Politik
Russlands Außenminister Lawrow fordert Transparenz.
Russlands Außenminister Lawrow fordert Transparenz.(Foto: dpa)

Russlands Propaganda: Alles ist möglich

Von Hubertus Volmer

Die russischen Medien in Russland und Deutschland nutzen den Fall einer 13-jährigen Berlinerin für Propaganda. Das Ziel ist nicht Aufklärung, sondern Verwirrung.

RT Deutsch kommt der Fall Lisa gelegen. Er dient als weiterer Beweis, dass die deutschen Medien die Wahrheit unterdrücken und antirussische Propaganda betreiben. "Der Fall des Verschwindens, der möglichen Misshandlung und des erwiesenen sexuellen Missbrauchs der 13-jährigen Lisa aus Marzahn hat Ultranationalisten und russophobe Mainstream-Medien gleichermaßen dazu ermuntert, das Schicksal eines Mädchens auf schamlose Weise politisch auszubeuten", sagt eine Moderatorin mit starkem russischen Akzent in einer Sendung des vom Kreml finanzierten Auslandssenders.

Video

Lisa F. aus dem Berliner Stadtteil Marzahn war am 11. Januar als vermisst gemeldet worden, 30 Stunden später tauchte sie wieder auf. Zunächst berichtete sie, sie sei von "Südländern" verschleppt und vergewaltigt worden, später rückt sie von dieser Darstellung ab und erklärt, sie sei freiwillig mit den Männern mitgegangen. Die Polizei geht davon aus, dass die zweite Version stimmt. Deutsche Medien berichten erst über den Fall, nachdem der russische Fernsehsender Pervij Kanal ihn aufgegriffen hatte.

Diese Art der Berichterstattung ist Teil einer Desinformationskampagne, die Russlands staatliche Auslandsmedien seit ein paar Jahren führen. Über Kanäle wie RT Deutsch oder Sputnik Deutschland wird allerdings keine klassische Gegenpropaganda im Stil des Kalten Kriegs verbreitet. Den russischen Medien geht es nicht um eine alternative Sicht oder eine andere Wahrheit – es geht ihnen um die Auflösung der Wahrheit.

"Nichts ist wahr und alles ist möglich", nennt der britisch-russische Fernsehproduzent und Autor Peter Pomerantsev die Medienstrategie der russischen Regierung in seinem gleichnamigen Buch. Statt einfach die Opposition zu unterdrücken, mache Russland sich "alle Ideologien und Bewegungen zu eigen, beutet sie aus und verändert sie ins Absurde". Für die sowjetische Führung sei die Wahrheit wichtig gewesen, so Pomerantsev, selbst dann, wenn sie log. Ihre Propaganda habe sich stets die größte Mühe gegeben, ihre Behauptungen wie Tatsachen aussehen zu lassen.

"Es geht um Menschenrechte"

Das ist im heutigen Russland anders. Ziel der Berichterstattung sei es eher, die westlichen Erzählungen zu zerstören, als Leser und Zuschauer von einer eigenen Erzählung zu überzeugen, so Pomerantsev. Das Ziel ist die maximale Verunsicherung, sowohl nach innen wie auch nach außen. Wenn alle lügen, kann man niemandem trauen. Für die russische Öffentlichkeit kommt ein weiteres Ziel hinzu: Den Westen als moralisch verkommen darzustellen.

Video

Bei RT Deutsch kam auch der Anwalt der Familie des Mädchens, Alexej Danckwardt, zu Wort. "Es gab ein Verbrechen", sagte er, unklar sei nur, "wie genau dieses Verbrechen zu qualifizieren ist". Es gebe zwei Versionen, "und man kann jetzt nicht von vornherein sagen, die eine Version stimmt, die andere nicht". Fest stehe allerdings, dass es sexuellen Missbrauch gegeben habe. "Es kann immer noch so sein, dass die ursprüngliche Version des Mädchens stimmt und dass sie einfach dem Vernehmungsdruck nicht standgehalten hat, dass es auch als eine Vergewaltigung juristisch zu qualifizieren sein wird. Warten wir's ab."

Zwei Versionen – für die russischen Medien ist das perfekt. Ihnen geht es ja nicht darum, recht zu haben. Vielmehr soll die andere Seite, in diesem Fall deutsche Behörden und Medien, als unglaubwürdig dargestellt werden. Mit Propaganda habe die Besorgnis der russischen Regierung nichts zu tun, versichert Russlands Außenminister Sergej Lawrow. "Wir mischen uns nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ein." Vielmehr gehe es um die Menschenrechte.

Und ein bisschen wohl auch darum, es der Bundesregierung heimzuzahlen. "Unsere deutschen Freunde kommentieren – wesentlich häufiger als wir - verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in Russland, und das nicht nur auf dem Gebiet der Menschenrechte, sondern auch auf anderen Gebieten", sagte Lawrow. Nach "allen Regeln der zivilisierten Welt" hätte Russland rechtzeitig über den Zwischenfall informiert werden müssen, schließlich sei Lisa "eine Bürgerin der Russischen Föderation".

"Wahrheit und Gerechtigkeit"

Tatsächlich kommt die Dreizehnjährige aus einer Familie von Russlanddeutschen; in der Darstellung russischer Medien gehört sie zur "russischsprachigen Diaspora", aus Sicht deutscher Behörden ist das Mädchen eine Deutsche.

Am Dienstag hatte Lawrow sich zum ersten Mal in den Fall eingeschaltet und die angebliche Vergewaltigung mit der Flüchtlingskrise verknüpft. Die russische Regierung wünsche Deutschland Erfolg im Umgang mit den großen Schwierigkeiten, die durch die Migranten ausgelöst worden seien, leitete der Außenminister seine Bemerkungen ein. "Ich hoffe, diese Dinge werden nicht unter den Teppich gekehrt, wie bei der Situation, als das Verschwinden eines russischen Mädchens in Deutschland aus irgendwelchen Gründen für lange Zeit verschwiegen wurde", sagte Lawrow und mahnte "Wahrheit und Gerechtigkeit" an.

Doch das mit der Wahrheit ist so eine Sache. Nach Darstellung der Berliner Ermittlungsbehörden gab es keine Vergewaltigung. "Sie ist offenbar in falsche Kreise geraten", hatte Justizsprecher Martin Steltner am Montag über das Mädchen gesagt. "Wir gehen von einvernehmlichem sexuellem Kontakt aus. Aufgrund des geringen Alters des Mädchens ermitteln wir wegen sexuellen Missbrauchs." Sexuelle Handlungen mit Kindern unter 14 Jahren gelten in Deutschland immer als Missbrauch. Sollte sich die Annahme der Staatsanwaltschaft bestätigen, hätte der Anwalt der Familie Recht: Dann gab es ein Verbrechen. Die russischen Medien können sagen, sie haben es schon immer gewusst.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen