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Sieben Flüchtlinge verschlägt es ins beschauliche Tallinn (Foto) und in die Universitätsstadt Tartu.
Sieben Flüchtlinge verschlägt es ins beschauliche Tallinn (Foto) und in die Universitätsstadt Tartu.(Foto: picture alliance / dpa)

Klappt die europäische Umverteilung?: Sieben Flüchtlinge erreichen Estland

Von Florian Hartleb, Tallinn

An den Esten liegt es nicht: Tallinn will seinen Teil zur Umverteilung von Flüchtlingen in Europa leisten. Doch die Umsetzung der europäischen Lösung gestaltet sich schwierig. Nun kommen die ersten Migranten in Estland an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel glaubt noch immer an eine europäische Lösung der Flüchtlingskrise. Doch von 160.000 aus Griechenland und Italien stammenden Flüchtlingen wurden bisher kaum 1000 umgesiedelt. Besonders in Osteuropa gibt es Widerstände. Ungarn und die Slowakei beteiligen sich erst gar nicht am Verteilungsplan. Polen schert nach dem Terror in Brüssel aus.

Estland dagegen bekennt sich zur europäischen Solidarität. Der baltische Staat, mit der Fläche von Niedersachsen und mit 1,3 Millionen Einwohnern so groß wie München, will in den nächsten zwei Jahren 550 Flüchtlinge aufnehmen. Doch erst jetzt kommen die ersten Flüchtlinge aus Griechenland an. Es sind nur sieben Menschen - eine Familie mit drei Kindern im Schulalter aus dem Irak, ein Einzelhandelskaufmann aus Syrien und ein Journalist aus dem Jemen.

Estland unternimmt alles, um die Flüchtlingsumverteilung zur Erfolgsgeschichte zu machen: Letzten Oktober, nach Beschluss des EU-Verteilungsplans, reiste sofort ein estnisches Team von Experten für Migration, Übersetzern und Vertretern von Sicherheitsbehörden nach Griechenland und Italien. Es führte Interviews mit potenziellen Migranten. Doch das gestaltete sich schwierig.

100 Staatsbedienstete kümmern sich um 7 Flüchtlinge

Manche hatten offenkundig ein Problem mit dem Ziel ihrer möglichen Reise: Eine Flüchtlingsfamilie sollte bereits im Januar nach Estland kommen. Sie verschwand aber spurlos. Estland konnte keine Flüchtlinge gewinnen, wohl auch, weil diese das kleine Land nicht kennen. Wie der ungarische Premierminister Viktor Orbán bereits letzten September sagte: "Die Migranten wollen nicht in Ländern wie Ungarn, Polen oder Estland bleiben. Alle würden gerne nach Deutschland gehen."

Auf die Ankunft von Flüchtlingen hat man sich dennoch monatelang vorbereitet: Die sieben Ankömmlinge gehen nicht in das einzige Flüchtlingslager auf dem Land, sondern zur besseren Integration in die Hauptstadt Tallinn und die Universitätsstadt Tartu. Vorerst dürfen sie für ein Jahr bleiben. Wohnungen und eine finanzielle Grundversorgung sind bereitgestellt. Trotz oder wegen der fehlenden Praxis gibt es fast 100 Ombudspersonen, ein Vielfaches mehr als Flüchtlinge. Basisinformationen über die eigene Kultur liegen bereits vor. Estnische Sprachkurse sollen von Beginn an starten.

Burka-Verbot auch in Estland ein Thema

Die Regierung muss die neuen Mitbürger aber auch schützen. Von der Ankunft am Flughafen Tallinn gab es keine Fotos.  Dennoch war das Ereignis zentrales Thema in den Abendnachrichten. Die Regierung wollte das Thema nicht zu hoch hängen – auch wegen der Stimmungsmache im Land. Die rechtsradikale Oppositionspartei EKRE, seit den letzten Wahlen vom März 2015 im Parlament und medial präsent, hetzt gegen Flüchtlinge. Sie organisierte etwa eine Motorradtour zum einzigen Flüchtlingslager im Nordosten des abgeschiedenen Landes. In dem Dorf Vao befinden sich bislang 72 Flüchtlinge. Viele von ihnen kommen aus der Ukraine und stehen nicht in Verbindung mit den Flüchtlingsbewegungen aus dem Nahen Osten.

Teile der Bevölkerung springen darauf an. In Estland ist die einst von Stalin zwangsangesiedelte russischstämmige Minderheit nach Jahrzehnten immer noch schlecht integriert, was wohl an beiden Seiten liegt. Nur ein Drittel besitzt einen estnischen Pass, ein Drittel einen russischen, und fast ein Drittel ist bewusst staatenlos; das sind 80.000 Menschen. Und auch mit den Neuankömmlingen aus dem arabischen Raum gibt es Probleme. Es gibt eine Debatte darüber, ob Burkas verboten werden sollen. Dabei wissen die Menschen über den Islam kaum Bescheid. Wie auch? Es gibt keine syrische, irakische oder afghanische Community, es existiert keine Moschee und es sind nur rund 10.000 Muslime im Land.

Quelle: n-tv.de

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