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Die alltägliche Anzüglichkeit: Lasst die Sprüche einfach weg!

Von Diana Sierpinski

Hier ein tiefer Blick ins Dekolleté, da ein anzügliches Lob über den hübschen Rock: Sexuelle Anspielungen gehören in Deutschland zum Alltag. Frauen müssen lernen, diese Art von Sexismus offen zu bekämpfen, sich nicht zu schämen, Grenzen zu setzen. Männer müssen lernen, diese Grenzen zu erkennen.

Ein anzüglicher Blick, eine frivole Bemerkung. Gebaggere und Gegrapsche, manchmal ungewollte Nähe. Verbale Grenzüberschreitungen wie die plumpe Anmache Rainer Brüderles an der Hotelbar sind trauriger Alltag in Deutschland. Täglich geschehen sie hunderte, tausende Male. Jede Frau hat diesen anschwellenden Bocksgesang schon einmal selbst erlebt oder zumindest zugesehen, wie es einer anderen passiert ist. Das zeigt der öffentliche Aufschrei, der seit der Veröffentlichung des Artikels der "Stern"-Reporterin über ihre Begegnung mit dem weinseligen Brüderle durch Deutschland hallt. Politiker nehmen Stellung, Prominente melden sich zu Wort und auf Twitter bricht die Debatte alle Rekorde.

Nicht jede Frau empfindet einen unmissverständlichen Blick bereits als Anmache.
Nicht jede Frau empfindet einen unmissverständlichen Blick bereits als Anmache.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Längst hat sich die öffentliche Diskussion von Brüderle und der journalistischen Ethik verabschiedet. Längst geht es um den ganz alltäglichen Sexismus und um Fragen wie: Wo hören Komplimente auf? Ist der Herrenwitz noch gesellschaftsfähig? Was ist eigentlich so schlimm an zweideutigen Anspielungen? Wo ist die Grenze zwischen einem Flirtversuch und sexueller Belästigung?

Klar ist, dass alle für Sexismus ihre jeweils eigene Definition haben. Die Grenze zwischen einem netten Flirt oder einem nett gemeintem Kompliment und der sexuellen Belästigung ist schmal und nicht klar definiert. Jeder von uns hat seine bestimmte Vorstellung vom Flirten, erklärt Nandine Meyden, Stil- und Benimm-Beraterin, n-tv.de. "Was der eine schon als Flirt empfindet, das ist für den anderen ein nettes Gespräch und für jemand Drittes schon eine richtige Anmache."

Eine Frage der Persönlichkeit

Fest steht auch: Sexismus ist eine Frage der Persönlichkeit. Während eine selbstbewusste Frau Sprüche über ihr "gut ausgefülltes Dekolleté" vielleicht noch als mehr oder weniger charmantes Kompliment empfindet, geht der gleiche Spruch der schüchternen Kollegin womöglich viel zu weit. Ob sich ein Mensch auf einen Flirt einlasse, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, erklärt Meyden. Dazu können die Tagesform, die prinzipielle Haltung zum Flirten, Mentalität und kulturelle Herkunft, Selbsteinschätzung und Selbstwertgefühl gehören. Was also die einen für ein neckisches Spiel halten, erleben andere als unverschämte Erniedrigung, als sexuelle Belästigung.

Beim Stichwort "sexuelle Belästigung" denken die meisten gleich an den Griff unter die Bluse, den erzwungenen Kuss auf den Mund oder gar die versuchte Vergewaltigung. Das 2006 in Kraft getretene Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) definiert den Terminus als "unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, das die Würde der betreffenden Person verletzt". Dazu gehören nicht nur körperliche Berührungen, sondern auch Äußerungen, Gesten und Blicke. Schon Bemerkungen sexuellen Inhalts sind damit als Belästigung zu werten. Allerdings muss die betroffene Person erkennbar zeigen, dass sie solches Verhalten ablehnt. Das heißt konkret: Sie muss sagen, dass sie das Verhalten des Täters als unangemessen und verletzend empfindet, und ihn sofort auffordern, es zu unterlassen.

