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Viele Verletzte in Ramallah. Offenbar hat es auch schon mehrere Tote bei Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischer Polizei in der Westbank gegeben.
Viele Verletzte in Ramallah. Offenbar hat es auch schon mehrere Tote bei Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischer Polizei in der Westbank gegeben.(Foto: AP)

Tote im Westjordanland: Palästina könnte vor dritter Intifada stehen

An einem Tag sterben in Gaza fast hundert palästinensische Zivilisten, viele durch einen Raketenangriff auf eine sicher geglaubte Schule der UN. Die Wut darüber ist auch im Westjordanland grenzenlos. Tausende protestieren, es gibt mehrere Tote.

Im Westjordanland haben wegen des Gazakrieges die ganze Nacht über Tausende Palästinenser gegen die israelische Militäroffensive protestiert. Mindestens zwei Männer wurden dabei getötet. Mehrere schweben laut örtlichen Ärzten in Ramallah in Lebensgefahr. Beobachter sprechen von einer möglichen dritten Intifada.

Wie die israelische Zeitung "Haaretz" berichtet, sind Tausende Palästinenser von Ramallah im Westjordanland zum Kontrollposten Kalandia bei Jerusalem gezogen. Dort kam es zu Auseinandersetzungen mit israelischen Sicherheitskräften. Mehr als 20 Palästinenser wurden hierbei verletzt. Die Demonstranten bewarfen die Sicherheitskräfte am Kontrollposten Kalandia zwischen Ramallah und Jerusalem demnach mit Steinen und Feuerwerkskörpern. Reifen wurden in Brand gesteckt. Die Sicherheitskräfte feuerten der Nachrichtenseite "ynet" zufolge unter anderem mit Gummigeschossen zurück.

Wie die Zeitung "Jerusalem Post" berichtet, eskalierte der Protest, nachdem Tausende Anhänger der Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas von Ramallah aus an die nördlichen Randgebiete Jerusalems zogen, um gegen die seit mehr als zwei Wochen andauernde Gaza-Offensive des israelischen Militärs zu demonstrieren. Den Berichten zufolge kam es unter anderem auch am Tempelberg in Jerusalem zu Auseinandersetzungen.

Auch in mehreren deutschen Städten sind Proteste gegen die israelischen Angriffe auf Gaza angemeldet. Dieser Freitag ist der Al-Kuds-Tag, ein vom Iran ins Leben gerufener alljährlicher Solidaritätstag mit den Palästinensern.

Dutzende Tote in UN-Schule

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Einer der folgenreichsten israelischen Angriffe seit Beginn der Bodenoffensive im Gazastreifen tötete am Donnerstag in einer UN-Schule voller Flüchtlinge nach palästinensischen Angaben mindestens 16 Menschen. Mehr als 200 Menschen seien in dem Gebäude in Beit Hanun im nördlichen Gazastreifen durch Granatbeschuss verletzt worden. In der Schule hatten etwa 1200 Menschen Schutz gesucht.

Der Vorfall löste international heftige Kritik aus. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den Angriff scharf. Unter den Opfern seien Kinder, Frauen und UN-Mitarbeiter, sagte er. Die israelische Armee teilte mit, die Betreiber der Schule seien vor dem Angriff aufgefordert worden, das Gebäude zu räumen. Die Hamas habe die Zivilisten aber daran gehindert, die Schule zu verlassen. UNRWA-Sprecher Chris Gunness widersprach dem. Er sagte, seine Organisation habe vergeblich versucht, mit der israelischen Armee eine Räumung der Schule zu koordinieren. "Sie kennen die genauen Koordinaten der UN-Schulen. Und trotzdem ist das passiert", klagte Gunness an.

Ein Mädchen trauert um Angehörige, die bei dem Angriff auf die UN-Schule getötet wurden.
Ein Mädchen trauert um Angehörige, die bei dem Angriff auf die UN-Schule getötet wurden.(Foto: AP)

Nach Angaben der palästinensischen Rettungskräfte kamen bei den Luftangriffen der israelischen Armee im Gazastreifen allein am Donnerstag 98 Menschen ums Leben. Mehr als 140.000 Einwohner des Gazastreifens haben in UN-Einrichtungen Zuflucht vor den Kämpfen gesucht. Der Hilfsorganisation Oxfam zufolge sind die meisten Toten und Verletzten Frauen und Kinder. Durchschnittlich jede Stunde falle ein Kind den Kämpfen zum Opfer. Auf israelischer Seiten wurden 32 Soldaten sowie drei Zivilisten getötet.

Der UN-Menschenrechtsrat will eine Untersuchung wegen möglicher Kriegsverbrechen einleiten. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, bezweifelte, dass Israel alles tue, um zivile Opfer zu vermeiden. Jede Warnung vor einem Angriff müsse den Menschen, darunter Alten und Kranken, auch die Zeit zur Flucht geben. Sie verurteilte auch die wahllosen Angriffe militanter Palästinenser auf israelische Ortschaften. Israels Außenminister Avigdor Lieberman kommentierte das mit den Worten, der UN-Menschenrechtsrat sei "schon lange zu dem Rat für die Rechte der Terroristen geworden".

Neuer Vorschlag von Kerry

Israelische Medien berichten von Bemühungen um eine Feuerpause. Wie die Zeitung "Haaretz" unter Berufung auf einen hochrangigen israelischen Regierungsvertreter berichtet, unterbreitete US-Außenminister John Kerry den Konfliktparteien einen neuen Vorschlag. Dieser sieht unter anderem eine einwöchige Einstellung der Kämpfe vor, in der unter ägyptischer Vermittlung Gespräche über eine längerfristige Friedenslösung aufgenommen werden sollen. Daran beteiligt werden soll auch die Palästinensische Autonomiebehörde. Israel darf demnach in dem Zeitraum weiterhin Hamas-Tunnel zerstören.

Kerry erwarte noch am Freitag Antworten. Hamas-Exilchef Chaled Maschaal hat die Zustimmung zu einer Vereinbarung mit Israel wiederholt von einem Ende der Blockade des Gazastreifens abhängig gemacht.

Der britische Außenminister Philip Hammond sagte während seiner Vermittlungsbemühungen in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, dass Israel wegen der steigenden Zahl getöteter Zivilisten im Gazastreifen in den westlichen Staaten zunehmend Sympathien verliere. Zugleich forderte er die Hamas auf, einem Waffenstillstand ohne Vorbedingungen zuzustimmen.

Quelle: n-tv.de

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