Politik
In Erklärungsnot: Pakistans Premier Gilani.
In Erklärungsnot: Pakistans Premier Gilani.(Foto: Reuters)

Gilani droht USA mit Konsequenzen: Pakistan: Bin Laden nicht gedeckt

Die pakistanische Regierung weist Vorwürfe zurück, Al-Kaida-Chef Bin Laden bewusst gedeckt zu haben. Premier Gilani steht gleich von zwei Seiten unter Druck: Die USA werfen ihm vor, im Kampf gegen Al-Kaida versagt zu haben. Kritiker in Pakistan kritisieren, dass der US-Einsatz die Souveränität des Landes verletzt habe. Derweil erzählt US-Präsident Obama, wie er den Einsatz des Spezialkommandos erlebte, das Bin Laden zur Strecke brachte.

Pakistan hat den Vorwurf, Osama bin Laden in seinem Versteck gedeckt zu haben, als absurd zurückgewiesen. Es sei unredlich, der Regierung oder den Geheimdiensten vorzuwerfen, mit dem Extremistennetzwerk gemeinsame Sache gemacht zu haben, sagte Ministerpräsident Yusuf Raza Gilani in seiner ersten Parlamentsansprache nach der Tötung des Al-Kaida-Chefs durch eine US-Spezialeinheit vor einer Woche in Pakistan.

Durch ein einseitiges Vorgehen wie das der US-Soldaten drohten ernsthafte Konsequenzen, warnte der Ministerpräsident zugleich. Die Regierung stufe die Beziehungen zu den USA aber als sehr wichtig ein, fügte Gilani hinzu.

Im pakistanischen Quetta demonstrieren Menschen gegen die Tötung von Bin Laden.
Im pakistanischen Quetta demonstrieren Menschen gegen die Tötung von Bin Laden.(Foto: AP)

Pakistan ist von milliardenschweren US-Finanzhilfen abhängig und steht stark unter Druck, den Amerikanern zu erklären, wie Bin Laden mehrere Jahre unbehelligt im Land leben konnte. Durch die Entdeckung nur rund 50 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad entfernt und nahe einer seiner wichtigsten Militärakademien ist die Regierung öffentlich brüskiert worden. Den pakistanischen Geheimdiensten wird Inkompetenz vorgeworfen. Zudem steht der Verdacht im Raum, Teile der Nachrichtendienste könnten Bin Laden gedeckt haben.

Regierung unter Druck

In den letzten Tagen war die Regierung aber auch innenpolitisch massiv unter Druck geraten, nachdem ihr von der Opposition und aus den eigenen Reihen vorgeworfen worden war, die Souveränität des Landes nicht geschützt zu haben. Pakistan war erst nach der US-Aktion informiert worden.

Gilani räumte in seiner Ansprache ein Versagen der Geheimdienste ein. Sie hätten es nicht vermocht, den Aufenthaltsort Bin Ladens ausfindig zu machen. "Aber das ist nicht nur unser eigenes Versagen, sondern das Versagen aller Geheimdienste dieser Welt." Er kündigte eine Untersuchung der Vorgänge an, die von einem ranghohen General geleitet werden soll.

Obama verlangt Aufklärung

Obama (neben ihm sein Vize Joe Biden) bei einer Rede vor kürzlich aus Afghanistan heimgekehrten Soldaten.
Obama (neben ihm sein Vize Joe Biden) bei einer Rede vor kürzlich aus Afghanistan heimgekehrten Soldaten.(Foto: REUTERS)

US-Präsident Barack Obama hatte zuvor den Druck auf Pakistan verstärkt. Er forderte die Regierung in Islamabad auf, die Helfer des Topterroristen zu ermitteln. "Wir glauben, dass es ein Unterstützer-Netzwerk für Bin Laden in Pakistan gegeben hat", erklärte Obama in seinem ersten langen Fernsehinterview. Unklar sei, ob Bin Ladens Helfer aus dem Kreis der Regierung stammten, sagte Obama dem Sender CBS. "Das ist etwas, was wir untersuchen müssen, und noch wichtiger: was die pakistanische Regierung untersuchen muss." Islamabad habe signalisiert, an der Aufklärung ein starkes Interesse zu haben. Dies sei jedoch keine Frage von drei oder vier Tagen. "Es wird uns einige Zeit kosten, die Geheiminformationen auszuwerten, die wir vor Ort sammeln konnten", sagte Obama.

Die Tötung Bin Ladens und den Fund von Dokumenten in seinem Versteck bezeichnete Obama als Chance, dem Terrornetzwerk einen "fatalen Schlag" zu versetzen. "Dies bedeutet nicht, dass wir den Terrorismus besiegen werden", sagte er, denn Al-Kaida habe auch in anderen Teilen der Welt "Metastasen" gebildet, die angegriffen werden müssten. In den nächsten Monaten müsse man nun "aggressiv fortfahren", sagte Obama. Es werde aber "einige Zeit" dauern, bis das mitgenommene Material ausgewertet werde. Diese Daten werden nach Ansicht des Präsidenten zu anderen Terroristen führen, die schon lange gesucht werden. Zudem könnten die Ermittler etwas über weitere Anschlagspläne erfahren sowie darüber, wie Al-Kaida operiert und kommuniziert.