In der Praxis erfordert das Mut. Unter dem Hashtag "#aufschrei" berichten Frauen auf Twitter über Beleidigungen, wie sie starr vor Schreck stumm blieben, als der Arm des Chefs um ihre Taille wanderte. Dass es ihnen buchstäblich die Sprache verschlug, als er die Größe ihrer Brüste kommentierte. Frauen nehmen es sich manchmal noch Wochen später übel, in einer solchen Situation einfach nur gelächelt zu haben. Weil sie in diesem Moment so völlig überrumpelt waren. Weil es sich um einen Vorgesetzten handelte, den sie nicht brüskieren wollten. Eine Frau, die sich gegen schlüpfrige Sprüche wehrt, die auf unerwünschte Avancen ihres Chefs ablehnend reagiert, steht schnell als gehemmte Zicke da, als eine, die "sich anstellt".

Männer, aufgepasst!

Auf der anderen Seite beklagen viele Männer, es sei schwer, sich richtig zu verhalten. Was ist okay, was geht zu weit, fragen sie verunsichert? Dabei sind die roten Linien dick und sichtbar. Berührungen ohne Einwilligung gehen gar nicht. Für alles andere gilt: Es braucht Einfühlungsvermögen. Oder wie es Meyden beschreibt: "Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen einer bloßen Anmache und einem gelungenen Flirt. Ein gelungener Flirt ist etwas, bei dem man sich auf den anderen so einschwingt, dass keine Missverständnisse entstehen, dafür aber eine gewisse Spannung erzeugt wird. Insgesamt sollte die Person, mit der geflirtet wird, ein gutes Gefühl haben und letzten Endes mehr von seinem Gegenüber erfahren wollen."

Es scheint jedoch, als beherrschten die meisten Männer noch nicht einmal das kleine Einmaleins des geschlechtlichen Miteinanders. Es sind die kleinen Gesten, Berührungen, Sprüche - Dinge, die irgendwo im Zwischenraum von unangenehm und übergriffig liegen, die die meisten Frauen gelernt haben zu ignorieren. Es ist der Typ an der Supermarktkasse, der sich an einen presst, der Sportlehrer, der zu fest und zu lange zupackt, der gute Kumpel, dessen Hand sich im trunkenen Zustand verirrt, der Kollege, der etwas Abfälliges sagt, der Chef, der sich auf Zweideutigkeiten versteht.

Frauen, wehrt euch!

Es besteht eine große Diskrepanz zwischen dem, was man Frauen so beibringt und was sie täglich erleben. Beigebracht wird ihnen, dass sie gleichberechtigt sind, dass sie sich jederzeit wehren können. Frauen erleben aber tatsächlich überall, in jeder Altersgruppe, unabhängig von Bildung und Stellung, den kleinen Alltagssexismus, sie spüren den Widerspruch zu dem großen Getue um Gender-Mainstreaming und dennoch wehren sie sich nur in den seltensten Fällen.

Das muss sich ändern. Frauen, die unter sexistischen Übergriffen leiden, sollten den Gedanken, zu gefallen, es nett haben zu wollen, für immer beiseite schieben. Wehrt euch. Sagt den Männern, wo die Grenze überschritten ist. Das ist manchmal unangenehm, aber wichtig.  Wir brauchen eine Debatte wie diese, um die Menschen beider Geschlechter zu sensibilisieren, um ein Umdenken in den Köpfen zu erreichen. Es ist kein "Altherrengebahren", wie manche behaupten. Männer jeden Alters müssen lernen, dass Gaffen und Tätscheln nicht in Ordnung ist. Und Frauen müssen lernen, diese Art von Sexismus offen zu bekämpfen, sich nicht zu schämen, sondern die Männer, die sich so verhalten, offen damit zu konfrontieren.

Quelle: n-tv.de

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