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Hilfsgüter erreichen Jesiden: Obama genehmigt Luftangriffe im Irak

"Heute kommt Amerika zu Hilfe", sagt US-Präsident Obama. Er gibt grünes Licht für amerikanische Luftangriffe im Irak. Sie sollen den Vormarsch der islamistischen IS stoppen. Nahost-Experte Lüders sagt jedoch bei n-tv, dass dies allein nicht reiche.

US-Präsident Barack Obama hat Luftangriffe auf IS-Milizen zum Schutz amerikanischer Militärangehöriger und bedrohter Minderheiten im Nordirak genehmigt. Zugleich kündigte er am Donnerstagabend in Washington an, die USA hätten mit dem Abwurf von Hilfsgütern begonnen, um die in der Region vor den sunnitischen Extremisten geflüchteten Menschen zu unterstützen.

Wer sind die Jesiden?

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Weltweit wird geschätzt, dass es noch rund 800.000 Anhänger der Religion gibt - im Irak sollen bis zu 550.000 davon leben. Jeside wird man ausschließlich qua Geburt, eine Konversion ist nicht möglich. Die Religionsgemeinschaft missioniert nicht. Wer eine andersgläubige Person heiratet, lässt damit automatisch das Jesidentum hinter sich.

Die Jesiden verstehen sich als älteste Religion der Welt. Sie glauben an einen einzigen Gott, der sieben Engel geschaffen hat, die in verschiedenen Zeitaltern herrschen. Paradies und Hölle gibt es im Glauben der Jesiden nicht, stattdessen gehen sie von einer Wiedergeburt aus. Im Jesidentum herrscht ein strenges Kastensystem.

In ihrer Geschichte wurden die Jesiden immer wieder verfolgt. Die religiösen Rituale dürfen nicht vor Ungläubigen praktiziert werden - in den Augen vieler macht sie dies verdächtig. Die Terrorgruppe IS verunglimpft sie als "Teufelsanbeter".

Es gehe um den Schutz religiöser Minderheiten, ein Völkermord müsse verhindert werden, sagte Obama. Das Vorgehen der Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat bezeichnete er als "barbarisch". Obama betonte aber auch, es würden keine US-Bodentruppen in den Irak geschickt. Aus Regierungskreisen in Washington verlautete, dass die US-Luftwaffe bislang aber noch keine Angriffe geflogen habe.

"Luftschläge allein werden nicht reichen", sagte der Nahostexperte Michael Lüders bei n-tv. "Es braucht eine politische Lösung und die kann nur darin bestehen, die irakische Regierung auszutauschen." Regierungschef al-Maliki vertrete allein schiitische Interessen und habe die Sunniten und auch die Kurden völlig an den Rand gedrängt, fügte Lüders an. Auch die USA geben dem derzeitigen irakischen Ministerpräsidenten eine Mitschuld am Wiedererstarken der Extremisten.

Der Vormarsch des Islamischen Staates müsse jedoch aufgehalten werden, sagte Lüders weiter. Die IS sei eine der schlimmsten und übelsten Terrorgruppen weltweit, deren Grausamkeiten und Brutalitäten die Al-Kaida noch weit in den Schatten stelle. "Das ist ein wahrer Alptraum, der den Nahen Osten gegenwärtig heimsucht." Helfe man den Flüchtlingen nicht, würden sie zu Zehntausenden in den Bergen verhungern und verdursten."

Mit der Eroberung der Stadt Mossul im Juni hatten sich IS-Milizen in der Region festgesetzt. Zunächst starteten sie den Vormarsch auf Bagdad und bekämpften vor allem Schiiten. Zuletzt rückten die Extremisten aber auch immer weiter in Richtung Norden an die Grenzen der Autonomieregion Kurdistan und damit in christliche sowie jesidische Gebiete vor. Nach der Einnahme der Stadt Sindschar waren Tausende Jesiden in die unwirtliche Bergregion geflüchtet und werden dort von IS-Kämpfern belagert.

Hilfsgüter für Jesiden abgeworfen

Luftangriffe habe er insbesondere für den Fall autorisiert, dass IS-Kämpfer gegen die Stadt Erbil vorrücken sollten, in der sich auch US-Militärberater befänden, sagte Obama. Luftangriffe seien auch möglich, wenn die Kämpfer gegen die ins Sindschar-Gebirge geflüchteten Jesiden vorgingen. Es werde sich aber um "gezielte Operationen" handeln. Er nannte keine weiteren Einzelheiten.

