Politik
Wahlkampfmaterial wird an die Helfer verteilt.
Wahlkampfmaterial wird an die Helfer verteilt.(Foto: Roland Peters)
Donnerstag, 08. Juni 2017

US-Wahlkämpfer in Großbritannien: Mit Sanders gescheitert, dann eben Corbyn

Von Roland Peters, London

Diesmal wollen sich die jungen Briten nicht wie beim Brexit-Votum vorwerfen lassen, sie hätten nichts getan. Bei ihrem Engagement hilft US-Wahlkämpfer Grayson, der zuvor für Bernie Sanders auf die Straße ging. Die Parallele ist für ihn klar: Wir gegen die.

Grayson spricht laut. So laut, dass die Wartenden auf dem Bahnsteig von Clapham Junction missbilligend auf Abstand zwischen sich und dem Mann in Trekkingschuhen, rotem T-Shirt und mit Schiebemütze gehen. Um Auffälligkeit ist der US-Amerikaner nicht verlegen. Es geht ums Ganze. Auch hier in London. "Die Leute holst du nur aus ihrer Meinungsblase im Internet heraus, wenn du sie persönlich ansprichst. Es ist die einzige Chance, die wir haben."

Seit Wochen für Labour unterwegs: Grayson.
Seit Wochen für Labour unterwegs: Grayson.(Foto: Roland Peters)

Es ist der Tag vor der britischen Unterhauswahl. Labour soll gegen Premierministerin Theresa May ein gutes Ergebnis einfahren, dafür ist Grayson unterwegs. Das Wahlkampfteam hat gerade Flugblätter in der Einkaufsmeile verteilt, nun fährt die Gruppe aus jungen Frauen in den Außenbezirk Croydon, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Grayson ist einer von vier Personen, die in den Vereinigten Staaten rekrutiert und vor ein paar Wochen nach Großbritannien geflogen wurden. Sie sollen dem Linken Jeremy Corbyn beim Umzug in die Downing Street 10 helfen, dem Amtssitz des Regierungschefs. Das Quartett arbeitete zuvor im Wahlkampfteam von Bernie Sanders, der bei den Vorwahlen der US-Demokraten knapp gegen Hillary Clinton unterlag.

Sanders, der sich selbst als demokratischen Sozialisten bezeichnet, und nun Corbyn, den die britische Boulevardpresse als Marxisten beschimpft: Für Grayson gibt es viele Parallelen zwischen den USA und Großbritannien. "Die Leute stimmen über ihr Gefühl ab, die Fakten sind ihnen egal." Deshalb müsse man mit ihnen reden. Seit mehr als fünf Jahren arbeitet der 33-Jährige aus dem US-Bundesstaat Maine als Wahlkämpfer, seinen Job macht er aus Überzeugung. Er und seine Kollegen haben im ganzen Land Schulungen durchgeführt und bei der Koordination geholfen; in Schottland, im nördlichen Rostgürtel der ehemaligen Industriestädte, in Wales und London. "Momentum" steht auf Graysons T-Shirt.

In manchen Umfragen liegt Labour nur wenige Punkte hinter den Tories. Wegen des englischen Direktwahlsystems zählen die Prozente der Prognosen aber nur bedingt, zudem wurden die Methoden nach dem Brexit verändert. Wer in seinem Wahlbezirk die meisten Stimmen sammelt, darf ins Unterhaus einziehen, eine Zweitstimme gibt es nicht. Also gehen die Wahlkampfteams von Tür zu Tür und werben für den lokalen Kandidaten. Oder sie empfehlen eine taktische Wahl, um einen Tories'-Sitz im Parlament zu verhindern, denn auch am Parteichef scheiden sich die Geister. Es ist das, was die meisten auf der Straße und an der Tür antworten, wenn es um ihre Parteipräferenz geht: "Labour ja, aber Corbyn?"

