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Der macht niemanden mehr satt: Bauern und Fischer in Nigeria klagen seit Jahrzehnten, dass die Ölverschmutzung ihnen die Lebensgrundlage nimmt.
Der macht niemanden mehr satt: Bauern und Fischer in Nigeria klagen seit Jahrzehnten, dass die Ölverschmutzung ihnen die Lebensgrundlage nimmt.(Foto: picture alliance / dpa)

Ölpest in Nigeria: Shell muss Schadenersatz zahlen

Die Ölverschmutzung im Nigerdelta gilt als eine der größten Umweltkatastrophen der Welt. Der Konzern Shell zeichnet dafür mitverantwortlich. Zu diesem Urteil kommt ein Gericht in Den Haag. Rechtsexperten sprechen von einem historischen Prozess.

Der Ölkonzern Shell ist wegen der Ölpest in Nigeria zu Schadenersatzzahlungen verurteilt worden. Ein Zivilgericht in Den Haag gab der Klage eines Bauern aus dem Nigerdelta statt. Zur Begründung hieß es: Shell habe die Leitungen nicht ausreichend vor Sabotage geschützt. Die Höhe der Schadenersatzzahlungen wird in einem späteren Verfahren festgelegt.

Das Öl löste in Nigeria eine reihe blutiger Konflikte aus.
Das Öl löste in Nigeria eine reihe blutiger Konflikte aus.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Insgesamt klagten fünf Bauern gegen Shell. Drei von ihnen scheiterten jedoch. Rechtsexperten glauben trotzdem, dass das jüngste Urteil weitere internationale Klagen gegen Shell nach sich ziehen kann. Es ist von einem historischen Prozess die Rede.

Den Bauern aus Nigeria stand bei ihrer Klage eine niederländische Umweltorganisation zur Seite. Das Gericht urteilte zunächst: In vier Fällen ist das Unternehmen nicht haftbar. Die Schäden an Pipelines, die zur Umweltverschmutzung führten, waren dort allein durch Sabotage entstanden. In einem Dorf allerdings hat Shell einen Brunnen nicht ausreichend gesichert. Kriminelle konnten so ohne größere Hürden illegal Öl abzapfen. Dabei beschädigten sie die Leitungen. Das herauslaufende Öl verseuchte das Ackerland von einem der Kläger.

Shell erstmals verurteilt

Die Umweltschutzorganisation "Milieudefensie" spricht von einer bahnbrechender Entscheidung. "Zum ersten Mal zwingt ein Gericht Shell, den Schaden zu kompensieren. Das ist in Nigeria noch nie gelungen", sagte der Sprecher der Organisation, Geert Ritsema. Und "Milieudefensie" will nicht locker lassen. Die Organisation plant, gegen die drei übrigen Urteile Berufung einzulegen. "Die Beweise von Shell waren sehr dünn", sagte Ritsema. In den Dörfern waren schlecht gewartete Leitungen die Ursache der Verseuchung und nicht Sabotage.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach von einem "Durchbruch für Gerechtigkeit", da die Haftbarkeit des Unternehmens erstmals festgestellt worden sei. Nie zuvor wurde Shell wegen Schäden in der Dritten Welt in Europa verklagt. Ein Rückschlag für die Kläger: Das Urteil des Gerichts in Den Haag bezieht sich auf den Tochterkonzern in Nigeria, nicht auf Shell in den Niederlanden.

Eine der schlimmsten Umweltkatastrophen

Seit Jahrzehnten strömen im bevölkerungsreichsten Landes Afrikas Millionen Barrel Öl aus und verseuchten Grundwasser und Boden. Bauern und Fischer im Nigerdelta verloren ihre Existenzgrundlage. Laut einem UN-Bericht handelt es sich um eine der schlimmsten Umweltkatastrophen.

Der Umweltdirektor von Shell, Allard Castelein, im Gerichtssaal in Den Haag: "Nur an einer Stelle hätten wir bessere Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen."
Der Umweltdirektor von Shell, Allard Castelein, im Gerichtssaal in Den Haag: "Nur an einer Stelle hätten wir bessere Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen."(Foto: AP)

Shell hatte die Vorwürfe gegen sich aber stets zurückgewiesen. Das Unternehmen machte stets Saboteure für die Schäden verantwortlich. Und bisher gelang es dem Konzern allen Gerichtsverfahren, die die Beteiligung Shells belegen könnten, auszuweichen - mit außergerichtlichen Entschädigungszahlungen.

So erklärte sich der Ölmulti 2009 bereit, 15,5 Millionen Dollar an Mitglieder des Ogoni-Volkes zu zahlen. Wie keine zweite Ethnie litten die Ogoni unter der Umweltschmutzung im Nigerdelta. Sie warfen dem Konzern allerdings noch viel mehr vor, als die Öllecks.

Der berühmte nigerianische Schriftsteller Ken Saro-Wiwa, ebenfalls ein Ogoni, etablierte in den 1990er-Jahren eine Umweltbewegung, die sich friedlich gegen das Vorgehen Shells und die damalige Militärregierung des Landes richtete. Die Junta war an den Einnahmen Shells beteiligt und billigte die Ölförderung trotz aller Schäden. Als Ikone des Protests, der die ganze Welt auf das Schicksal der Ogoni aufmerksam machte, war Saro-Wiwa dem Regime darum eine Last. In einem Schauprozess verurteilte es den Aktivisten und acht seiner engsten Getreuen zum Tode. Sie starben 1995 am Strang.

Shells will lukratives Geschäft nicht gefährden

2009 machten Vertreter der Ethnie aus dem Nigerdelta Shell darum nicht nur für Umweltverschmutzungen verantwortlich. Sie warfen dem Konzern auch vor, Folter und Hinrichtungen durch die Militärregierung in Kauf genommen zu haben, um das lukrative Geschäft in Westafrika nicht zu gefährden. Doch juristisch aufgearbeitet wurden diese Vorwürfe durch die außergerichtliche Einigung nie.

Der für Ölförderung zuständige Shell-Manager Malcolm Brinded sagte nach der Einigung: Die Zahlung von 15,5 Millionen Dollar solle keine Schuldanerkennung, sondern eine menschliche Geste sein. Shell habe bei den Gewalttaten keine Rolle gespielt.

Drei Jahre später, nach dem ersten gerichtlichen Urteil gegen den Konzern, übernahm der Umweltdirektor von Shell, Allard Castelein, die Verteidigung des Unternehmens. Shell begrüße das Urteil, sagte er. "Nur an einer Stelle hätten wir bessere Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen." Er fügte hinzu: "Inzwischen ist das geschehen und die Verschmutzung beseitigt."

Bezogen auf das gesamte Nigerdelta kann davon aber keine Rede sein. Die Vereinten Nationen erklärten noch 2011: Allein die Säuberung von Ogoniland wäre die wohl umfangreichste und längste  Reinigungsaktion aller Zeiten.

Quelle: n-tv.de

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