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Auf Facebook lässt sich auch mit Fake News Geld verdienen.
Auf Facebook lässt sich auch mit Fake News Geld verdienen.(Foto: dpa)

Interview mit einem Faktenchecker: Sind Fake News eher rechts als links?

Angriffskriege sind nicht länger verboten. Die Integrationsbeauftragte fordert eine Burka-Pflicht. Der Staat bezahlt die Antifa. Alles Beispiele für die deutsche Variante von Fake News: sogenannte Hybrid-Fakes. Interview mit einem Fachmann.

n-tv.de: Gibt es eine Definition für Fake News?

Andre Wolf: Bei Mimikama definieren wir Fake News als Webseiten, die wie normale Nachrichtenseiten daherkommen, aber ihre Geschichten aus kommerziellem Antrieb frei erfinden.

Zur Person

Andre Wolf ist Sprecher von Mimikama, einem Verein, der unter anderem die Faktencheck-Webseite mimikama.at betreibt.

Fake News sind nicht politisch motiviert?

Bei klassischen Fake News, wie wir sie aus dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf kennen, geht es so gut wie immer ums Geld, sprich: um die Werbeeinnahmen über Facebook und Google Adsense. Der politische Hintergrund entsteht nur dadurch, dass die erfundene Nachricht reale Ängste oder eine tatsächlich vorhandene Wut aufgreift. Zum Beispiel "Pizzagate". Im Herbst kursierte in den sozialen Netzwerken die Behauptung, die Demokraten würden einen Kinderschänderring betreiben.

Wegen einer solchen Meldung stürmte ein 28-Jähriger Anfang Dezember sogar in eine Pizzeria in Washington und schoss um sich – er hatte gelesen, dort befinde sich das Hauptquartier der Kinderschänder.

Auf den Seiten, auf denen diese Meldung kursierte, war Werbung geschaltet. Das spricht dafür, dass sie aus kommerziellen Gründen verbreitet wurde.

Im US-Wahlkampf wurden Fake News vor allem gegen Hillary Clinton eingesetzt. War das nicht doch eher politisch motiviert als kommerziell?

Im Einzelfall ist das möglich, aber in der Regel geht es um Geld. Wie bei den mehr als hundert Webseiten, die von Mazedonien aus mit Pro-Trump-News bestückt wurden. Die Leute, die das gemacht haben, wollten Geld verdienen. Trump war ihnen völlig egal.

Gibt es solche Fake News auch im deutschsprachigen Raum?

Kaum. Bei uns gibt es häufiger ideologisch geprägte Meldungen, die eine Kernwahrheit enthalten, die aber manipulativ oder nicht korrekt sind – wir sprechen dabei von Hybrid-Fakes. Da werden Bilder und Zitate in einen anderen Kontext gebracht, und durch Weglassung wird ein Szenario aufgebaut, das nicht stimmt.

So wie die Geschichte, dass die Bundesregierung das Verbot von Angriffskriegen gekippt hat?

Das ist eine Fake News, die typisch für den deutschen Markt ist. Da wurde behauptet, dass jener Paragraph aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, der die Beteiligung an einem Angriffskrieg unter Strafe stellt. Das stimmt auch. Dieser Paragraph wurde tatsächlich mit Wirkung zum 1. Januar gestrichen. Wenn man genauer hinsieht, stellt man allerdings fest, dass es nun einen neuen Paragraphen gibt, der "Verbrechen der Aggression" unter Strafe stellt und ausdrücklich auf Paragraph 13 des Völkerstrafgesetzbuchs verweist. Darin ist festgelegt, dass die Führung eines Angriffskrieges mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft wird. Faktisch ist das Gesetz also nicht abgeschafft, sondern eher verschärft worden.

Solche Fake News haben keinen kommerziellen Hintergrund?

In der Regel nicht. Was es im deutschsprachigen Bereich immer wieder gibt, sind Fake News, die auf Facebook im Namen eines Nachrichtenportals verbreitet werden. Das können echte oder erfundene Nachrichten sein. Klickt man darauf, landet man nicht auf dem Nachrichtenportal, sondern auf einer nachgebauten Seite. Klickt man dann auf eine Meldung, landet man bei einer Abo-Falle oder einem Online-Casino. Davon war n-tv.de ja auch schon betroffen. Aber das sind Einzelfälle.

Sind Hybrid-Fakes weniger gefährlich als die klassischen amerikanischen Fake News?

Jede Art von Manipulation wirkt schwer, wenn sie beim Empfänger als "wahr" eingestuft wird. Insofern ist es egal, aus welchem Antrieb eine Falschinformation verbreitet wird, wenn das Resultat identisch ist. Einen Unterschied gibt es jedoch im Fact-Checking: frei erfundene Nachrichten kann man problemlos den Stempel "Fake" aufdrücken, Hybrid-Fakes hingegen bedürfen einer differenzierten Analyse, bei der man die realen Inhalte von den konstruierten Zusammenhängen trennen muss. Dies ist ungleich schwieriger.

