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Kandidat auf Wahlkampftour: Im nordukrainischen Konotop nimmt Petro Poroschenko ein Bad in der Menge.
Kandidat auf Wahlkampftour: Im nordukrainischen Konotop nimmt Petro Poroschenko ein Bad in der Menge.(Foto: REUTERS)

Schoko-Präsident mit Handicap: Poroschenkos hoffnungslose Mission

Von Christian Rothenberg

Separatisten, Unabhängigkeitsreferenden, Tote - die Ukraine steckt seit Wochen im Chaos. Ob ein neuer Präsident dem Land hilft? Die besten Chancen bei der Wahl hat der Milliardär Petro Poroschenko, dabei spricht wenig für ihn.

Julia Timoschenko nascht gern Schokolade, und zwar ausgerechnet die von Petro Poroschenko. "Ich kaufe ständig Roshen-Pralinen", sagte die Politikerin im April, "daher unterstütze ich Poroschenko täglich". Timoschenkos Geständnis ist bemerkenswert. Mitten im Wahlkampf zur ukrainischen Präsidentschaftswahl lobte sie öffentlich ihren Konkurrenten Poroschenko. Der "Schokoladenkönig" verkauft seine Pralinen in der ganzen Welt. Auf der Liste der umsatzstärksten Süßwarenhersteller steht sein Konzern Roshen auf Platz 18.

Doch dem 48-Jährigen reicht es nicht, viel Geld mit Schokolade zu verdienen. Wenn kein Wunder geschieht, wird er an diesem Sonntag neuer Präsident der Ukraine. Laut Umfragen, die Poroschenko deutlich vor Timoschenko und den anderen Kandidaten sehen, ist sein Sieg so gut wie sicher. Aber: Ist jemand ein guter Präsident, nur weil er gute Schokolade produziert? Tatsächlich bestehen bei Poroschenko erhebliche Zweifel. Denn ähnlich wie Timoschenko ist er kein neues, unverbrauchtes Gesicht. Der Mann aus Odessa steht für vieles, das die Ukrainer eigentlich überwinden wollten.

Ein schwieriger Typ

Poroschenko 2006 mit Julia Timoschenko im ukrainischen Parlament.
Poroschenko 2006 mit Julia Timoschenko im ukrainischen Parlament.(Foto: AP)

Poroschenko ist ein Mann voller Widersprüche. Seitdem er auf der politischen Bildfläche erschien, wechselte er immer wieder die Lager. Er begann 1998 bei den Sozialdemokraten, gehörte 2001 zu den Gründern der Partei der Regionen. Drei Jahre später finanzierte er die Revolution in Orange. 2009 war er für ein halbes Jahr Außenminister des neuen Präsidenten Wiktor Juschtschenko. Wieder zeigte sich, wie beweglich er ist: 2012 war er kurzzeitig Wirtschaftsminister unter Wiktor Janukowitsch. Seit Ende vergangenen Jahres unterstützte der inzwischen fraktionslose Abgeordnete dann die Demonstranten auf dem Maidan. Poroschenko zeigte sich selten auf dem Platz, aber er war einer der Hauptfinanziers. Sein Fernsehsender TV5 berichtete live vom Maidan - Janukowitsch-kritisch und proeuropäisch.

Bei Poroschenko fällt auf: Egal, wo er bisher wirkte, hatte er Ärger. Egal, auf wessen Seite er stand, nie blieb er lange einem Lager treu. Die Ukraine benötigt in diesen Tagen einen Mann, der vermittelt und Gräben zuschüttet. Der sich Widerstand stellt, anstatt aus der Verantwortung zu flüchten. Warum sollte nun ausgerechnet er der Richtige sein, um dieses Land aus der Krise zu führen? Der Ruf der Zuverlässigkeit eilt ihm nicht gerade voraus.

