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Marschiert Russland in Richtung Krim?: "Russische Truppen haben ukrainische Stadt erobert"

Von Hubertus Volmer

Nach Angaben der ukrainischen Regierung besetzen russische Truppen eine ukrainische Kleinstadt nahe Mariupol. Russland weist dies als "Lüge" zurück. Die Lage ist höchst unübersichtlich. Grundsätzlich sprechen die Indizien jedoch nicht für Russland.

Die Kämpfe in der Ostukraine drohen zum offenen Krieg zwischen der Ukraine und Russland zu werden. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte auf seiner Internetseite, russische Truppen seien in die Ukraine gebracht worden. Er bezog sich auf die Region Donezk, namentlich die Ortschaften Starobeschewe und Amwrossijiwka.

Der ukrainische Sicherheitsrat teilte unterdessen über Twitter mit, russisches Militär habe die Kontrolle über die ukrainische Ortschaft Nowoasowsk übernommen. Später war dieser Tweet nicht mehr abrufbar. Dafür hieß es nun, russische Panzerfahrzeuge befänden sich "in der Gegend von Nowoasowsk".

Nowoasowsk ist eine Stadt mit gut 12.000 Einwohnern und liegt südlich des Gebiets, in dem die Hauptkampfhandlungen stattfinden. In dieser Region um die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer macht Russland nach ukrainischen Angaben derzeit eine "zweite Front" auf. Dies würde einerseits die Kämpfer in Donezk und Luhansk entlasten. Andererseits bildet die Region um Mariupol die Landverbindung zwischen Russland und der Halbinsel Krim, die Russland im März annektiert hat.

Dem ukrainischen Sicherheitsrat zufolge hat sich die ukrainische Armee aus Nowoasowsk zurückgezogen und konzentriert sich nun auf die Verteidigung von Mariupol.

Poroschenko forderte eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union rief er auf, zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenzukommen. Ein EU-Sondergipfel ist ohnehin für Samstag geplant. Eine Reise in die Türkei sagte Poroschenko ab. "Der Präsident muss heute in Kiew bleiben."

Wer lügt?

Nowoasowsk unter Beschuss: Foto vom 26. August.
Nowoasowsk unter Beschuss: Foto vom 26. August.(Foto: AP)

Russland bezeichnete die ukrainischen Angaben über einen Einmarsch der russischen Armee als Lüge. In der Ukraine gebe es keine russischen Streitkräfte, sagte Jewgeni Serebrennikow, Vizechef des Verteidigungsausschusses des russischen Föderationsrats.

Die Regierung in Moskau streitet seit Monaten ab, die militanten Separatisten im Osten der Ukraine zu unterstützen. Glaubwürdig war das nie; der russische Präsident Wladimir Putin hatte ja auch abgestritten, dass russische Soldaten die Abspaltung der Krim betrieben hatten. Später räumte er genau dies ein.

Am Mittwoch bezichtigte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Jen Psaki, Russland der Lüge. Wörtlich sprach sie vom russischen "Unwillen, die Wahrheit zu sagen". Russisches Militär sei mit gepanzerten Fahrzeugen und Raketenwerfern bis zu 50 Kilometer tief in die Ukraine eingedrungen. Vorfälle wie dieser zeigten, dass es wahrscheinlich eine von Russland angeordnete Gegenoffensive gebe, so Psaki.

Hinweise über russische Hilfen für die Separatisten gibt es viele: Im Juli veröffentlichten die USA Satellitenbilder, die zeigen sollten, dass die russische Armee ukrainische Stellungen von Russland aus beschießt. Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters wiesen nach, dass eine Boden-Luft-Rakete aus Moskau an die prorussischen Milizen geliefert wurde. Der amerikanischen Seite Buzzfeed fiel auf, dass ein russischer Soldat von der ukrainischen Seite der Grenze aus Selfies ins Internet stellte. Im August bestätigte der Donezker Separatisten-Ministerpräsident Alexander Sachartschenko sogar, dass Russland militärische Ausrüstung liefere und Kämpfer ausbilde. Der Kreml wies auch dies zurück.

Russische Panzer und russische "Urlauber"

Kurzum: Die Vorwürfe der USA und der ukrainischen Regierung, Russland unterstütze die "Selbstverteidigungskräfte", sind durchaus plausibel. "Niemand kann ernsthaft länger von 'Separatisten' in der Ukraine sprechen", sagte der polnische Ministerpräsident Donald Tusk. "Diese Informationen stammen von der Nato, wurden von unseren Geheimdiensten bestätigt und sind unzweideutig." Die Beweise, von denen Tusk spricht, hat die Nato bislang allerdings nicht vorgelegt - was Verschwörungstheoretiker als Indiz dafür deuten, dass nicht Russland lügt, sondern der Westen.

Ein Experte des angesehenen International Institute for Strategic Studies in London will nun einen hieb- und stichfesten Beleg gefunden haben. IISS-Militärexperte Joseph Dempsey hat sich Videomaterial aus Swerdlowsk angesehen, einer Stadt in der "Volksrepublik Lugansk" nahe der Grenze zu Russland. Das Video zeigt einen Konvoi unterschiedlicher Militärfahrzeuge. Einige Panzer tragen dicke hellgrüne Markierungen, wie dies bei den Separatisten üblich ist. Einer der Panzer wurde von Dempsey laut BBC als T-72BM identifiziert. Erkennbar sei dieses Modell am Aufbau vor dem Geschützturm des Panzers, die Teil der Kontakt-5-Reaktivpanzerung sei. Dies ist eine Panzerung, in der eine Sprengstoffschicht verarbeitet ist. Diese sorgt dafür, dass Schutzplatten einem Geschoss entgegengeschleudert werden, wenn der Panzer getroffen wird.

Dempsey zufolge hat die russische Armee viele Panzer des Modells T-72BM im Einsatz. Es sei jedoch nicht bekannt, dass dieser Panzertyp jemals von Russland exportiert worden sei. Laut IISS zeigt die Anwesenheit eines T-72BM in der Ukraine, dass Russland Waffen an die prorussischen Verbände in der Ukraine liefert.

Der Donezker Separatistenführer Sachartschenko hat mittlerweile aus seinem Fehler gelernt: Heute sagte er dem russischen Fernsehsender Rossija-24, dass bis zu viertausend Russen "in unseren Reihen" gekämpft hätten. "Viele sind heimgefahren. Viel mehr sind aber geblieben. Leider gab es auch Tote." Bei den Russen handele sich aber ausschließlich um Freiwillige - darunter viele reguläre russische Soldaten, die ihre Freizeit an der ostukrainischen Front verbringen würden, so Sachartschenko. "Sie ziehen es vor, ihren Urlaub nicht am Strand, sondern Schulter an Schulter mit ihren Brüdern zu verbringen, die um die Freiheit des Donbass kämpfen."

Quelle: n-tv.de

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