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Das jemenitische Innenministerium veröffentlichte Fahndungsfotos von Ibrahim Hassan al-Asiri. Der Saudi, dessen Bruder als Selbstmordattentäter bei einem Anschlag starb, soll hinter den Terrorplänen stecken.
Das jemenitische Innenministerium veröffentlichte Fahndungsfotos von Ibrahim Hassan al-Asiri. Der Saudi, dessen Bruder als Selbstmordattentäter bei einem Anschlag starb, soll hinter den Terrorplänen stecken.(Foto: dpa)

Verspätete Information in Deutschland: Terroristen nutzen Sicherheitsleck

Die deutsche Reaktion auf die Paketbomben aus dem Jemen kommt spät, dafür umso deutlicher: Selten hat ein Bundesinnenminister so klar eine Sicherheitslücke eingestanden. De Maizière schätzt nun die Lage so ernst ein, dass er seine Nahost-Reise absagt. Einer der Sprengsätze hätte auf dem Flughafen Köln/Bonn explodieren können. Im Jemen wird eine ursprünglich verdächtigte Studentin wieder freigelassen.

Ganz offensichtlich sind die Sicherheitsbehörden - nicht nur die deutschen - von der versuchten Terrorattacke per Luftfracht überrascht worden. Bundesinnenminister Thomas de Maizière räumte inzwischen ein, dass dies "ein neuer Vorgang" sei. "Es gab auch wenig Hinweise, dass es jetzt Anschläge über die Luftfracht gibt."

International hätten sich die Sicherheitsbehörden sehr stark auf die Kontrolle des Personenverkehrs konzentriert. Das hätten Terroristen offenbar erkannt und ausgenutzt – "und das muss Konsequenzen haben für den Frachtflugverkehr".

Zwei zufällig vereitelte Anschläge per Luftpost versetzen Terrorfahnder in Alarmstimmung.
Zwei zufällig vereitelte Anschläge per Luftpost versetzen Terrorfahnder in Alarmstimmung.(Foto: dpa)

Mit diesem Eingeständnis ging der Minister allerdings recht spät an die Öffentlichkeit: Am Samstagnachmittag hieße es noch in einer Erklärung aus seinem Hause, die Sicherheitsmaßnahmen hätten ein "hohes und lageangepasstes Niveau" und es gäbe "keine konkreten Hinweise auf Anschlagsplanungen". Zu diesem Zeitpunkt wussten allerdings die Sicherheitsbehörden längst, dass die Bombenfracht um Deutschland keinen Boden gemacht hatte. Die deutsche Öffentlichkeit erfuhr davon allerdings nicht von ihrer eigenen Regierung, sondern vom britischen Premierminister David Cameron. Der erwähnte die Flugroute der Terrorfracht via Köln/Bonn am Samstagabend vor einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eher beiläufig. Erst danach lief auch hierzulande die Kommunikationsmaschinerie an.

De Maizière sagt Nahost-Reise ab

De Maizière sagte nun wegen der verschärften Sicherheitslage seine Nahost-Reise ab, will persönlich die möglichen Schwachstellen in Augenschein nehmen und sich auf einem der großen Frachtflughäfen in den nächsten Tagen selbst ein Bild von der Lage machen.

Der CDU-Politiker wollte eigentlich zu politischen Gesprächen in Israel und den palästinensischen Gebieten aufbrechen. Die Reise sei "aufgrund der aktuellen Ereignisse" abgesagt worden, erklärte ein Ministeriumssprecher. "Es wurde verabredet, nun rasch einen neuen Termin zu finden."

Deutschland nicht Anschlagsziel

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De Maizière sagte kurzfristig eine Reise in den Nahen Osten ab.
De Maizière sagte kurzfristig eine Reise in den Nahen Osten ab.(Foto: dpa)

Nach Einschätzung des Bundesinnenministers waren die vereitelten Anschlagspläne aber nicht direkt gegen Deutschland gerichtet, obwohl einer der Flieger in Köln zwischenlandete und eines der beiden präparierten Pakete dort umgeladen wurde. "Es spricht viel dafür, dass Deutschland hier nicht Anschlagsziel war", sagte de Maizière. Bei Luftfracht sei der Transportweg nicht immer von vornherein klar. In dem konkreten Fall mit dem Ziel USA hätte auch eine andere Route gewählt werden können. Trotzdem könne keine Entwarnung für Deutschland gegeben werden. "Deutschland ist genauso im Fokus wie andere auch. Auch wenn wir keine konkreten Hinweise auf Anschlagsziele in Deutschland haben."

Hinweis vom BKA

De Maiziere geht nach den bisherigen Erkenntnissen davon aus, dass eine Anschlagsserie geplant war. "Es spricht einiges dafür, dass es hier um ein konzertiertes Vorgehen ging." Seinen Angaben zufolge kam der entscheidende Hinweis auf das auf dem britischen Flughafen East Midlands nahe Nottingham gefundene Bombenpaket vom Bundeskriminalamt. Die deutschen Sicherheitsbehörden hätten in der Nacht von Donnerstag auf Freitag "von einem befreundeten Dienst" den Hinweis bekommen, dass in an die USA gerichteten Paketen Sprengstoff sei, sagte de Maizière weiter. Das Bundeskriminalamt habe dann sofort die Ermittlungen aufgenommen, die Nummer des Pakets ermittelt und an die britischen Behörden weitergegeben. "Durch diese schnelle Ermittlungsarbeit konnte Großbritannien diese Pakete aufklären, ermitteln, sicherstellen."