"Die längsten 40 Minuten"

So sah er wohl aus: Die USA haben Videomaterial aus Bin Ladens Versteck veröffentlich, das den Al-Kaida-Chef zeigt.
So sah er wohl aus: Die USA haben Videomaterial aus Bin Ladens Versteck veröffentlich, das den Al-Kaida-Chef zeigt.(Foto: dpa)

Obama lobte in dem Interview die bisherige Zusammenarbeit mit den pakistanischen Behörden. "Wir haben nirgendwo so viele Terroristen getötet wie auf pakistanischem Boden, und das wäre ohne pakistanische Hilfe nicht möglich gewesen", erklärte er. Anhand des gefundenen Materials gehe er davon aus, dass die USA die Taliban im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet besiegen könnten.

Zum ersten Mal sprach Obama auch öffentlich über das, was er empfand, als er den Angriff auf das Bin Laden-Versteck per Bildschirm im Situation Room des Weißen Hauses verfolgte. Dort sei es sehr still und angespannt gewesen. "Es waren die längsten 40 Minuten meines Lebens", gab Obama zu. Nur als seine kleine Tochter Sasha im Alter von drei Monaten Meningitis hatte, sei er ähnlich angespannt gewesen. Seine erste Sorge habe den Einsatzkräften der Navy SEALs gegolten und der Frage: "Wenn ich sie rein schicke, wie kann ich sie auch wieder herausholen?"

"Das Risiko war es wert"

Die Erleichterung sei sehr groß gewesen, als die Einsatzkräfte aus dem Gebäude herauskamen und verkündeten: "Geronimo (so der Deckname Bin Ladens) ist getötet worden." Obama erklärte, nur die wenigsten Mitarbeiter des Weißen Hauses hätten von den Plänen gewusst - auch nicht seine Familie. Die Chance, den Einsatz erfolgreich zu beenden, habe 55 zu 45 gestanden. Es sei nicht sicher gewesen, dass Bin Laden sich zu dem Zeitpunkt in dem Haus aufhielt.

Zu dem sichergestellten Material gehört auch dieses Bild, das Bin Laden zeigt, wie er sich selbst im Fernseher betrachtet.
Zu dem sichergestellten Material gehört auch dieses Bild, das Bin Laden zeigt, wie er sich selbst im Fernseher betrachtet.(Foto: dpa)

"Es war es wert, das politische Risiko zu tragen und das Risiko für unsere Männer", sagte Obama. Mit dem Vorwurf, dass bei der Aktion Menschen getötet worden seien, komme er klar. "So nervös ich während des ganzen Prozesses war: Die Tatsache, die mir am wenigsten den Schlaf geraubt hat, war die, dass wir Bin Laden ausgeschaltet haben."

Terroristen schwören Rache

Der nordafrikanische Ableger von Al-Kaida bezeichnetet unterdessen die arabischen Volksaufstände als einen Erfolg Bin Ladens. "Alle bezeugen, dass diese Ereignisse, welche durch die arabische Welt stürmen, eine der Früchte des Dschihad sind, in dem Scheich (Bin Laden) eine führende Rolle hatte", schrieb Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI) in einer Internetbotschaft, wie das auf die Analyse islamistischer Webseiten spezialisierte US-Unternehmen SITE berichtete.

AQMI äußerte Trauer über den Tod Bin Ladens. Er sei als "verarmter, verfolgter Fremder weit weg von seiner Heimat und seiner Familie" gestorben. Wie SITE berichtete, rief die Gruppe ihre Anhänger auf, sich "der Aggression der USA, der Zionisten und des Westens" entgegen zu stellen.

Die radikalislamische Al-Schabaab-Miliz in Somalia kündigte an, die Tötung Bin Ladens rächen zu wollen. Somalischen Medienberichten zufolge hat ein Sprecher der Miliz erklärt, der Tod Bin Ladens schwäche nicht den Kampf von Al-Schabaab gegen die Übergangsregierung des gemäßigten Islamisten Scheich Scharif Ahmed. "Das Blut unseres Bruders ist nicht nutzlos geflossen", sagte Scheich Ali Dhere, einer der Führer der mit Al-Kaida verbündeten Miliz. "Wir werden Rache für ihn nehmen."

In den Reihen von Al-Schabaab sind auch Al-Kaida-Kämpfer unter anderem aus dem Jemen, Afghanistan und Pakistan. Die Miliz hatte sich Anfang vergangenen Jahres dem Kommando von Al-Kaida unterstellt und im vergangenen Juli mit zwei Sprengstoffanschlägen in Uganda erstmals Terrorangriffe außerhalb Somalias verübt. Bei der Explosion von Bomben in einem Restaurant und in einem Sportclub waren mehr als 70 Menschen getötet worden.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen