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(Foto: imago/Future Image)

"Wo? Wo? Wo wart ihr Silvester?": Nazis marschieren durchs verunsicherte Köln

Von Christoph Herwartz, Köln

Die Nazis in Köln sind laut, aber sie sind durch die schrecklichen Ereignisse der Silvesternacht nicht stärker geworden. Die Demonstrationen zeigen dennoch, dass sich anscheinend etwas verändert hat.

Sie wollen die alte "Hogesa-Route" nehmen und auch sonst sollte es so sein wie damals. Im Oktober 2014 zogen die "Hooligans gegen Salafisten" durch Köln und konnten danach zu Recht sagen, dass die Polizei nicht Herr der Lage war. 59 Polizisten wurden verletzt und mehrere Polizeiwagen beschädigt. Die Rechten feierten sich selbst als Sieger über die Staatsgewalt, die angeblich Salafisten in Schutz nehme.

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Nun sammelt sich wieder eine Gruppe ähnlicher Zusammensetzung auf dem Breslauer Platz hinter dem Kölner Hauptbahnhof. Dieses Mal sind es keine Salafisten, sondern mutmaßliche kriminelle Einwanderer, gegen die sich die Demonstration richten soll. Wenige Meter von hier, im Bahnhof und auf dem Platz auf der anderen Seite, spielten sich für viele Frauen grauenhafte Szenen ab. Offenbar vergriffen sich junge arabische Männer an den Frauen, bestahlen und betatschten sie. Zwei Vergewaltigungen wurden angezeigt.

Dass Rechtsradikale diese Situation nutzen wollen, war klar, als die Informationen über diese Nacht an die Öffentlichkeit sickerten. Nun ist es so weit. Angemeldet hat die Demonstration der NRW-Ableger von Pegida. Und die Veranstaltung beginnt mit Tönen, wie man sie aus Dresden kennt: Ein ausführliches Lob an die Polizisten, wobei nun nur die Beamten selbst gemeint sein sollen, nicht aber die Führung, die für das Desaster in der Silvesternacht verantwortlich gemacht wird. Dann eine Schimpftirade auf Politiker als solche und in diesem Fall speziell auf NRW-Innenminister Ralf Jäger, auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und auf die "kinderlose Möchtegernmutti" Angela Merkel.

Mehr Nazis als bei Pegida in Dresden

Im Publikum stehen Neonazis, die sich durch Kleidung und Tattoos als solche zu erkennen geben, neben Menschen, die genau so gut auf der Gegendemo zu finden sein könnten. Die Menge wirkt etwas ziviler als bei Hogesa-Demos, aber es finden sich wesentlich mehr Nazis als bei den Pegida-Demos in Dresden. Auch von den Hooligans sind einige gekommen, insgesamt sind es laut Polizei 1700 Menschen.

Ein Dame erzählt, dass sie extra aus Schwerte angereist sei, um hier gegen die vermeintlichen Flüchtlinge zu demonstrieren. Im Dortmunder Norden fühle sie sich wie in Ankara, sagt sie. Dagegen müsse man doch etwas tun. Und ist das hier der richtige Rahmen dafür? Sie zuckt mit den Schultern. "Wo sollen wir denn sonst hingehen", wirft ihr Mann ein, der auch dabei ist. Dass sie gerade von linken Demonstranten angerempelt wurde, als sie sich den Weg zur Pegida-Seite bahnen wollte, erzählt die Frau dann noch. Passiert sei ihr nichts.

Laut Polizeiangaben verläuft die Gegendemo friedlich. Bis auf wenige Antifa-Mitglieder haben die meisten Demonstranten die Veranstaltung allerdings auch schon verlassen, als die Nazis aufmarschieren. 1300 Menschen sollen anwesend gewesen sein. Eine Frau sagt, Köln werde auch weiterhin gegen Nazis demonstrieren, das sei fest in der Stadt verankert. Trotzdem gehört sie heute zur Minderheit auf dem Breslauer Platz.

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"Wir haben immer davor gewarnt, dass man nicht jeden angeblichen Flüchtling in unsere friedliche Gesellschaft aufnehmen darf", ruft der Redner auf der Pegida-Bühne. Wie friedlich diese Gesellschaft ist, zeigt sich kurz darauf. Es sind erst ein paar Meter auf der "Hogesa-Route" gegangen, da fliegen die ersten Böller Richtung Polizei. Nach 250 Metern ist Schluss. Etwa hier flogen 2014 die ersten Flaschen auf die Polizei, ohne dass die Veranstaltung abgebrochen wurde. Nun stoppen die Beamten den Zug. Einige Demonstranten hätten sich vermummt, wird über Lautsprecher durchgesagt. Es dauert etwas, dann fliegen Flaschen und weitere Böller auf die Polizei.

"Merkel muss weg"

Anders als 2014 fährt nun ein Wasserwerfer auf und die Polizei fordert die Menge ein letztes Mal auf, sich friedlich zu verhalten und zurückzuweichen. Stattdessen werden die Sprechchöre lauter. "Merkel muss weg" wird gerufen und immer wieder: "Wo? Wo? Wo wart ihr Silvester?" Noch mehr Böller und Flaschen fliegen.

Nun setzt die Polizei Pfefferspray ein, kurz darauf schießt der Wasserwerfer eine erste Ladung. Die Polizei will sich nicht noch einmal vorwerfen lassen, nicht genug durchgegriffen zu haben. Die Menge wird zurück zum Bahnhof getrieben. Immer wieder suchen einige Demonstranten Streit mit der Polizei, aber die kann alle Angriffe abwehren. Es gibt einige Festnahmen. Auch ihre Autos schützt die Polizei dieses Mal besonders. Bei der großen Hogesa-Demo hatte eines davon später auf der Seite gelegen.

Am Eingang zum Bahnhof kommt es noch einmal zu Rangeleien, einige Beamte setzen ihren Schlagstock ein. Einige Nazis zeigen den Hitlergruß und stimmen ein Lied an: "Deutschland, Deutschland über alles ..." weiter kommen nur zwei oder drei von ihnen, der Rest ist nicht textsicher genug. Schließlich macht die Polizei dem ein Ende und vertreibt den Rest der Demonstration in kleinen Gruppen auf die Bahnsteige. Kleinlaut spricht ein Glatzkopf einen Polizisten an: "'Tschuldigung. Welchen Zug können wir denn jetzt nehmen?"

Drei wichtige Erkenntnisse gibt es nach diesem Tag. Erstens: Die Polizei hatte die Lage jederzeit im Griff. Alles andere wäre nach der aus dem Ruder gelaufenen Hogesa-Demonstration 2014 und vor allem der desaströsen Silvesternacht auch nicht akzeptabel gewesen. Zweitens: Die rechte Szene ist durch die Silvesternacht nicht wesentlich gestärkt worden. Die Teilnehmerzahl von 1700 Menschen liegt im Bereich dessen, was diese Szene schon seit einer Zeit mobilisieren kann, wenn Organisationen in ganz NRW sich daran beteiligen. Die dritte Erkenntnis bezieht sich auf die gesellschaftliche Mitte und die Linken in Köln. Normalerweise schaffen sie es, Naziaufmärschen ein Vielfaches an Gegendemonstranten entgegenzusetzen. Nun waren sie in der Unterzahl. Die Kölner wirken verunsichert, zehn Tage nach der katastrophalen Silvesternacht.

Quelle: n-tv.de

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