Politik

Person der Woche: Chalid Maschal, der Terrorist im Anzug

Von Wolfram Weimer

Die Hamas hat einen wilden Raketenkrieg vom Zaun gebrochen. Israel schlägt mit Attacken auf Gaza zurück. Die Bevölkerung leidet, während der Hamas-Chef aus eleganten Salons in Katar seine blutigen Strippen zieht.

Maschal  lehnt jeden Kompromiss ab.
Maschal lehnt jeden Kompromiss ab.(Foto: REUTERS)

Er sieht aus wie George Clooney, er trägt Anzüge wie Londoner Investmentbanker und er kann diplomatisch parlieren wie ein Franzose. Chalid Maschal ist siebenfacher Familienvater und wirkt überhaupt nicht wie ein Übeltäter - und doch ist er einer der mächtigsten Terroristen der Welt. Der 58-Jährige ist der politische Kopf der Hamas, der als Hassdemagoge und Anführer, als Vordenker und Kriegshetzer, als Geldbeschaffer und Attentatsstratege in unterschiedlichen Rollen unterwegs ist. Maschal gilt als intelligent, er hat einen Universitätsabschluss in Physik, und wenn er eine Strategie formuliert, dann folgen ihm Hundertschaften von radikalislamischen Kämpfern.

Derzeit verfolgt Maschal eine besonders blutige Strategie, denn er treibt seine Kämpfer im Gazastreifen immer weiter dazu an, Rakete um Rakete auf Israel abzufeuern. Dieser Hamas-Raketenhagel hat mittlerweile einen veritablen Krieg vom Zaun gebrochen und Israel zu harten Gegenschlägen provoziert. Für die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen ist eine verzweifelte Situation entstanden, doch Maschal nimmt seine Landsleute offenbar in Geiselhaft für seine politischen Interessen. Die israelische Bodenoffensive ist seiner Einschätzung nach "zum Scheitern verurteilt". Die "israelischen Besatzer" würden scheitern, sagte Maschal der Nachrichtenagentur AFP, Gaza werde ein Massengrab für Israels Soldaten. Für einen Waffenstillstand, wie ihn Ägypten mit Israel schon vor Tagen ausverhandelt hatte, ist er kaum zu haben. Stattdessen lässt er Hamas-Kämpfer bewusst in Frauenkleidern an ihre Raketenabschussrampen mitten in Wohngebieten schleichen und so die Zivilbevölkerung zu Zielscheiben in einem aussichtslosen Krieg werden.

Bilderserie

Der Grund für die Hamas-Strategie, ganz Gaza in ein gigantisches Selbstmordkommando zu zwingen, liegt darin, dass Maschal und seine Hamas politisch zusehends isoliert sind. Sie versuchen, mit dem Rakenthagel einen großen Flächenbrand im Nahen Osten auszulösen und möglichst viele Parteien in den Krieg hineinzuziehen. Maschal hat die Isolation persönlich zu spüren bekommen, denn er lebte mit seiner Hamas-Zentrale lange in Damaskus. Waffen kamen aus dem Iran und Geld aus den dunklen Konten reicher Scheichs am Persischen Golf. Doch der Bürgerkrieg Syriens trieb Maschal und die Hamas aus dem Land. Im Gemetzel zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppen verlor die Hamas ihre Rückendeckung und musste sich entscheiden. Sie entschied sich für die sunnitische Seite und die komplette Exilführung floh nach Katar (so Maschal) oder nach Ägypten (wie Maschals Stellvertreter Mussa Abu Marzouk). Seitdem aber auch in Kairo die Muslimbrüder die Macht verloren haben, ist es für die Hamas eng und einsam geworden. Der Raketenkrieg wird nun zum verzweifelten Versuch, sich wieder ins Terrorgeschäft zurückzubomben und neue Unterstützer zu mobilisieren.

Maschal organisiert den Krieg und seine Politik von Katar aus. Die dortigen Machthaber gewähren ihm nicht nur Asyl, sie finanzieren - neben einer geplanten Fußball-WM - auch die Hamas tatkräftig mit. Maschal gelang es sogar, den Emir von Katar vor anderthalb Jahren zu einem Besuch im Gazastreifen zu bewegen. Erstmals seit der Machtübernahme der Hamas kam ein Staatschef zu Besuch. Der Emir von Katar startete sogleich Bauprojekte für Hunderte Millionen Dollar. Die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der Hamas waren auch für Maschal das erste Mal seit 45 Jahren, dass er die palästinensischen Gebiete wieder betrat.

