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In den Ruinen von Aleppo harren noch 350.000 Menschen aus.
In den Ruinen von Aleppo harren noch 350.000 Menschen aus.(Foto: AP)

Aleppo vor dem Fall: Russland bringt Assad entscheidenden Sieg

Mit Hilfe russischer Luftangriffe stehen Truppen des syrischen Machthabers Assad davor, die Großstadt Aleppo einzunehmen. Auch in der gleichnamigen Provinz rücken die Regimetruppen vor. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Welche Folgen hat die Schlacht um Aleppo für den Bürgerkrieg in Syrien?

Sollte Aleppo, die zweitgrößte Stadt Syriens, von den Assad-Truppen erobert werden, wäre es nicht das Ende des Kriegs, aber für das Regime und auch für Russland ein wichtiger Sieg. Machthaber Baschar al-Assad wäre endgültig wieder etabliert als Machtfigur, die nicht einfach vom Spielfeld geschoben werden kann. Russland hätte gezeigt, dass die offizielle Grundannahme des Westens mit Blick auf den syrischen Bürgerkrieg schlicht falsch war.

Diese Annahme lautete: Es gibt keine militärische Lösung für Syrien. Die gibt es möglicherweise doch – nur eben nicht so, wie der Westen sich das vorstellt.

Nicht nur propagandistisch, auch militärisch könnte der Kampf um Aleppo die Endphase des syrischen Bürgerkriegs einläuten. "Die Realitäten auf dem Schlachtfeld" werden das Ende des Kriegs bestimmen, nicht diplomatische Initiativen, so das amerikanische Institute for the Study for War.

Kommt jetzt eine neue Flüchtlingswelle?

Von der Türkei aus kann man die Zelte der Flüchtlinge aus Aleppo sehen. Über die Grenze kommen sie derzeit nur illegal.
Von der Türkei aus kann man die Zelte der Flüchtlinge aus Aleppo sehen. Über die Grenze kommen sie derzeit nur illegal.(Foto: dpa)

Die ist schon da. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenze schätzt, dass 80.000 Flüchtlinge auf dem Weg zur türkischen Grenze sind, wo bereits zehntausende Syrer darauf warten, in die Türkei fliehen zu können. 350.000 Menschen sollen noch immer in den Rebellen-Vierteln von Aleppo leben.

Zwischen zwei und drei Millionen syrische Flüchtlinge sind bereits in der Türkei – einem Land, das fast so viele Einwohner hat wie Deutschland. Derzeit ist der Übergang an der türkischen Grenzstadt Kilis geschlossen: Die Türkei will die Flüchtlinge auf der syrischen Seite der Grenze versorgen und nur Verletzte ins Land lassen. Am Wochenende stellte Präsident Recep Tayyip Erdoğan Hilfe in Aussicht, versprach aber nichts: Wenn die Flüchtlinge "vor unseren Türen stehen und keine andere Wahl haben, müssen und werden wir, wenn nötig, unsere Brüder hereinlassen."

Macht Putin den Job, vor dem Obama sich drückt?

Die republikanischen Präsidentschaftsbewerber in den USA sehen es so. Sie werfen Präsident Barack Obama regelmäßig vor, außenpolitisch zu "weich" zu sein. Den radikalsten Plan hat natürlich Donald Trump. Er würde "die Scheiße" aus der Terrormiliz IS "herausbomben", verkündete er. "Ich würde jeden Zentimeter in die Luft jagen, da bliebe nichts übrig." Sein Rivale Ted Cruz fordert, Syrien mit einem "Bomben-Teppich" zu überziehen. Dass dies ein Blutbad unter Zivilisten zur Folge hätte, scheint ihm egal zu sein.

Doch auch die Republikaner wissen, dass die Amerikaner die Nase voll von Kriegen haben. Trumps zweite Strategie lautet daher, das Problem einfach dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu überlassen. "Wir können nicht weiter der Weltpolizist sein", sagte der Milliardär im vergangenen November. Damit ist er nicht weit von Obama entfernt. Auch der will keine US-Bodentruppen nach Syrien schicken. Unvergessen ist Obamas Warnung an Assad, mit dem Einsatz von Chemiewaffen würde eine "rote Linie" überschritten. Als genau das passierte, reagierten die USA nicht militärisch, sondern, zusammen mit Russland, diplomatisch.

Macht also Putin den Job, vor dem Obama seit Jahren zurückschreckt? Man kann es so sehen – wenn man darüber hinwegsieht, dass die Russen nicht vorrangig den Islamischen Staat bekämpfen. Aleppo liegt nicht in IS-Gebiet, sondern wurde bislang von Aufständischen gehalten, darunter die Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Zudem scheint Russland genau die Strategie zu verfolgen, die auch Trump und Cruz bevorzugen: Bomben ohne Gnade. Amnesty International warf Russland schon im Dezember vor, hunderte Zivilisten in Syrien getötet zu haben: Die russische Luftwaffe habe Wohngebiete, eine Moschee und medizinische Einrichtungen angegriffen und dabei ein "Muster" verfolgt, das auf einen Bruch des humanitären Völkerrechts deute.

