regierungen, die ansonsten im Bereich des Klimaschutzes nicht sonderlich ambitioniert seien, zeigten Interesse an den Erneuerbaren. Während Edenhofer in Potsdam diesen Satz sagt, verschickt die Agentur für erneuerbare Energien in Berlin eine Pressemitteilung mit folgender Botschaft: "Durch den zunehmenden Einsatz erneuerbarer Energien haben wir in Deutschland im vergangenen Jahr den Ausstoß von 118 Millionen Tonnen an Treibhausgasen vermieden".

Aus wissenschaftlicher Sicht sei es noch immer absolut möglich, den CO2-Ausstoß schnell genug zu reduzieren, um den Klimawandel mit hoher Wahrscheinlichkeit unter zwei Grad zu halten, betont Rahmstorf. Aber wird das auch passieren? "Man schwankt zwischen Bangen und Hoffen", sagt er, aber "es gibt auch viele Gründe zum Verzweifeln".

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Quelle: n-tv.de

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