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"Überall lauert das Groteske": Die Forscher wollen die Deutung von Hitlers "Abrechnung" nicht Satirikern oder Ewiggestrigen überlassen.
"Überall lauert das Groteske": Die Forscher wollen die Deutung von Hitlers "Abrechnung" nicht Satirikern oder Ewiggestrigen überlassen.(Foto: picture alliance / dpa)

Wegsperren oder Entzaubern?: "Mein Kampf" entzweit Politik und Forschung

Für viele Menschen ist es "die widerlichste Hetzschrift", die in Deutschland je verfasst wurde. Doch wie soll die Bundesrepublik 70 Jahre nach Hitlers Tod mit seinem Pamphlet "Mein Kampf" umgehen? Nach Ablauf der Urheberrechte stehen sich zwei Lager gegenüber.

"Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden." Es sind Sätze wie dieser, die gerne zitiert werden, wenn es um Adolf Hitlers "Mein Kampf" geht, jene im Gefängnis in Landsberg verfasste Hass- und Hetzschrift aus dem Jahr 1924. Das Zitat diente immer wieder als Vorlage für Satiriker. "Es ist ein Satz, den man ja gar nicht erst ins Lächerliche ziehen muss", sagt Andreas Wirsching, der Direktor des Institutes für Zeitgeschichte (IfZ) in München. Er spricht von Realsatire. "Überall lauert das Groteske."

Wirsching steht in der Katholischen Akademie in München am Rednerpult, während die Justizminister auf Rügen darüber beraten, wie es nach 2015 weitergehen soll mit "Mein Kampf". Wirsching macht sich schon seit Jahren Gedanken über den Umgang mit dem Buch für die Zeit danach, wenn Ende 2015, gut 70 Jahre nach Hitlers Tod, die Urheberrechte auslaufen. Mit ihnen hat der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger des Nazi-Verlages Eher einen Nachdruck bislang verhindert.

Zuletzt bekamen das die Macher der historischen Zeitschrift "Zeitungszeugen" zu spüren. Als sie kommentierte Auszüge aus "Mein Kampf" veröffentlichen wollten, schob das bayerische Finanzministerium dem einen Riegel vor. Seit Jahren schon aber arbeitet das IfZ an einer kommentierten Ausgabe von "Mein Kampf". 2016 soll sie veröffentlicht werden.

"Storch zur Störchin, Feldmaus zur Feldmaus"

Die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfenning kann nicht nachvollziehen, weshalb die Bürger 70 nach Ende des Nazi-Regimes immer noch bevormundet werden sollten.
Die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfenning kann nicht nachvollziehen, weshalb die Bürger 70 nach Ende des Nazi-Regimes immer noch bevormundet werden sollten.(Foto: picture alliance / dpa)

"Notwendigkeit, Zielsetzung und Probleme einer kritischen Ausgabe von "Mein Kampf"" heißt Wirschings Vortrag - und an der Notwendigkeit hegt er keinen Zweifel. Die Wissenschaftler wollen nicht Satirikern die Deutungshoheit über "Mein Kampf" überlassen - ganz zu schweigen von rechtsextremen Kameradschaften, Ewiggestrigen und der NPD.

Zwei entscheidende Gründe nennt Wirsching für die Veröffentlichung einer kommentierten Edition: den Quellenwert des Buches und die moralische Verpflichtung, sich damit auseinanderzusetzen. Es handle sich um ein Buch, in dem Hitler seine Ideologie brutal und stringent niedergeschrieben habe. "Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zur Hausmaus, der Wolf zur Wölfin." So begründet Hitler den Sozialdarwinismus, auf dem seine menschenverachtende Rassentheorie fußt.

"Das ist eine Weltanschauung, eine in sich geschlossene Ideologie, die sowohl Grundlage für sein innenpolitisches Programm als auch für seinen außenpolitischen Fahrplan war", sagt die Passauer Professorin für Politische Theorie, Barbara Zehnpfennig. Und: "Ich finde es absurd, dass man nach 70 Jahren Demokratie das Volk immer noch so bevormundet."

"Wir wollen Hitler umzingeln"

Nun entschieden die Justizminister der Bundesländer: Die Verbreitung von Hitlers "Mein Kampf" soll auch nach dem Auslaufen der Urheberschutzfrist in Deutschland verboten bleiben. Ein Sondergesetz soll es zwar nicht geben, die geltende Rechtslage aber, etwa der Straftatbestand der Volksverhetzung, reiche aus, den Nachdruck zu verhindern. Wie es mit kommentierten Ausgaben und der jahrelangen Arbeit des Institutes aussieht, das blieb zunächst offen.

Wenn es eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe gebe, die sich klar von dem Inhalt abgrenze, sei eine nicht-strafbare Veröffentlichung unter Umständen möglich, sagte eine Sprecherin von Bayerns Justizminister Winfried Bausbach. Das müssten Gerichte im Einzelfall und anhand des konkreten Textes beurteilen.

Für die langjährige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, ist die Sache klar: Wenn es die Möglichkeit gibt, unkommentierte Neuausgaben von "Mein Kampf" in Deutschland juristisch zu verhindern, dann gebe es auch keine Notwendigkeit für eine kommentierte Ausgabe. Von der "Büchse der Pandora" spricht sie. "Eine der widerlichsten Hetzschriften, die je in diesem Lande verfasst worden ist", dürfe in Deutschland nicht noch einmal auf legalem Wege unter die Leute gebracht werden.

In vielen Ländern ist Hitlers Hetzschrift dagegen zu haben - Deutschland ist eine Sondersituation. Zwar lasse es sich einem Holocaust-Überlebenden tatsächlich nur schwer erklären, warum "Mein Kampf" in Deutschland wieder gedruckt werden soll, räumt IfZ-Chef Wirsching ein. Aber: "Ein Verbot ist nicht mehr als Symbolpolitik", sagt er. "Und Symbolpolitik am falschen Ort, weil sie nur der Mystifizierung dieses Buches dient." Genau das will das IfZ mit der kritischen Ausgabe verhindern. "Wir wollen Hitler umzingeln", sagt Wirsching. "Was wir herausbringen, ist eine Anti-Hitler-Schrift."

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Quelle: n-tv.de

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