Politik
Putin hat den "Milizen Neurusslands" erhebliche Erfolge attestiert.
Putin hat den "Milizen Neurusslands" erhebliche Erfolge attestiert.(Foto: REUTERS)
Freitag, 29. August 2014

Neue Fronten in der Ostukraine: "Neurussland" ist Mythos und Realität

Von Issio Ehrich

Wladimir Putin spricht in einer Erklärung von der Miliz von "Neurussland" - ein bedeutungsschwerer Begriff. Er kann sehr viel meinen, aber auch sehr wenig.

Rhetorisch ist "Novorossiya" im Kreml schon Realität. Wladimir Putin benutzte den Begriff - übersetzt heißt er so viel wie "Neurussland" - in einem Schreiben an die Milizen in der Ostukraine. Und es war nicht das erste Mal. Doch was genau meint er damit eigentlich?

Natürlich ist es unmöglich, Putins Gedanken zu erahnen. Aber es existieren eine Reihe von Definition für diesen Begriff. Erstmals tauchte er im 18. Jahrhunderts auf. Er war die Bezeichnung für eine Region, die vormals das "Wilde Feld" hieß. Ein dünn besiedeltes Gebiet, in dem sich Nomadenvölker tummelten. Es war ein Landstrich, der ganz grob vom heutigen Transnistrien über das ukrainische Odessa, die Krim bis über die heutigen russischen Grenzen reichte. Ende des 18. Jahrhunderts gliederte der russische Zar die Gebiete in sein Reich ein. Katharina die Große ließ es kolonisieren. In früheren Stellungnahmen verwies der Kreml im Bezug auf den Begriff "Neurussland" denn auch auf Zarenzeiten. Auch die Separatisten in der Donbass-Region und russische Nationalisten ziehen gern diese Parallele.

Doch wer heute diese Vergleiche anstellt, beschwört einen Mythos. Ein Neurussland in den Grenzen des einstigen "Wilden Feldes" ist derzeit nur eine Vision. Gut möglich, dass Putin mit seiner Wortwahl einen Anspruch erhoben hat. Schließlich gibt es von Luhansk bis Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens, viele russischsprachige und russlandaffine Menschen. Auch die Meldung, dass russische Truppen eine neue Front in der Nähe von Mariupol eröffnet haben sollen, würde dafür sprechen. Mariupol ist gewissermaßen der Brückenkopf, um die Provinzen Luhansk und Donezk mit der Krim zu verbinden. Von da aus müsste es dann weiter gehen, über Odessa bis nach Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. Derzeit allerdings erscheint diese Vorstellung mehr als gewagt.

Erstens kontrollieren die prorussischen Separatisten zurzeit nur einzelne Städte in den jeweiligen Provinzen. Ein zusammenhängendes Gebiet zu halten, ist ihnen angesichts der Angriffe der ukrainischen Armee schlicht nicht möglich. In den vergangenen Wochen haben sie vielmehr massiv Boden verloren. Moskau müsste schon sehr heftig eingreifen, um die Situation zu verändern. Dann auch noch die Gebiete bis nach Mariupol und die in Luftlinie weitere 600 Kilometer entfernten bis nach Odessa und Tiraspol zu erobern, wäre ein gewaltiges Unterfangen.

Aber wer weiß, vielleicht hat Putin gar nicht diese großrussischen Visionen, die man ihm immer vorwirft. Dann ist das, was er als Neurussland bezeichnet, ziemlich wenig: die Kombination der Gebiete in der Hand der Separatisten. Das, was von den selbsternannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk übrig geblieben ist.

Quelle: n-tv.de

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