Politik
Stand Anne Will Rede und Antwort: Martin Schulz
Stand Anne Will Rede und Antwort: Martin Schulz(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)
Montag, 30. Januar 2017

Der Obama von Würselen: Können Sie Kanzler, Herr Schulz?

Von Julian Vetten

Er ist "gefühlt und faktisch der bessere Kandidat" als Sigmar Gabriel und vergleicht sich in einem Punkt gar mit Ex-Präsident Obama: An Selbstvertrauen mangelt es Martin Schulz nicht. Aber was hat der Kanzlerkandidat inhaltlich zu bieten?

Es ist schon erstaunlich, was eine einzelne Personalie so alles verändern kann: Da ringt sich die SPD nach einer gefühlten Ewigkeit dazu durch, Martin Schulz als ihren Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl im September aufzustellen, und schon scheint alles vergessen: die vier blassen Mitregierungsjahre in der Großen Koalition, das Dauertief in den Meinungsumfragen - alles plötzlich kein Problem mehr. Stattdessen herrscht bei der offiziellen Nominierung Schulz' zum Parteivorsitzenden im Willy-Brandt-Haus ungekannte Aufbruchsstimmung. Aber ist der neue Shootingstar der Sozialdemokraten in der Lage, diese Stimmung auch nach außen zu transportieren? Das will "Anne Will" am Sonntagabend im direkten Gespräch mit Schulz herausfinden.

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"Wenn Sie ein solches Amt angetragen bekommen, denken Sie zuerst einmal nach: Bin ich der Richtige, bin ich dem Amt gewachsen?", erklärt der SPD-Kanzlerkandidat seine Entscheidungsfindung. Er habe zuerst mit seiner Frau gesprochen und sich ihrer Rückendeckung versichert, bevor er zusagte - dann aber mit vollem Elan: "Ich bin jemand, der, wenn er sich entschieden hat, beherzt zugreift." Ob er deswegen machthungrig sei, fragt Will in Anspielung auf das "Spiegel"-Cover, das Schulz diese Woche unter dem Titel "Sankt Martin" genau das vorwirft. "Selbstüberschätzung und Machthunger? Nein. Wenn ich mich damit irgendwie identifizieren kann, dann mit dem Sankt Martin, der den Mantel teilt", antwortet Schulz und hat Lacher und Applaus auf seiner Seite.

"Das Schicksal teile ich mit Obama"

Viele der Zuschauer im Studio und vor den Fernsehern zuhause dürften den ehemaligen EU-Politiker heute zum ersten Mal so richtig kennenlernen - Schulz ist vor allem wegen seiner langen Zeit im Brüsseler Off für die meisten Deutschen immer noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt - und der Mann verkauft sich gut: Er spricht sehr offen über seine Alkoholprobleme in früheren Jahren und die harte Zeit, als er einsehen musste, dass es zum Profifußballer nicht reicht. Die Brüche in seiner Biografie hätten ihn im Endeffekt stärker gemacht, sagt er, und vor allem: "Jeder hat eine zweite Chance verdient - ich habe meine bekommen."

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In Würselen, der nordrhein-westfälischen Kleinstadt, habe er dann in seinen elf Jahren als Bürgermeister von der Pike auf gelernt, welche Sorgen die Bürger des Landes wirklich umtreiben: "Die Probleme bei den Mieten, am Arbeitsplatz, in den Schulen, mit den Straßen, die landen im Rathaus. Ich habe die Absicht, mich als Kanzler um diese Probleme zu kümmern." Aber ein Kanzler, der niemals ein höheres Amt bekleidet hat - geht das überhaupt, möchte Will wissen: "Das Schicksal teile ich mit Barack Obama. Der hatte auch keine Regierungserfahrung, als er Präsident der Vereinigten Staaten wurde." Selbst Will muss angesichts des Konters laut auflachen.

Schulz strahlt eine Selbstsicherheit aus, die ansteckend ist und nicht einmal dann überheblich wirkt, wenn er auf Wills Frage, was ihn gegenüber Sigmar Gabriel als Kanzlerkandidat auszeichnet, antwortet: "Ich bin sowohl gefühlt als auch faktisch der bessere Kandidat." Gefühlt stimmt das in jedem Fall, alleine seit seiner Nominierung kletterte die SPD um drei Prozentpunkte in den Meinungsumfragen.

Der Mann, der die "Menschen ins Kanzleramt mitnimmt"

Wie sich Schulz faktisch schlägt, können zwangsläufig erst die nächsten Monate zeigen - Anne Will möchte aber trotzdem schon mal wissen, mit welchen neuen Ideen der SPD-Kandidat die Menschen begeistern will. "Mit Gerechtigkeit und dem Versprechen, dass die Einkommen so steigen, dass man im Alltag keine Probleme hat, dafür stehen wir. Dass die, die hart arbeiten in diesem Lande, Respekt erhalten", sagt Schulz. Aber das seien doch alles keine neuen Ideen, gibt Will zu bedenken. "Nee, das ist alles nicht neu. Neu ist, dass unsere Gesellschaft seit 20 Jahren von Leuten bestimmt wird, die für das Auseinanderdriften unseres Landes verantwortlich sind. Und das spüren die Menschen."

Es geht Schulz um eine Wiederentdeckung sozialdemokratischer Werte, die zwar nicht tot seien, aber lange nicht richtig transportiert wurden, wie er glaubt. Seinen Erfolg erklärt er sich so: "Die Leute sagen: 'Wir wissen, dass das ein Mann mit Gefühl ist.' Und manchmal ist es so, dass die Menschen dieses Gefühl brauchen, auch wenn die Fakten dieselben sind, die meine Parteikollegen präsentieren. Aber dass dieser Mann die Menschen in Würselen und anderswo mit ins Kanzleramt nimmt, das ist vielleicht das Neue an der Sache."

Schulz wäscht im Anschluss noch US-Präsident Donald Trump verbal den Kopf, verspricht, "die Kampfkraft der SPD gegen Demokratiefeinde wie die AfD zu erneuern" und versucht, eine enttäuschte SPD-Wählerin zurückzugewinnen. Nach 60 Minuten "Anne Will" kann man ziemlich gut verstehen, wie der Kanzlerkandidat Schulz eine Welle der Euphorie in seiner eigenen Partei auslösen konnte. Wie ansteckend diese Begeisterung im Rest der Bevölkerung tatsächlich ist, wird sich in den nächsten Monaten zeigen, eins steht aber bereits fest: Für ihn, den viele Leute bis dato nur als "Europa-Fuzzi" kannten, wie er selbst zugibt, geht es zunächst einmal darum, möglichst viele Menschen mit einer starken Botschaft zu erreichen - bei "Anne Will" ist ihm das gelungen.

Quelle: n-tv.de

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