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US-Außenminister Kerry vermutet, dass Aleppo sich auf drei weitere Monate der Bombardements einstellen müssen.
US-Außenminister Kerry vermutet, dass Aleppo sich auf drei weitere Monate der Bombardements einstellen müssen.(Foto: REUTERS)

Was treibt Putin in Syrien?: "Russland kann Aleppo einäschern"

Die Welt muss sich auf ein "menschliches Drama", auf "Verwüstung ungeahnten Ausmaßes" einstellen, davon ist Bente Scheller überzeugt. Die Nahost-Expertin glaubt, dass Europa und die USA die syrische Opposition aufgegeben haben.

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n-tv.de: US-Außenminister John Kerry prophezeite kürzlich drei weitere Monate russischer Bombardements auf Aleppo. Sagt er damit das Ende der moderaten Opposition in Syrien voraus?

Bente Scheller: Ich glaube, dass die Opposition länger als drei Monate durchhalten kann. Die Region Aleppo ist ein relativ großes Areal, das man allein durch Luftangriffe nicht gewinnen kann. Die russische Luftwaffe kann die Region aber einäschern.

Mit einäschern meinen sie die Strategie, die Region zu bombardieren, dann einzukesseln und die verbliebene Bevölkerung auszuhungern?

Nein. Anders als in anderen Gegenden war es bisher gut möglich, Güter nach Aleppo zu bringen. Es gibt dort Reserven. Aleppo auszuhungern, würde lange dauern. Deshalb ist es ja nicht möglich, die Opposition dort schnell niederzuringen. Es kann nur darum gehen, mit massiven Luftangriffen für eine Verwüstung ungeahnten Ausmaßes zu sorgen.

Damaskus und Moskau scheinen aber fest entschlossen, die Schlacht um Aleppo schnell für sich zu entscheiden. Was steht der Welt da bevor?

Auf jeden Fall ein menschliches Drama.

Bente Scheller leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. Mit der Lage in Syrien beschäftigt sich die promovierte Politikwissenschaftlerin seit Jahren.
Bente Scheller leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. Mit der Lage in Syrien beschäftigt sich die promovierte Politikwissenschaftlerin seit Jahren.

Die syrische Opposition mag mehr als drei Monate überstehen. Doch das Blatt wenden, das kann sie aus eigener Kraft sicher nicht mehr. Ist der Widerstand gegen Machthaber Baschar al Assad noch irgendwie zu retten?

Es wäre möglich, die Opposition zu retten, aber ich glaube nicht, dass das gewollt ist. Als das syrische Regime mit Hilfe von russischen Bombern im vergangenen Jahr versuchte, in der Provinz Hama vorzurücken, schalteten die Rebellen etliche Panzer mit TOW-Raketensystemen aus. Diese Bilder gibt es jetzt nicht mehr. Es kann zwar sein, dass Russland die Versorgung abgeschnitten hat. Aber es drängt sich eher der Verdacht auf, dass die Verbündeten der Rebellen einfach nichts mehr liefern.

Warum?

Angesichts der Massivität der russischen Luftangriffe ist klar: Gegen diese Gewalt kann man nicht anrüsten, solange man nicht bereit ist, Luftabwehrsysteme zu liefern.

Europa und die USA haben die Opposition also endgültig aufgegeben?

Ja, den Eindruck habe ich. Dafür spricht übrigens auch Kerrys Aussage zu Aleppo. Von den Syrern, mit denen ich sprechen konnte, wurde die Erwähnung jener drei Monate nicht als Ausdruck einer Befürchtung wahrgenommen, sondern als Zeichen, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr bereit sind, die Opposition zu unterstützen.

Ist es glaubwürdig, wenn sich europäische oder amerikanische Politiker noch auf den in Genf angestoßenen Friedensprozess berufen? Ziel war es, nach Gesprächen aller Kriegsparteien und einem Waffenstillstand eine nationale Übergangsregierung bis Mitte 2016 und Wahlen bis Ende 2017 zu ermöglichen.

Dieser Prozess war schon vor den jüngsten Angriffen unrealistisch. Jetzt ist er es erst recht.

Und jetzt ist die Devise: Lieber eine erzwungene Stabilität unter Assad als endloser Krieg und immer mehr Flüchtlinge in Europa?

Ich glaube, diese Sichtweise ist einer der großen Fehlschlüsse, die es in der westlichen Politik gibt. Man kann nicht zurück auf los drehen, zurück auf die Zeit vor dem Aufstand. Die Lage hat sich seither grundlegend geändert. Solch eine Kontrolle, wie er sie damals hatte, wird Assad nie wieder erlangen können.

Wie groß ist die Unterstützung für Assad denn derzeit? Was wäre, wenn es im Rahmen des Genfer Friedensprozesses doch zu Wahlen käme?

Ich stelle mir eher die Frage: Wie viele Leute, die gegen Assad sind, könnten an einer Wahl überhaupt teilnehmen? Ein Viertel der Bevölkerung ist außer Landes und wird so schnell nicht zurückkehren. Ein Großteil sitzt in Gegenden, die auch dann nicht erreichbar wären, wenn die Kämpfe zwischen Regime und Opposition aufhörten. Das sind zum Beispiel die Gegenden, die der sogenannte Islamische Staat (IS) kontrolliert. Und man muss sich vor Augen führen, wie viele Menschen in Syrien sich politisch überhaupt nicht äußern können, weil sie in Gefängnissen sitzen oder tot sind. Natürlich: Beachtet man nur den Teil, in dem Wahlen stattfinden können, hätte Assad sicherlich eine höhere Anzahl an Unterstützern als in anderen Landesteilen. Die Unterstützung für Assad ist aber eine Größe, die angesichts der Verbrechen, die dieses Regime verübt hat, nicht mehr wirklich relevant ist.

Wäre kein Deal denkbar, bei dem Assad abtritt und so faire Wahlen ermöglicht?

Auch dann hätte eine Opposition keine Chance, sich zu profilieren, weil sie angesichts der Verheerung in ihren Gebieten nichts hat, womit sie für sich werben kann. Ich sehe aber auch keine Anzeichen dafür, dass Assad abtritt. Wenn er wirklich einem anderen Platz machen wollte, könnte er das doch jetzt schon tun. Jetzt würde sein Rücktritt schließlich einen immensen Unterschied machen.

Wie sollte sich der Westen zu Assad verhalten, wenn er die militärische Oberhand gewinnen sollte? Ist ein Pakt gegen den IS dann womöglich sinnvoll?

Assad hat nicht viele eigene Kräfte. Deswegen gibt es so viele Ausländer in seinen Reihen. Deswegen schickt der Iran Afghanen nach Syrien. Deswegen ist die Hisbollah engagiert. Wir haben keine syrische Armee, mit der man irgendetwas erreichen könnte. Es gibt nur ein bizarres Sammelsurium an Einheiten, denen es gelingen könnte, die schlecht ausgestattete Opposition zu besiegen. Ein Kampf gegen den IS hätte eine ganz andere Qualität. Außerdem hätten wir das Problem, dass dieses Sammelsurium an Kräften konfessionell stark geprägt ist. Bei der überwiegend sunnitischen Bevölkerung kann so nur der Eindruck entstehen, dass sich die der Westen mit Assad nicht gegen den IS, sondern gegen die Sunniten richtet. Man bekommt keine breitere Front, indem man Assad und seine Verbündeten in eine Anti-IS-Koalition einbindet. Man stößt wissentlich genau denjenigen vor den Kopf, die man bräuchte, um den IS zu besiegen.

Mit Bente Scheller sprach Issio Ehrich

Quelle: n-tv.de

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