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Jeder fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Bei Kindern unter zehn Jahren ist der Anteil noch höher.
Jeder fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Bei Kindern unter zehn Jahren ist der Anteil noch höher.(Foto: picture alliance / dpa)

Zuwanderer vernetzen sich: "Neue Deutsche" pochen auf ihren Platz

Von Issio Ehrich

Viele Kinder und Enkel von Zuwanderern fühlen sich als Deutsche. Etliche "Biodeutsche" sehen das anders. Rund 80 Initiativen sogenannter "neuer Deutscher" vernetzen sich, um sich Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Zur Not mit Quoten.

Ein Wort reicht, und die Herkunft dieses Mannes ist klar: Tahir Della kommt aus Bayern. Fragt man ihn trotz seines unüberhörbaren Dialekts, woher er stammt, antwortet er: "Aus München." Della wünscht sich, dass sich die Leute mit dieser Antwort zufrieden gäben. Doch das tun viele nicht. "Woher kommst du wirklich?", heißt es dann.

Menschen mit Migrationshintergrund

Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge haben 20 Prozent der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Davon sind Zwei Drittel Migranten erster Generation, also Zuwanderer im engeren Sinne. Die übrigen sind die Kinder der Zuwanderer. Bei Kindern unter zehn Jahren hat bereits jedes dritte Kind einen Migrationshintergrund.

Diverse Studien haben bereits dargestellt, dass Menschen ohne Migrationshintergrund verschiedenste Vorurteile hegen. Laut einer Bertelsmann-Studie haben sie zum Beispiel eine unverhältnismäßig große Angst vor dem Islam. Einer Studie der Universität Bielefeld zufolge sprechen viele von ihnen Menschen mit Migrationshintergrund nicht dieselben Rechte zu wie Herkunftsdeutschen. Dabei spielt für sie keine Rolle, ob die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland geboren wurden oder nicht.

Dass es irgendwo in Dellas Ahnenreihe einmal jemanden gegeben haben muss, der kein "Biodeutscher" war, ist offensichtlich. Der 52-Jährige ist schwarz. Und das hat Folgen. Die scheinbar harmlose Frage nach der "wirklichen" Herkunft ist dafür nur ein Symbol.

Schwarzen Deutschen werde immer wieder abgesprochen, Teil dieser Gesellschaft zu sein, klagt Della. Dass auch sie die Geschichte dieses Landes mitgeprägt haben, würden ihnen viele absprechen. Della, Vorstandsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) will das jetzt ändern - zusammen mit Unterstützern von rund 80 anderen Initiativen von Menschen, die zwar in Deutschland geboren wurden, aber einen Migrationshintergrund haben.

Am Wochenende haben sich die Initiativen erstmals zu einem Bundeskongress getroffen. Dabei waren nicht nur Vertreter bestimmter Zuwanderungsgruppen wie das Deutsch-Spanische Forum oder der Deutsch-Türken-Verband. Dabei waren auch Verbände, die für bestimmte Religionsgruppen stehen. Das Ergebnis: Die Organisationen wollen so etwas wie einen Dachverband gründen, um effektiver für den Platz sogenannter "neuer Deutscher" in der Gesellschaft zu kämpfen.

Mit dem Begriff "neue Deutsche" wollen sie sich schon sprachlich von den klassischen Lobbygruppen für Migranten abgrenzen. Ihnen geht es darum, sich nicht mehr ethnisch zu definieren, sondern als Teil des deutschen Volkes. "Es ist an der Zeit, die Unterscheidung zwischen Biodeutschen und anderen aufzubrechen", sagt Della.

Ein Dutzend Forderungen

Tahir Della (r.) und andere Vertreter der "neuen Deutschen" sagen in Anlehnung an Pegida: "Auch wir sind das Volk".
Tahir Della (r.) und andere Vertreter der "neuen Deutschen" sagen in Anlehnung an Pegida: "Auch wir sind das Volk".(Foto: picture alliance / dpa)

Die "neuen Deutschen" haben mehrere Forderungen formuliert:

  • Neue Deutsche sollen selbst darüber entscheiden können, wie sie genannt werden.
  • Diese Selbstbezeichnung sollen andere ohne "bohrende Nachfragen" annehmen.
  • Die Bundesrepublik soll sich nicht nur dazu bekennen, ein Einwanderungsland zu sein, sondern sich auch zu ihrer Einwanderungsgesellschaft bekennen.
  • Es sollte eine Gesellschaftspolitik statt einer Integrationspolitik geben, eine Politik also, die sich nicht nur auf Migranten konzentriert, sondern auch Maßnahmen gegen Diskriminierung beinhaltet.
  • Die Geschichte des Einwanderungslandes Deutschland muss in den Lehrplänen präsenter sein.
  • "Neue Deutsche" müssen einen angemessenen Anteil an der Belegschaft in Behörden und in Parlamenten haben.
  • Solange der Anteil "neuer Deutscher" in diesen Institutionen unter ihrem Anteil an der Bevölkerung liegt, muss auch über eine Quote gesprochen werden.
  • Initiativen "neuer Deutscher" sollen mehr Fördermittel bekommen.
  • Auch Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit und Homophobie sollen mehr Geld kriegen.

Vor allem die große mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit der islamkritischen Bewegung Pegida hat Leute wie Della noch einmal bestärkt, sich zusammenzuschließen, um etwas zu verändern. Della sagt: "Pegida ist eine komplett rassistische und islamfeindliche Bewegung."

Eine der Forderungen der "neuen Deutschen" ist es auch vor diesem Hintergrund, künftig keine Debatten über einzelne Religionsgruppen mehr zu führen. Die seien weder hilfreich für die Gesellschaft noch gut für das Ansehen Deutschlands in der Welt.

Das Dilemma vom "Wir" und "Die"

Leila Younes El-Amaire von der Initiative junger Muslime, Juma, sagt: Ob man finde, der Islam gehöre zu Deutschland oder nicht, sei letztlich egal. Fakt sei: "Die Religionsfreiheit gehört zu Deutschland." El-Amaire, die selbst Kopftuch trägt, beschreibt, dass sich viele Muslima gar nicht mehr trauten, einen Schleier anzulegen.

Ferda Ataman vom Verein Neue deutsche Medienmacher versucht auch Fernsehen, Zeitungen und andere Publikationen in die Pflicht zu nehmen. Dass in der Sendung von Günther Jauch zu Pegida kein Vertreter mit Migrationshintergrund dabei war, hält sie für ein schweres Versäumnis. Von denen, über die gesprochen wurde, sei niemand dabei gewesen, kritisiert sie.

Dass sich die neuen Deutschen Organisationen mit Forderungen wie Quoten oder der Gründung eines Dachverbandes angreifbar machen, ist ihnen durchaus bewusst. Gewissermaßen manifestieren sie damit ja das "Die" und "Wir", das sie eigentlich zu überwinden versuchen. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre - sei es nun die Sarrazin-Debatte oder das Aufkeimen der Pegida-Bewegung - zeigen sie sich offensichtlich mehr denn je davon überzeugt, dass sie ohne derartige Vehikel nur schwer vorankommen. Das Argumentationsmuster: Organisationsformen und Quoten sind notwendig, um sich als Minderheit selbst zu ermächtigen und überhaupt Aufmerksamkeit für die Probleme zu erzeugen. Eines Tages, so die Hoffnung, sind sie dann nicht mehr nötig.

Quelle: n-tv.de

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