Der Oligarch, der keiner sein will

Tatsächlich hat Poroschenko noch ein Handicap. Er ist ein Oligarch, obwohl er das bestreitet. Er sagt dann: "Hätten Sie sich vorstellen können, dass ein Mann, der auf der Forbes-Liste der reichsten Ukrainer steht, mitten auf dem Maidan demonstriert?" Wenn er Präsident ist, will er seinen Roshen-Konzern verkaufen und sich nur noch "um das Wohl des Landes kümmern".

Mit einem Vermögen von rund zwei Milliarden Dollar gehört Poroschenko zu den reichsten Ukrainern. Er hat ein Wirtschaftsimperium: Schokolade, Fernsehen, dazu betätigt er sich im Schiffbau und in der Automobilproduktion. Poroschenko hat beste Beziehungen, er ist gleichzeitig Politiker und Unternehmer, er hat eine Menge Einfluss und fast ebenso viele Interessen - ein Oligarch, wie er im Buche steht. Es ist schon absurd: Die Maidan-Bewegung wollte die Macht der Oligarchen bekämpfen. Doch wie es scheint, mag das Land nicht auf den Einfluss von Männern wie Rinat Achmatow und Poroschenko verzichten.

Dass dieser wohl trotz aller Widersprüche Staatsoberhaupt wird, hat seine Gründe. Es ist der Ausnahmezustand im Land, die Schwäche seiner Konkurrenten. Jeder vierte potenzielle Poroschenko-Wähler hält ihn für das "geringere Übel". Auf den "Neuen" wartet eine gigantische Herausforderung. "Poroschenko muss sich als Garant der Einheit der Ukraine verstehen und versuchen, alle Menschen einzubeziehen. Er muss den Prozess des Runden Tisches fördern, an dem alle Kräfte der Ukraine vertreten sind. Dann kann ein Konsens entstehen, der eine neue Verfassungsordnung bilden kann", sagt Ernst-Jörg von Studnitz, der frühere deutsche Botschafter in Moskau.

"Manche von ihnen sind geisteskrank"

Poroschenko hat bisher noch keinen Masterplan präsentiert. Er versprach, den Maidan neu pflastern zu lassen. Der einzige Ausweg aus einer Krise in der demokratischen Welt seien "Wahlen und nicht Maschinenpistolen". Schon am Montag will Poroschenko "mit Russland in einen neuen Dialog treten". Ob Wladimir Putin die Wahl anerkennt, ist fraglich. Poroschenkos Verhältnis zu Moskau ist vorbelastet. Im vergangenen Jahr verhängte der Kreml Sanktionen gegen seinen Roshen-Konzern. Russische Medien behaupteten, er habe die Scharfschützen auf dem Maidan finanziert, in seinen Pralinen befänden sich krebserregende Mittel.

Auch der Präsidentschaftskandidat äußerte sich zuletzt nicht gerade diplomatisch gegenüber Russland. Er rief Deutschland zu einem Gas-Boykott auf, um die Russen wirtschaftlich in die Knie zu zwingen. Wie die Regierung in Kiew und Übergangspräsident Alexander Turtschinow sprach Poroschenko von den " Mördern" in der Ostukraine, die Waffen und Anweisungen aus Russland erhielten. Der Anti-Terror-Einsatz sei alternativlos. Mit den Separatisten reden will er nicht. "Das sind ganz einfach Terroristen. Manche von ihnen sind geisteskrank." Poroschenko sagt, dass er die Krim zurück in die Ukraine holen will, eine Föderalisierung des Landes kommt für ihn nicht infrage.

Ob es ihm so gelingt, an einem Runden Tisch zwischen den Konfliktparteien zu schlichten? In den vergangenen Wochen präsentierte sich Poroschenko wechselweise gemäßigt und extrem, mal Versöhner, mal Hardliner. Spätestens am Sonntag muss der Wahlkämpfer den Aus-Schalter finden. Der Präsident Petro Poroschenko hat dann ohnehin nur einen vermeintlichen Trumpf: niedrige Erwartungen haben den Vorteil, dass sie nur übertroffen werden können.

Quelle: n-tv.de

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