Viele Jesiden flüchten vor den Übergriffen der IS in Richtung Norden, etwa in dieses Lager in der Provinz Dahuk.
Viele Jesiden flüchten vor den Übergriffen der IS in Richtung Norden, etwa in dieses Lager in der Provinz Dahuk.(Foto: REUTERS)

Wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte, wurden erste Hilfsgüter erfolgreich am Sindschar-Gebirge aus Flugzeugen abgeworfen. Dabei handelte es sich um Nahrungsmittel und Wasser. Die bedrohten Menschen im Irak hätten sich lange gefragt, wann Hilfe komme. "Heute kommt Amerika zu Hilfe", sagte Obama. "Wenn wir die Möglichkeit haben, ein Massaker zu verhindern, dürfen wir nicht wegschauen." Obama fügte aber ausdrücklich hinzu: "Als Oberkommandierender der Streitkräfte werde ich es nicht zulassen, dass die Vereinigten Staaten in einen weiteren Krieg im Irak gezogen werden." Obama war Anfang 2009 mit dem Versprechen ins Weiße Haus eingezogen, den von seinem Vorgänger George W. Bush begonnenen Militäreinsatz im Irak zu beenden. Ende 2011 zogen die letzten US-Truppen aus dem Zweistromland ab.

Der UN-Sicherheitsrat hatte das brutale Vorgehen der sunnitischen Extremistengruppe zuvor scharf verurteilt. "Wir müssen prüfen, ob die Attacken Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind. Dann müssen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden", sagte der derzeitige Ratspräsident, Großbritanniens UN-Botschafter Mark Lyall Grant, nach einer Sondersitzung des Sicherheitsrates in New York.

"Alle Seiten müssen zusammenarbeiten"

Das Gremium rief die internationale Gemeinschaft auf, der Bagdader Regierung beizustehen. "Wir sind empört, dass Zehntausende Menschen zur Flucht gezwungen wurden", hieß es in der Erklärung. "Alle Seiten müssen zusammenarbeiten, um Iraks Souveränität, Einheit und Unabhängigkeit zu sichern."

Kurdische Peschmerga-Soldaten und schiitische Freiwillige stellen sich nordöstlich von Bagdad der IS entgegen.
Kurdische Peschmerga-Soldaten und schiitische Freiwillige stellen sich nordöstlich von Bagdad der IS entgegen.(Foto: dpa)

Der irakische UN-Botschafter Mohammed Ali Alhakim sagte, die Situation im Nordirak habe sich extrem verschlechtert, "es handelt sich im Grunde um eine humanitäre Katastrophe". Nötig sei deshalb Hilfe für die Zivilisten. "Das ist Priorität Nummer eins, das ist nötig. Über alles andere kann man in Ruhe nachdenken."

Hunderttausend Menschen flohen nach Angaben des Patriarchen der chaldäisch-katholischen Kirche, Louis Raphael I. Sako, am Donnerstag zum Teil zu Fuß aus ihren Heimatdörfern im Norden. "Wie bei einem Exodus oder vergleichbar mit einem Kreuzweg flüchten Christen zu Fuß in der sengenden Sommerhitze." Das sei nicht nur eine humanitäre Katastrophe, es drohe vielmehr ein Völkermord. Demnach übernahm die IS die Kontrolle über Karakosch, die größte christliche Stadt des Irak. Die Islamisten hätten Kirchen besetzt, Kreuze abgenommen und Schriften verbrannt, sagte Sako.

Ausschreitungen in Deutschland

Erst am Wochenende hatten die sunnitischen Extremisten das Hauptsiedlungsgebiet der kurdischen Minderheit der Jesiden überfallen und laut Augenzeugen viele von ihnen getötet. Im Sindschar-Gebirge sind nach UN-Angaben 200.000 Menschen vor IS auf der Flucht, die dringend Wasser, Essen und Medizin benötigen. Papst Franziskus rief die internationale Gemeinschaft in einem flammenden Appell zu einem verstärkten Einsatz für die Menschen in der Region auf.

In der Hauptstadt Bagdad dauerte derweil der Streit um das Amt des Regierungschefs an. Wie das unabhängige Nachrichtenportal "Sumaria News" meldete, soll das Parlament erst am Sonntag wieder zusammenkommen, um über die Wahl des Ministerpräsidenten zu beraten. Ob dann tatsächlich abgestimmt wird, blieb zunächst offen. Die Frist, binnen derer Präsident Fuad Massum einen Politiker mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragen muss, endete eigentlich Donnerstag.

Wegen des Irak-Konflikts kam es auch in Deutschland zu Ausschreitungen. Im westfälischen Herford brach zwischen IS-Sympathisanten und kurdischen Jesiden Gewalt aus. Nach Angaben der Polizei hatten zunächst radikale Islamisten eine Gruppe jesidischer Männer angegriffen, die mit einem Plakat zu einer Demonstration gegen die Übergriffe auf ihre Glaubensgemeinschaft im Irak aufgerufen hatte. Die Polizei nahm sechs Männer fest, die überwiegend aus Tschetschenien stammen.

Jesiden im IrakStepMap

Quelle: n-tv.de

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