Allerdings: Auch die Luftangriffe der US-geführten Koalition haben zivile Opfer. Zwar scheinen die USA zurückhaltender zu bomben als bei früheren Kriegen (was die Republikaner ebenfalls scharf kritisieren). Aber die von den USA eingestandene Zahl von 16 versehentlich getöteten Zivilisten ist nach Angaben der Projektgruppe Airwars deutlich zu niedrig: Demnach waren es mindestens 880 Zivilisten, die von der US-Koalition getötet wurden.

Kämpft Russland überhaupt gegen den Islamischen Staat?

Dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Die Webseite Al-Monitor nennt die russischen Luftangriffe "skrupellos und häufig wahllos" und hat die Angriffe auf Zivilisten mit scharfen Worten angeprangert. Allerdings sei die Darstellung falsch, Russland kämpfe nicht gegen den IS. Ziele der russischen Luftangriffe seien nicht nur die von den USA unterstützte Freie Syrische Armee, sondern auch Gruppen mit IS-Verbindung sowie die Nusra-Front.

Warum sind die Russen militärisch so erfolgreich?

Ein Foto, das vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlicht wurde: Angriff auf einen Lkw-Konvoi in Syrien, der nach russischen Angaben Waffen transportierte.
Ein Foto, das vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlicht wurde: Angriff auf einen Lkw-Konvoi in Syrien, der nach russischen Angaben Waffen transportierte.(Foto: AP)

Der größte Erfolg der russischen Intervention war zweifellos, dem syrischen Regime Stabilität zu geben. Militärisch hat der Kampf um Aleppo schon vor Monaten begonnen, im Oktober 2015. Mit Angriffen im Umland hätten Regime-Truppen mit Unterstützung der russischen Luftwaffe und iranischer Bodentruppen die Verbände der Aufständischen aus der Stadt gelockt und dort bekämpft, so das Institute for the Study for War.

Die russische Luftwaffe habe sich auf Vorposten und Versorgungswege der Aufständischen in der Provinz Aleppo konzentriert. Am Boden wurden die Regime-Truppen nicht nur von Kämpfern der libanesischen Hisbollah sowie von schiitischen Kämpfern aus Afghanistan und dem Irak unterstützt – insgesamt 2000 Mann. Auch Dutzende russische Speznas-Spezialeinheiten sollen in der Gegend von Aleppo im Einsatz sein.

Ist Frieden in Syrien, wenn Assad den Bürgerkrieg gewinnt?

Möglich, aber unwahrscheinlich. Ein Sieg der von Russland unterstützten schiitischen Front aus Assad-Regime, Iran und libanesischer Hisbollah würde dem mehrheitlich sunnitischen Syrien kaum Frieden bringen. Eher dürften sich Kämpfer anderer Rebellengruppen verstärkt den dschihadistischen Gruppen anschließen, die den Assad-Truppen noch am ehesten standhalten – etwa der Nusra-Front, zur Not wohl auch dem Islamischen Staat.

Könnte der syrische Bürgerkrieg zu einem internationalen Krieg werden?

Der russische Erfolg in Syrien beunruhigt nicht nur die kriegsmüden USA, sondern auch die Regionalmächte Türkei und Saudi-Arabien – sunnitische Staaten, die sunnitische Anti-Assad-Gruppen unterstützen. Der Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei im November hat deutlich gemacht, dass die Türkei nicht zimperlich ist. Ebenfalls seit November fordert die Türkei den Einsatz von Bodentruppen in Syrien. Auch Saudi-Arabien hat jetzt angeboten, Bodentruppen nach Syrien zu schicken – worauf Syriens Außenminister Walid al-Moualem sagte: "Wir versichern euch, dass jeder Aggressor in einem hölzernen Sarg heimkehren wird."

Ein weiterer Faktor in diesem Krieg sind die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten der YPG, die mit der türkisch-kurdischen PKK eng verbunden sind. Die türkische Regierung wirft der YPG vor, mit dem Assad-Regime zu kooperieren. Ein Erstarken der syrischen Kurden würde Ankara wohl kaum hinnehmen; der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat bereits gewarnt, die Türkei werde gegen alle bedrohlichen Entwicklungen entlang ihrer Grenze vorgehen. Die syrische Grenzstadt Tall Abyad wurde nach kurdischen Angaben mehrfach von der Türkei beschossen. Als die Stadt noch unter Kontrolle des IS gewesen sei, habe die türkische Armee das nie gemacht, sagte ein Sprecher der YPG.

Kurzum: Bislang ist der syrische Bürgerkrieg ein Stellvertreterkrieg der Regionalmächte unter Beteiligung der USA und Russlands. Wie jeder Stellvertreterkrieg hat auch dieser das Potenzial, den Akteuren zu entgleiten.

Quelle: n-tv.de

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