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Die Ermordung von 21 Kopten aus Ägypten an einem libyschen Strand führt erneut die menschenverachtende Grausamkeit der IS-Miliz vor Augen.
Die Ermordung von 21 Kopten aus Ägypten an einem libyschen Strand führt erneut die menschenverachtende Grausamkeit der IS-Miliz vor Augen.(Foto: Reuters)

Die Zelle in Nordafrika: So mächtig ist der IS in Libyen

Von Nora Schareika

Kämpfer des Islamischen Staates ermorden 21 Christen aus Ägypten. Das Entsetzen ist groß. Neu an dem Mordvideo ist aber vor allem der Ort: Libyen. Das nordafrikanische Land bietet für Dschihadisten mit Expansionsplänen beste Bedingungen.

Der Islamische Staat hat ein neues Enthauptungsvideo veröffentlicht - so weit, so leider schon zur Gewohnheit geworden. Neu ist aber der Ort des Geschehens. Nicht Wüstensand färbt sich rot vom Blut der Opfer, sondern die Wellen am Ufer eines Sandstrandes. Der jüngste auf Film festgehaltene und im Internet verbreitete Massenmord soll in Libyen verübt worden sein. Zumindest geben die Macher des Mordvideos dies vor. Die libysche Regierung legte Wert auf die Feststellung, es sei nicht erwiesen, dass der Strand ein libyscher sei.

Video

Mit dem Mord an den Kopten hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gezielt Aufmerksamkeit auf den wachsenden Ableger in Libyen gelenkt. Sicherheitsexperten war die Präsenz dschihadistischer Gruppen in dem instabilen nordafrikanischen Land schon länger bekannt. Die Hochburgen befinden sich im Osten des Landes in der Region um Benghazi und Derna, weit weg von der Hauptstadt Tripolis.

Zwei Regierungen, unzählige Milizen

In dem nordafrikanischen Bürgerkriegsland finden Dschihadisten fast so gute Bedingungen vor wie in Syrien oder im Irak. Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings, dass die libysche Bevölkerung konfessionell nicht so zersplittert ist wie in der Levante, sondern zu 97 Prozent aus sunnitischen Muslimen besteht. Sonst allerdings bietet Libyen alles, was Gotteskriegern mit Expansionsplänen zupass kommt.

In Libyen konkurrieren zwei Regierungen - eine im östlichen Tobruk, eine in Tripolis - miteinander, daneben bekämpfen sich die Armee und teils islamistische Milizen. Mitte vergangenen Jahres startete der abtrünnige Armee-General Khalifa Haftar mit seiner Libyschen Nationalarmee einen Alleingang gegen die verschiedenen Dschihadistengruppen im Land. In diesen Wirren haben sich Milizionäre des IS vermutlich Ende 2014 ihren Platz eingenommen. Vor einigen Monaten schwor eine der libyschen Dschihadistengruppen dem IS offiziell die Gefolgschaft. Kämpfer aus Libyen, Ägypten, dem Jemen und Tunesien schlossen sich dem libyschen IS an.

Auf die Rekruten kommt es an

Derna soll die Stadt in Libyen sein, wo der IS am präsentesten ist. Beobachter schildern, dass die Dschihadisten dort - ähnlich wie in der syrischen IS-Hochburg Rakka - bereits parallelstaatliche Institutionen aufgebaut haben: einen Gerichtshof, eigene Polizei, Steuern und Bildungseinrichtungen. In anderen Berichten heißt es, das Leben in Derna gehe trotz IS-Präsenz seinen Gang; erst mit dem Anschlag auf das Luxushotel Corinthia habe die Wahrnehmung verändert. Die Terrorattacke hatten IS-Milizionäre verübt.

In Reaktion auf den Mord an den ägyptischen Kopten hat die ägyptische Luftwaffe einen Tag nach Veröffentlichung des Videos Ziele in Derna bombardiert. Dabei wurden offenbar auch Zivilisten getötet. Es ist denkbar, dass die Dschihadisten genau dies mit dem medienwirksamen Enthauptungsvideo bezweckt haben. Auch in Syrien führen die Bombardements der von den USA geführten Anti-IS-Koalition in Teilen der Bevölkerung zu einer fatalen Solidarisierung mit den Dschihadisten.

Auf Rekruten aus der einheimischen Bevölkerung ist der IS nun angewiesen, um auch Libyen wie ein Krebsgeschwür zu durchdringen. Haben die Dschihadisten erst einmal Fuß gefasst wie in Derna, folgt das nächste Problem: Mitmachen ist dann nicht mehr eine Frage der Überzeugung, sondern des Überlebens.

Quelle: n-tv.de

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