Politik

Selbstbestimmt bis in den Tod?: Lachen, schweigen, sterben

Von Hubertus Volmer

Wer auf St. Martin eingeliefert wird, hat meist nur noch Monate zu leben. Wertlos sei ein solches Leben jedoch nicht, sagt der Palliativmediziner Bernd Oldenkott. Er will seine Patienten infizieren, Mensch bleiben zu wollen.

"Die Einsamkeit des Sterbens kann man dem Sterbenden nicht nehmen. Aber man kann ihm nehmen, dass er allein ist."
"Die Einsamkeit des Sterbens kann man dem Sterbenden nicht nehmen. Aber man kann ihm nehmen, dass er allein ist."(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Das ist die schönste Station in St. Hedwig." Schwungvoll öffnet Dr. Bernd Oldenkott die Tür zur Palliativmedizin im Hedwigskrankenhaus in Berlin. Die Palliativmedizin als schönste Station? Der Besucher muss schlucken. Hier wird doch gelitten, hier wird gestorben! Der Mediziner lächelt.

Für die meisten Kranken, die hier liegen, ist dies die letzte Station. "Unsere Patienten werden nicht mehr ursachenorientiert, sondern symptomorientiert behandelt", sagt Oldenkott. Ihre Schmerzen werden gelindert, zusammen mit den Familien wird, wenn möglich, eine Rückkehr nach Hause organisiert. "Anfangs können sie meist noch mehr oder weniger am normalen Leben teilnehmen. Das baut sich im Laufe der Monate ab. Dann häufen sich die Aufenthalte bei uns." Etwa 60 Prozent der Patienten sterben schließlich hier.

Die Diskussion um Suizidbeihilfe hat Palliativstationen und Hospize ein bisschen aus dem Schatten geholt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe war neulich hier, als Oldenkotts Abteilung eingeweiht wurde. Es sollte ein Signal sein: Im nächsten Jahr entscheidet der Bundestag, ob Beihilfe zum Suizid straffrei sein soll. Gröhe lehnt dies ab. Fertige Gesetzentwürfe liegen noch nicht vor - die meisten Abgeordneten sind erst dabei, sich eine Meinung zu bilden. Klar ist schon jetzt, dass die Abstimmung nicht entlang der Fraktionslinien verlaufen wird. Eine Liberalisierung fordert beispielsweise Gröhes Parteifreund Peter Hintze, der Bundestagsvizepräsident. Auch die Grünen-Politikerin Renate Künast setzt sich dafür ein, Suizidbeihilfe straffrei zu machen.

"Kein Verein für Trauerklöße"

Einig sind sich Gegner und Befürworter einer Liberalisierung darin, dass es zu wenig Palliativplätze gibt. Hintze und Künast betonen, dass ihre Forderung nichts mit dem Mangel an Palliativstationen und Hospizen zu tun hat. Einen indirekten Zusammenhang gibt es dennoch: Es geht ums Sterben. Dafür ist Oldenkott Experte. Auf die Frage, wie viele Menschen er aus dem Leben hat scheiden sehen, sagt er: "Viele. Sehr viele." Der 56-Jährige ist Onkologe und ärztlicher Leiter der erst wenige Monate alten Palliativstation St. Martin. Sieben Betten gibt es hier, bald sollen es zehn sein. "Wir sehen, dass der Bedarf gewaltig ist", sagt Oldenkott. Gleich zu Beginn des Gesprächs stellt er klar: "Hier wird gelacht - manchmal vielleicht tiefer gelacht als woanders. Wir sind kein Verein für Trauerklöße."

In der Diskussion um Sterbehilfe vermutet Oldenkott eine Reaktion auf die Entwicklung der modernen Medizin. Das Schreckgespinst des Kranken, der schutzlos lebensverlängernden Apparaten ausgeliefert ist, hat Emanzipationsbewegungen in Gang gesetzt, die er gut verstehen kann. "Exakte Wissenschaften haben einen objektivistischen Standpunkt", erklärt er. "Dabei gerät die Perspektive der Betroffenen aus dem Blick." Von "Palliativmedizin" spricht er daher nicht so gern, das klingt ihm zu kalt. Lieber benutzt er den englischen Ausdruck "palliative care". Dabei schwingt mit, worum es ihm vor allem geht: um die Sorge um und für den Leidenden, um die vielfältigen Aspekte seines Leidens und um deren Integration in einer "interperspektivischen" Haltung des Palliativteams.

"Das Leben hat uns, bevor wir es haben"

St. Hedwig ist ein katholisches Krankenhaus im überwiegend atheistischen Osten Berlins. Im Abschiedsraum seiner Station zeigt Oldenkott auf ein Kruzifix aus Holz: "Das Kreuz ist mobil", witzelt er. Soll heißen: Man kann es entfernen. Nicht wenige seiner Patienten seien "bar jeder Spiritualität", sagt der Arzt mit einer Mischung aus Bedauern und Mitgefühl.

Mit Blick auf die Sterbehilfe argumentiert Oldenkott allerdings nicht religiös. Er ist beeinflusst von der philosophischen Strömung der Phänomenologie. "Das Leben hat uns, bevor wir uns des Lebens bemächtigen. Das macht unsere ganze Empfänglichkeit und Verletzlichkeit aus. Also auch alle Glücksmomente, die wir erleben." Mit der Forderung nach einem "selbstbestimmten Tod" kann er wenig anfangen. "Wenn wir meinen, nur selbstbestimmt zu leben, dann fehlt uns etwas." Viele Menschen seien heute schnell dabei, ein Leben nicht mehr als schön anzusehen, wenn es Einschränkungen unterliegt. "Ich beobachte, dass unsere Toleranz gegenüber dem, was uns widerfährt, erheblich nachlässt. Wir können nur schwer akzeptieren, dass auch das unschöne Leben vieles Schöne hervorbringen kann."

Zuwendung zum Beispiel. "Die Einsamkeit des Sterbens kann man dem Sterbenden nicht nehmen. Aber man kann ihm nehmen, dass er allein ist. Da braucht man keine Worte. Meistens ist es einfach so, dass man in Ermangelung an Sprache schweigend neben ihm steht und durch die Nähe signalisiert: Ich bin bei dir und bleibe bei dir."

Am Ende des Gesprächs noch einmal die Frage: Sollte Beihilfe zum Suizid unter Strafe stehen? Oldenkott zögert. "Da kommen wir in Felder tiefster und intimster menschlicher Begegnungen, die man nicht an die Öffentlichkeit zuppeln sollte." Er meint, dass bei einer Liberalisierung die Ausnahme zum Regelfall erklärt würde. Am liebsten wäre ihm ein Gesetz, das deutlich macht, dass Recht auch Unrecht sein kann. Aber das ist natürlich nicht möglich. Für ihn gibt das Dammbruch-Argument den Ausschlag: Belgien und die Niederlande hätten gezeigt, dass eine Liberalisierung zu immer mehr Fällen von Suizidbeihilfe führe. Kürzlich wurde einem Strafgefangenen in Belgien erlaubt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Das hat Oldenkott entsetzt. "Man muss sich das mal vorstellen: Europa lehnt die Todesstrafe ab, aber durch die Hintertür kommt die Todesstrafe als Euthanasie. Dann bin ich lieber für die restriktive Lösung."

Zum Abschied sagt er noch ein paar Sätze, die dies alles zusammenfassen. "Diese Station beschert mir unglaublich schöne Begegnungen, bei denen man sich freut, Mensch zu sein. Ich glaube, dass viele Patienten von uns infiziert werden, das auch bleiben zu wollen."

Quelle: n-tv.de

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