Besonders fies sind verdrehte Zitate. Da findet man auf Facebook das Bild eines Politikers und daneben einen Satz, den er angeblich gesagt hat. Ein Beispiel ist die Aussage von Bundesjustizminister Heiko Maas, dass er Pädophilie gut heiße. Das ist natürlich Unsinn. Maas hatte in der Debatte um Kinderehen Ausnahmen zulassen wollen. Daraus hat jemand den Umkehrschluss gezogen, dass Maas Pädophilie toll findet, und ihm einen solchen Satz in den Mund gelegt. Oder der angebliche Burka-Zwang. Dazu kursiert ein Foto der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung mit der Überschrift: "Aydan Özuguz fordert von Deutschen Frauen, tragt Burka".

Dieses Zitat ist nicht ganz neu, oder?

Es taucht immer wieder auf. Indem Falschmeldungen immer wieder aufgetischt werden, fühlen sie sich irgendwann wahr an. In der vergangenen Woche wurde uns mehrfach die Meldung zugeschickt, der Staat gebe der Antifa Geld, damit sie auf Demos gegen Rechts auftritt. Das ist so oft wiederholt worden, dass viele Leute es als Tatsache abgespeichert haben. Oft wird noch ein Foto als Beleg angeführt, das die Jusos aus Halle an der Saale mal veröffentlicht haben. Das Bild zeigt einen SPD-Stand mit einem Schild, auf dem "Antifa Geld-Ausgabe" steht. Das war eine Aktion, mit der die Jusos eine Demonstration von "Engagierten Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas" veralbert haben.

Sind Fake News eher rechts als links?

Wie schon gesagt: Fake News docken an reale Ängste und eine tatsächlich vorhandene Wut an. Wenn es Ängste vor Ausländern, Flüchtlingen oder Migranten gibt, dann sind Fake News mit entsprechendem Inhalt erfolgreich.

Video

Ist die Geschichte der rechten US-Seite Breitbart, in der behauptet wird, Flüchtlinge hätten eine Kirche in Dortmund angegriffenen, Fake News oder nur tendenziös?

Nach unserer Definition war das keine Fake News, sondern ein Hybrid-Fake. Die Nachrichten bei Breitbart haben in der Regel einen wahren Kern, sind jedoch in eine politische Richtung überdramatisiert. Letztlich geht es dabei um Clickbaiting, also darum, Leser auf die Seite zu locken.

In der aktuellen Debatte um Fake News wird immer wieder gesagt, dass russische Staatsmedien oder andere russische Institutionen Fake News streuen, um die liberalen Demokratien zu destabilisieren. Gibt es dafür Anhaltspunkte?

Diese These wird derzeit stark verbreitet, bleibt bis zur Beweislage natürlich aber immer auch eine These. Natürlich haben auch russische Staatsmedien eine Redaktionslinie. Das ist nichts Ungewöhnliches, da im Grunde jede Art von Medium eine gewisse Redaktionslinie innehat. Der Unterschied liegt jedoch immer in der Ausprägung und der Radikalität einer solchen Linie. Die Tendenzen sind in einer radikaleren Berichterstattung deutlicher spürbar und damit auch immer mit ein wenig mehr Vorsicht zu genießen.

Der Fall um die angebliche Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa in Berlin zeigte hier die Tendenzen der Berichterstattung, von der letztendlich kein Millimeter abgewichen wurde. Gleichzeitig wurde auch der (falsche) Vergewaltigungsvorwurf durch die Medien weiter aufrechterhalten. Dass ist natürlich insofern gefährlich, wenn sich Menschen auf den Inhalt dieser Medien verlassen und sich somit radikalisieren lassen.

Was halten Sie von einem Verbot von Fake News?

Ich halte es für sinnvoller, auf Aufklärung zu setzen. Man kann Meldungen prüfen, es ist möglich, Fake News zu entlarven. Dass ein Verbot problematisch wäre, erkennt man schon daran, wie schwer Fake News zu definieren sind. Um Falschmeldungen, Halbwahrheiten und überzogene Interpretation sauber zu unterscheiden, gibt es keine objektiven Kriterien, die in jedem Einzelfall funktionieren.

Sind Fake News eigentlich so neu wie die aktuelle Debatte suggeriert?

Falsche Meldungen sind so alt wie die Träger von Nachrichten. Jeder kennt die Mails, in denen reiche Nigerianer oder Witwen aus Hongkong einen Erben suchen. Kürzlich hat mir jemand erzählt, dass er ein solches Schreiben schon vor zwanzig Jahren bekommen hat, als Brief. Das Internet und die sozialen Netzwerke haben lediglich dafür gesorgt, dass Fake News eine stärkere Verbreitung bekommen haben. Und damit sind sie natürlich auch gefährlicher geworden.

Mit Andre Wolf sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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