Sabbat-Feier in einer Synagoge in Chicago. Dorthin sollten die Bomben-Pakete gehen.
Sabbat-Feier in einer Synagoge in Chicago. Dorthin sollten die Bomben-Pakete gehen.(Foto: AP)

Wie der britische Premier Cameron sagte, sollte die Bombe noch im Flugzeug explodieren. Die Drucker-Patrone war nach bisherigen Erkenntnissen mit einem Flugzeug des Paketdienstes UPS aus dem Jemen nach Großbritannien gekommen und auf ihrem Weg dahin auf dem Flughafen Köln/Bonn umgeladen worden.

Zweite Bombe offenbar im Passagier-Jet

Das zweite Paket mit einem funktionsfähigen Sprengsatz war in Dubai ausfindig gemacht worden. Es kam ebenfalls aus Jemen, war auch für die USA bestimmt, und auch hier war der Sprengsatz in der Tintenkartusche eines Druckers versteckt. Dieses zweite Paket flog von Sanaa über Doha nach Dubai, wie die Fluggesellschaft Qatar Airways erklärte – offenbar in einer Passagiermaschine. In der offiziellen Erklärung wurden zwar keine Angaben gemacht, ob das Paket an Bord einer Fracht- oder einer Passagiermaschine transportiert wurde. Laut Flugplan des internationalen Flughafens Dubai starten von dort aber keine Frachtflüge von Qatar Airways. US-Medien berichten, das Paket, das letztlich an eine jüdische Synagoge in Chicago gehen sollte, sei an Bord zweier Passagierflüge in Nahost unterwegs gewesen.

Frachtflüge aus Jemen gestoppt

Die Tonerkassette ist mit Drähten und Sprengstoff präpariert.
Die Tonerkassette ist mit Drähten und Sprengstoff präpariert.(Foto: AP)

Diese Ereignisse haben die Sicherheitsbehörden weltweit in Alarmbereitschaft versetzt. Nach Großbritannien und Frankreich stoppte auch die Bundesregierung alle Frachtflüge aus dem Jemen. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erklärte, das Luftfahrtbundesamt solle alle Luftfahrtunternehmen, Expressdienstleister und andere Transportunternehmen anweisen, keine Fracht aus dem Jemen mehr zu befördern. Die Unternehmen seien verpflichtet, alle vorhandene und lagernde Fracht aus dem Jemen umfassend zu kontrollieren.

Jemen immer mehr Terroristen-Basis

Unterdessen bestätigten die USA, dass die Paketbomben im Zusammenhang mit dem vereitelten Bombenanschlag auf ein US-Flugzeug im Landeanflug auf Detroit zu Weihnachten 2009 stehen. Die funktionsfähigen Sprengsätze seien von demselben Bombenbauer zusammengesetzt worden, der auch die Bombe gebaut habe, die der Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab vergangene Weihnachten hatte zünden wollen, sagte der Anti-Terror-Berater von US-Präsident Barack Obama, John Brennan, dem Fernsehsender ABC. Darauf deuteten "kriminaltechnische Analysen" hin.

Brennan wollte den möglichen Bombenbauer nicht namentlich nennen. Der "Washington Post" sowie der britischen Zeitung "Sunday Telegraph" zufolge ist jedoch der im Jemen lebende Saudi Ibrahim Hassan al-Asiri erneut ins Viser der Ermittler geraten, da der 28-Jährige den Sprengsatz für den gescheiterten Weihnachts-Anschlag gebaut haben soll. Der Nigerianer hatte diesen Sprengsatz in seiner Unterwäsche versteckt. Der "Unterhosenbomber" hatte nach Angaben der US-Behörden Verbindungen zur Al-Kaida im Jemen.

Bei dem Paket in Dubai bestand der Sprengsatz nach Angaben der örtlichen Behörden aus hochexplosivem PETN. Nach Informationen der "New York Times" war dies auch bei dem in Großbritannien entdeckten Sprengsatz der Fall. PETN wurde auch von Abdulmutallab verwendet.

Identität der Studentin gestohlen

Die jemenitischen Behörden ließen inzwischen eine Studentin wieder frei. Die Verhöre und Befragungen hätten ergeben, dass die 22-jährige Hanan Mohammad al-Samawi "die falsche Person" gewesen sei, sagte ein Angehöriger des Sicherheitsdienstes. "Sie wurde ihrem Vater übergeben." Nach Angaben des Vaters wurde auch die festgenommene Mutter als unschuldig wieder auf freien Fuß gesetzt.

Eine Frau habe sich als die Studentin ausgegeben und so das Paket aufgegeben, hieß es. Die andere Paketbombe sei von einem Mann abgeschickt worden. Die Telefonnummer der Studentin war auf einem der beiden Pakete notiert gewesen.

Die  jemenitischen Behörden hatten ihre Kontrollen verschärft und auch Mitarbeiter von Luftfrachtgesellschaften und der Frachtabteilung des internationalen Flughafens Sanaa festgenommen. 26 verdächtige Pakete wurden untersucht. Wie US-Medien berichteten, wurden die Pakete nur durch einen Hinweis des saudi-arabischen Geheimdienstes entdeckt und nicht bei den regulären Sicherheitschecks.

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Quelle: n-tv.de

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