Maschal wurde 1956 in Silwad im Westjordanland nördlich von Jerusalem geboren. Seine Familie zog später nach Kuwait, wo sie bis zum Golfkrieg lebte. Maschal radikalisierte sich als Student der Uni Kuwait. Nach dem gescheiterten, von ihm aber begrüßten Einmarsch von Saddam Husseins Truppen in Kuwait zog Maschal nach Jordanien und wurde Gründungsmitglied des politischen Büros der Hamas, 1996 stieg er zum Vorsitzenden und damit zum politischen Sprecher der Hamas auf.

Von Mossadagenten gejagt

Maschal ist der führende Kopf der Hamas.
Maschal ist der führende Kopf der Hamas.(Foto: picture alliance / dpa)

Nur ein Jahr später überlebte er einen spektakulären Mordversuch israelischer Mossadagenten in Amman, den der damalige und heutige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu angeordnet hatte. Bei dem Anschlag wurde Maschal ein Gift ins Ohr gesprüht. Die Agenten flogen bei der Aktion auf und wurden verhaftet. Jordaniens König Hussein verlangte daraufhin von Netanjahu die Herausgabe eines Gegengifts. Netanjahu lehnte ab und erst durch Intervention von US-Präsident Bill Clinton wurde das Gegengift übergeben. Die Mossadagenten wurden anschließend gegen den inhaftierten Hamasführer Ahmad Yasin ausgetauscht.

2001 zog Maschal dann mit seiner Familie nach Damaskus. Seither sucht er immer neue Varianten, Israel mit Terroraktionen zu attackieren. Die jetzige Eskalation im Konflikt mit Israel hat er vor anderthalb Jahren vorbereitet, als er anlässlich des 25-jährigen Gründungsjubiläums der Hamas eine neue Form von Attacke ankündigte - mit Raketen eben. Unter dem Jubel von Zigtausenden Menschen entstieg Maschal dabei der übergroßen Attrappe einer M75-Rakete. Maschal sprach hernach vor einer halben Million Palästinensern: "Es wird keine Kompromisse geben, nicht über einen Zentimeter unseres Landes". Das palästinensische Volk sei unteilbar, egal, ob "im Westjordanland, in Gaza, in Haifa oder Jaffo". Israel müsse schlichtweg verschwinden.

Als Ziel der Hamas nennt ihre Charta ganz offziell, "die Fahne Allahs über jedem Zoll von Palästina aufzuziehen". Palästina umfasst für Maschal die gesamte Region inklusive Israel und Teilen Jordaniens. Deshalb sei es die religiöse Pflicht eines jeden Muslims, für die Eroberung Israels zu kämpfen. Verhandlungen und Konferenzen lehnt die Charta als untaugliche "Zeitverschwendung" und "vergebliche Bemühungen" ab. Sie seien "nichts anderes als ein Mittel, um Ungläubige als Schlichter in den islamischen Ländern zu bestimmen". Doch für Palästina gebe es keine andere Lösung als den Dschihad. Artikel 7 der Charta erklärt das Töten von Juden - nicht nur von jüdischen Bürgern Israels oder Zionisten - zur unbedingten Pflicht jedes Muslims.

Doch Maschal hat sich mit seiner Raketenkriegstrategie offenbar verkalkuliert. Denn anstatt die arabische Welt damit für das große Judenmorden zu mobilisieren und der Hamas zu einem Nahost-Krieg zu verhelfen, ist die Sache der Hamas in diesen Tagen verzweifelt isoliert. Viele westliche und arabische Medien - vor allem die ägyptischen - werfen der Hamas vor, eine blinde Attacke auf Israel zu verfolgen, das eigene Volk dabei kaltherzig zu opfern und unklug zu agieren. Maschal sitzt derweil in Doha und trifft sich mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, um zu retten, was noch zu retten ist. Doch nicht einmal der will mit Maschals Flächenbrandinitiative gemeinsame Sache machen. Maschal und der Hamas drohen eine historische Niederlage.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Themenseiten Politik
Empfehlungen