Präsenz zeigen, reden, überzeugen

Die Teams führen Listen darüber, welche Wähler sich wie geäußert haben - und gleichen es immer wieder ab.
Die Teams führen Listen darüber, welche Wähler sich wie geäußert haben - und gleichen es immer wieder ab.(Foto: Roland Peters)

Ein Gruppenkoordinator steht mit Wählerlisten im roten Ordner in einer Straße in Croydon. Seine Helfer kommen aus Oxford, aus Brixton, von überall her. Manchmal sprechen Anwohner sie an und wollen etwas tun. "Ich habe eine Stunde Zeit." Dann werden sie an die Türen ihrer Nachbarn geschickt. "Wann gehen Sie wählen?" Die großen Fenster eines Reihenhauses sind mit Gardinen verhangen, davor arbeitet eine ältere Frau in ihrem blühenden Vorgarten. "Meine Tochter und ich haben schon per Briefwahl abgestimmt. Meinen kranken Mann bringen wir irgendwann in seinem Rollstuhl zum Wahllokal."

Das sind für die Wahlkämpfer die einfachsten Fälle, aber auch ihre Antwort wird sorgfältig auf der Liste vermerkt. Sollten sie und ihr Mann nicht auftauchen, wird jemand von Labour bei ihnen zu Hause vorbeigehen und dem Kranken zum Wahllokal helfen.

Corbyn steht so weit links von den vorherigen Labour-Premiers Tony Blair und Gordon Brown, dass es vor allem junge Leute in den Wahlkampf treibt. Das ist die Hoffnung und auch das Kalkül der Partei: Dass mehr junge Leute an die Urnen gehen als beim Brexit-Referendum, weil sie gemerkt haben, dass es um etwas geht. Dass Dinge schiefgehen können, wenn sie ihr Wahlrecht nicht wahrnehmen oder sich nicht engagieren. Präsenz zeigen, mit Unentschlossenen reden, überzeugen.

Immer wieder geht es in diesen Gesprächen ums Gesundheitssystem National Health Service, wie schon vor dem Brexit eines der Hauptthemen des Wahlkampfes. Die Gruppe hat eine junge Krankenschwester des NHS dabei. Ihr hören die Menschen zu; wie auch der Mann, der im Vorbeilaufen sagt, er werde nicht wählen gehen. "Ein Bett im Krankenhaus kostet 300 Pfund pro Nacht und wir als Pflegekräfte können verklagt werden, falls wir jemanden entlassen, dem danach zu Hause etwas passiert", erklärt ihm Ann eindringlich. "Aber die günstigere Heimpflege wurde weggekürzt."

Der NHS ist neben der Inneren Sicherheit das Hauptthema der Diskussionen.
Der NHS ist neben der Inneren Sicherheit das Hauptthema der Diskussionen.(Foto: Roland Peters)

Der Mann schwankt. Die Frau legt nach: "Deswegen behalten wir die Patienten viel länger im Krankenhaus als nötig. Das ist doch Wahnsinn, viel teurer. Das wird Labour ändern." Das Geldargument überzeugt. "Was soll ich dagegen sagen? Gib mir so ein Flugblatt, ich werde wählen."

Hier auf den Straßen von England wirkt es so, als rücke die Linke auch international unter Druck von Rechts zusammen. "Wir machen Graswurzel-Politik, so wie es früher war. Wir reden mit den Menschen, lassen ihre Blase platzen." Da fängt die Gruppe an zu diskutieren, man könne auch sagen, es sei die Gegenbewegung zu dem, was sich Rechte so effektiv zu nutze machten: die Halbwahrheiten, die Fake News, die Verknüpfung von sozialen Themen mit Ressentiments gegenüber Immigranten und der EU. "Zu viel wird von den 1 Prozent kontrolliert", meint Grayson.

Die "1 Prozent", das sind die Reichen, die Elite, wie sie von "Occupy Wall Street" in den USA genannt wurde. Hier in Großbritannien ist es für Grayson die Presse, die sich mit der von der Realität abgekoppelten politischen Westminster-Blase verbündet hat. Der Altlinke Corbyn mit seinem Stoppelbart und den ungeweißten Zähnen wirkt dagegen wie aus einer anderen Welt. "Manche beschimpfen mich als Kommunisten", sagt Grayson grinsend.

Wenn auch nicht viele daran glauben, dass es Labour tatsächlich schafft, diesmal wollen sich die jungen Leute nicht vorwerfen lassen, sie hätten es nicht versucht. Trotzdem ist die Auszugsparty für Jeremy Corbyn in seinem Wahlkreis Islington North auf Facebook bereits angekündigt, mit Zehntausenden Zusagen. Der Labour-Chef soll ja gebührend in einem britischen Pub mit Pints verabschiedet werden, wenn er in die Downing Street ziehen sollte.

Quelle: n-tv.de

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