Politik
(Foto: REUTERS)

Kein Einfluss? Von wegen!: Moskau macht sich langsam lächerlich

Ein Kommentar von Christian Rothenberg

Monatelang bestreitet Russland, die Separatisten in der Ukraine zu unterstützen. Doch nun lobt Putin die Kämpfer plötzlich öffentlich und gibt ihnen sogar Anweisungen. Für den Westen macht es das kaum leichter.

Dementieren, abstreiten, leugnen: Öffentlich geht Moskau von Beginn an auf Distanz zu den prorussischen Separatisten in der Ukraine. Über Monate funktioniert das beeindruckend gut. Was hinter den Kulissen geschieht, weiß niemand genau, man kann es nur erahnen. Russische Soldaten machen Selfies in der Ukraine, britische Zeitungen berichten von einem Militärkonvoi jenseits der Grenze: Es gibt viele Hinweise, aber kaum Beweise. Russland kontert die Vorwürfe hartnäckig: Dass die Regierung die Aufständischen unterstützt, sei eine "Lüge" und "westliche Propaganda".

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Nach knapp einem halben Jahr legt der Kreml seine Zurückhaltung ab. Plötzlich nennt Wladimir Putin den jüngsten Vormarsch der Separatisten einen "Erfolg". Die Kämpfer von "Neurussland" sollten einen Fluchtkorridor für eingekesselte ukrainische Einheiten einrichten, unnötige Opfer vermieden werden. Der erste öffentliche Schulterschluss mit den Rebellen dürfte im Westen kaum für Verwunderung sorgen. Auf der Krim folgte die Politik Putins schließlich einem ähnlichen Muster. Dennoch lassen die Worte des russischen Präsidenten aufhorchen. Spätestens jetzt steht fest: Mit jedem weiteren Satz, mit dem man die Unterstützung der Separatisten leugnet, macht sich Moskau lächerlich.

Ein Beispiel: Erst am Dienstag wollte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko in Minsk einen Friedensplan mit Putin verhandeln. Dieser erklärte nur, Kiew müsse mit den Separatisten verhandeln, Russland werde alles für den Friedensprozess tun - "falls dieser beginnt". Drei Tage später lobt Putin dieselben Separatisten und gibt ihnen konkrete Anweisungen. Deren Anführer Alexander Sachartschenko begrüßt kurz darauf den Appell Putins. Keinen Einfluss auf die Kämpfer? Von wegen!

Russlands Argumentation in der Ukraine, bis vor kurzem verdeckt und nun offen, zeugt von einer kruden Doppelmoral. Putin rechtfertigt den Einsatz der Separatisten folgendermaßen: Die Aufständischen würden die Militäreinsätze Kiews abwehren, die eine "tödliche Gefahr" für die Zivilbevölkerung darstellten. Das ist absurd! Erstens wurde es in der Donbass-Region erst dann richtig gefährlich, als die Uniformierten ohne Hoheitszeichen auftauchten. Zweitens wären die Soldaten aus Kiew jetzt nicht in Donezk oder Lugansk, wenn die von Moskau unterstützten Kämpfer diese Städte nicht zuvor erobert hätten. Und drittens: Selbstverständlich würde auch Putin Militär einsetzen, wenn Aufständische in Rostow oder Sotschi öffentliche Gebäude besetzen.

Wie geht’s nun weiter? Die Separatisten führen zwar die Kämpfe in der Ostukraine, aber der richtige Adressat für einen Friedensplan sind nicht sie, sondern Putin. Leichter wird es durch dessen Outing also nicht. Der Westen hat dem Mann im Kreml scheinbar ohnehin kaum etwas entgegenzusetzen. So schamlos Putin auch taktiert: Am Ende könnte er der große Gewinner sein.

Quelle: n-tv.de

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