Politik
Flüchtlinge stehen teils ab vier Uhr morgens in der Schlange vor dem Lageso - oft mehrere Stunden.
Flüchtlinge stehen teils ab vier Uhr morgens in der Schlange vor dem Lageso - oft mehrere Stunden.(Foto: dpa)

Chaos in Berliner Asylbehörde: Lageso-Mitarbeiter brechen ihr Schweigen

Seit Wochen steht das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales in der Kritik: Von chaotischen Zuständen ist die Rede. Doch nicht nur die Flüchtlinge haben es satt zu warten, auch bei den Mitarbeitern wächst die Wut - vor allem auf die Chefetage.

Asylanträge verschwinden in Kisten, eine Personalplanung gibt es nicht - und vor dem Bürofenster warten Hunderte Flüchtlinge in der Kälte auf einen Termin. Die Zustände im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin sind mittlerweile derart prekär, dass nun auch mehrere Sachbearbeiter in einem Bericht des Senders RBB ihr Schweigen brechen. Alle anonym - vorbei an der Pressestelle, die eigentlich allein über die Lage dort Auskunft geben darf.

Was sie berichten, klingt wie ein schlechter Scherz: Unbearbeitete Fälle von Asylbewerbern stapelten sich demnach in Postkisten, verteilt auf mehrere Räume. Ein Ordnungssystem gebe es nicht. "Deswegen gibt es bei uns auch den Job des 'Suchers'", erzählt einer. "Das sind Kollegen, die nur damit beschäftigt sind, die passende Akte zu suchen."

Schon Ende November hatten Ehrenamtliche und Flüchtlinge vor dem Lageso protestiert.
Schon Ende November hatten Ehrenamtliche und Flüchtlinge vor dem Lageso protestiert.(Foto: imago/Christian Mang)

Auch die Vergabe von Terminen folge keiner Logik. Täglich würden "500 oder mehr Flüchtlinge" in die Behörde bestellt, obwohl man wisse, dass maximal 200 Anträge bearbeitet werden könnten. Die Folge: Viele Asylbewerber müssten trotz eines Termins nach Stunden unverrichteter Dinge wieder gehen. "Ich frage meine Vorgesetzten immer wieder, warum wir nicht realistische Termine verteilen können", sagt ein Mitarbeiter. "Die Antwort lautet, dass das an einer Richtlinie liegt, die wir einhalten müssen - pro forma."

Tatsächlich ist das Lageso für die Registrierung von rund 60.000 Flüchtlingen zuständig, die allein 2015 in die Hauptstadt gekommen sind - eine Zahl, die von der Behörde offenbar nicht mehr bewältigt werden kann. Den Grund dafür sehen die Mitarbeiter allerdings weniger im Ansturm der Asylsuchenden, sondern an den fehlenden Strukturen. "Nichts wird hier richtig zu Ende gedacht", erklärt ein Verwaltungsangestellter. "Wie werden zum Beispiel die nächsten Wochenenden abgedeckt? Wir wissen noch nicht einmal, wer am Sonnabend und Sonntag da ist."

Strafanzeige gegen Sozialsenator

Auch an Weihnachten stehe die Behörde vor einem "ganz, ganz großen Problem", so der Mitarbeiter. "Sollen hier nur Ehrenamtliche und der Wachschutz sein? Und was keiner weiß: Die rund 50 Bundeswehrsoldaten, die uns bei der Registrierung helfen, haben ihren Einsatzbefehl nur bis Dezember, dann sind sie weg."

Der Druck auf die Führungsebene wächst: Inzwischen haben mehr als 40 Rechtsanwälte Strafanzeige gegen den zuständigen Berliner Sozialsenator Mario Czaja und den Leiter des Lageso, Franz Allert, eingereicht. Czaja wird schon seit längerem persönlich für die Zustände verantwortlich gemacht. Aber auch Allert erhält schlechte Noten von seinen Mitarbeitern. Der Behördenchef sitze "im 10. Stock - und kommt nur runter, wenn er Besuch von Czaja bekommt. Organisatorisch ist die Führungsebene völlig überfordert."

Von einer möglichen Entlassung des Senators will Berlins regierender Bürgermeister, Michael Müller, dennoch nichts wissen. "Was wäre die Konsequenz?", fragte er in der Sendung "Thadeusz". "Dann haben wir ein paar Monate vor uns, in denen sich die Politik mit sich selbst beschäftigt. Dass wir in einer Situation sind, in der sich Politik mit sich selbst beschäftigen sollte - das sehe ich nicht."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen