Politik
Briten demonstrieren für einen Verbleib in der EU.
Briten demonstrieren für einen Verbleib in der EU.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 16. Juni 2016

Kommt es zum Brexit?: "Menschen haben Angst vor Veränderung"

Geht es nach den Umfragen, ist der Brexit fast eine sichere Sache. Doch für den Chef des Umfrageinstituts YouGov, Stephan Shakespeare, ist noch alles möglich. Im Gespräch mit n-tv.de sagt er: "Die meisten Menschen entscheiden sich am Ende lieber für den Status Quo".

n-tv.de: In einer Woche stimmen die Briten über einen Austritt aus der EU ab. Wie werden sie sich entscheiden?

Stephan Shakespeare: Das ist sehr, sehr schwer vorherzusagen. Lange Zeit lag die "Remain"-Kampagne, die für einen Verbleib in der EU ist, vorn. Dann hatte die "Leave"-Kampagne einige gute Wochen und führt inzwischen in den Umfragen. Doch auch beim Referendum in Schottland 2014 lagen die Befürworter einer Unabhängigkeit zehn Tage vor der Abstimmung um einen Punkt vorn, dann unterlagen sie mit 45:55 Prozent. Bei dieser Wahl könnte die Stimmung ebenfalls noch kippen. Die meisten Menschen entscheiden sich am Ende lieber für den Status Quo als für Veränderungen.

Woran liegt das?

Stephan Shakespeare ist Gründer und Leiter des Umfrage-Instituts YouGov. Nachdem bei den letzten Unterhauswahlen alle Meinungsforscher falsch lagen, haben die Institute ihre Statistik verändert und "viel dazugelernt", so Shakespeare.
Stephan Shakespeare ist Gründer und Leiter des Umfrage-Instituts YouGov. Nachdem bei den letzten Unterhauswahlen alle Meinungsforscher falsch lagen, haben die Institute ihre Statistik verändert und "viel dazugelernt", so Shakespeare.

Sie wollen nicht verlieren, was sie bereits haben. Sie haben Angst vor Veränderungen und eine Aversion gegen Risiken. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern für alle Aspekte des Lebens. Ob diese Angst vor dem Risiko aber jetzt stark genug ist, weiß ich nicht. Schließlich wächst in der britischen Bevölkerung auch die Sorge angesichts der Veränderungen, die in Europa gerade vor sich gehen.

Warum haben die Brexit-Anhänger in den vergangenen Wochen aufgeholt?

Bis vor Kurzem drehte sich alles um die Wirtschaft, wobei das "Remain"-Lager diese Debatte klar gewann. Die Regierung und alle Experten betonten die großen wirtschaftlichen Gefahren bei einem EU-Austritt, die Brexit-Anhänger hatten keine Antwort darauf - weder auf die Unabwägbarkeiten für Unternehmen noch auf die möglichen Erschütterungen auf dem Arbeitsmarkt oder die Auswirkungen auf die Inflation. Aber inzwischen hat sich die Debatte weiterentwickelt, das Topthema ist nun die Immigration. Hier haben sich die Rollen vertauscht, die Brexit-Befürworter dominieren die Debatte: Es gibt viele Belege für eine wachsende Zuwanderung nach Großbritannien und die Bevölkerung lehnt diese ab. Viele Briten sehen Zuwanderer als Bedrohung für ihre Jobs und als Belastung für die Sozialsysteme. Die "Remain"-Kampagne hat darauf keine Antwort.

Wer stimmt denn vor allem für einen Brexit?

Für einen EU-Austritt plädieren vor allem diejenigen, die ein geringeres Einkommen und unsichere Jobs haben und denen andere Kulturen fremd sind. Die meisten Befürworter gibt es im Südwesten oder in East Anglia, weit weg von den städtischen Schmelztiegeln. In einer Stadt wie London ist dagegen das "Remain"-Lager stärker. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass die EU generell nicht sehr beliebt ist. Bei der Frage: "Wenn wir nicht in der EU wären, würden Sie für einen Beitritt stimmen?" sind zwei Drittel der Befragten dagegen.

Wieso sind die Briten so anti-europäisch eingestellt?

Die Erfahrungen, auf einer Insel zu leben, hat sicher etwas damit zu tun. Die Briten fühlen sich kulturell weniger als Teil Europas. Sie lieben zwar andere europäische Länder und verbringen hier gerne ihre Ferien. Aber sie waren immer misstrauisch, was die Schaffung einer Nation Europa betrifft. Und sie wollen kein Teil davon werden.

Was kann jetzt noch die Wahl beeinflussen?

Sollte sich die Debatte weiter auf die Zuwanderung konzentrieren, wird das ein Problem für das "Remain"-Lager. Wenn es dieses jedoch schafft, in der letzten Woche vor dem Referendum wieder über die Wirtschaft zu sprechen und eine positive Vision von Europa zu zeichnen, könnte sich das Blatt noch wenden. Bisher war die "In"-Kampagne völlig negativ. Es ging nur um die schrecklichen Dinge, die uns erwarten, wenn wir die EU verlassen. Die Campaigner haben immer wieder betont: "Europa ist Chaos und nicht gut. Aber ohne die EU ist es noch gefährlicher und alles wird schlimmer." Sie haben nicht gesagt: "Ist es nicht großartig, Teil der EU zu sein? Ist es nicht toll, frei reisen zu können?" Es kann natürlich auch noch etwas passieren, was die Wähler umstimmt. Wenn etwa Chaos bei der Währung oder auf den Aktienmärkten ausbricht, könnten die Briten nervös werden und für einen Verbleib in der EU stimmen.

Wird es denn nach diesem Referendum endlich Ruhe geben?

Wenn es ein starkes Ergebnis gibt, dann herrscht sicher für eine Weile Ruhe. Sollte "Leave" gewinnen, wird es jahrelange Verhandlungen mit der EU geben. Allerdings könnte jede Regierung an deren Ende fordern, über die Ergebnisse noch einmal abstimmen zu lassen. Außerdem könnte die EU ein Angebot vorlegen, das viele Briten überzeugt und ein weiteres Referendum nach sich zieht. Wenn die Abstimmung sehr knapp ausgeht, wird sicher keine Seite sagen: "Das Thema ist durch." Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Mit Stephan Shakespeare sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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