Politik
(Foto: REUTERS)

Caesar fotografiert Assads Folteropfer: Tiefe Schnitte, rausgepresste Augen

Jahrelang macht der Militärfotograf Caesar Bilder von Opfern aus syrischen Folterkellern. Nun gibt er erstmals ein Interview.

Während er die zu Tode gefolterten Menschen fotografierte, musste Caesar viele Pausen machen. "Um mit dem Weinen aufzuhören", sagt er. Er habe dann sein Gesicht gewaschen. Erst dann konnte er weiterarbeiten. Um die Dinge, die er tagtäglich gesehen hat zu vergessen, reichte es aber nicht, das Gesicht zu waschen. "Ich stellte mir vor, dass meine Brüder und Schwestern diese Leichen wären", sagt Caesar. "Es machte mich krank."

Der frühere syrische Militärfotograf Caesar, der die Welt mit Bildern von den Folteropfern des Regimes von Baschar al-Assad aufgerüttelt hat, hat erstmals ein Interview gegeben. Der Journalistin Garance Le Caisne ist es für den britischen "Guardian" gelungen, den Mann ausfindig zu machen. Mehr als 40 Stunden lang fragte sie ihn aus. Ihr Bericht gibt nicht nur einen Einblick in das Gefühlsleben des Mannes, der zwei Jahre lang sein Leben riskierte, um die Schrecken aus den Folterkellern des syrischen Regimes ans Licht zu holen. Er rückt auch den alltäglichen Horror aus den Kerkern wieder in den Blick - in Tagen, an denen westliche Politiker darüber nachdenken, wieder mit Assad zu verhandeln.

"Ich habe so etwas noch nie gesehen"

Caesar, dessen vollständiger Name nicht bekannt ist, war Fotograf bei der syrischen Militärpolizei in Damaskus. Vor dem Aufstand in Syrien fotografierte er Tatorte oder Unfallstellen, wenn Angehörige der syrischen Armee beteiligt waren. Er lieferte die Bilder für Gerichtsprozesse. "Es war kein sehr schwerer Job", sagt er dem "Guardian". "Wir hatten alle zwei oder drei Tage einen Auftrag." Doch das sollte sich schnell ändern.

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"Eines Tages sagte mir ein Kollege, dass wir die Leichen von Zivilisten fotografieren sollten." Das war im Frühjahr 2011, in den ersten Wochen des syrischen Bürgerkriegs. Derartige Aufträge häuften sich. Anfangs klebten noch Namensschilder an den Leichen. Später waren es nur noch Nummern.

Bei vielen der Leichen entdeckte Caesar Anzeichen für Folter. "Ich sah Brandspuren von Kerzen, und einmal den runden Abdruck eines Tee-Kochers, der das Gesicht und die Haare von jemandem verbrannt hat." Caesar berichtet von "tiefen Schnitten", "herausgepressten Augen" und "gebrochenen Zähnen". "Ich habe so etwas noch nie gesehen", sagt er dem "Guardian".

Von allen Seiten bedroht

Syrien ist schon zu Zeiten der Herrschaft von Baschar al-Assads Vater, Hafiz, ein Folterstaat gewesen. Doch Caesar erkannte eine neue brutale Realität. "Vor dem Aufstand folterte das Regime Gefangene, um Informationen aus ihnen herauszuholen. Jetzt foltert es, um zu töten."

Zwischen 2011 und 2013 kopierte Caesar seine Bilder heimlich auf USB-Sticks. Mit Hilfe von Freunden gelang es ihm, die Daten außer Landes zu bringen. Dabei schwebte er ständig in Lebensgefahr. "Ich hatte Angst davor, von den Rebellen gefangen genommen zu werden, weil ich für das Regime arbeitete, und ich hatte Angst, vom Regime gefasst zu werden, weil ich Beweise der Folter sammelte", sagt Caesar. "Mein Leben war von beiden Seiten bedroht"

Heute lebt Caesar eigenen Angaben zufolge als Flüchtling in Europa. Angst hat er noch immer. "Ich kann nicht alles enthüllen", sagt er dem "Guardian". Caesar befürchtet, dass das Regime ihn anhand der Details identifizieren könnte. "Ich habe Angst, dass sie mich finden und eliminieren oder sich an meiner Familie rächen."

Caesar konnte die Augen nicht abwenden

Warum das Regime seine Folteropfer von seinen Militärfotografen ablichten lässt, weiß Caesar nicht. Er hat aber zwei Thesen. "Das Regime dokumentiert alles, damit es nichts vergisst", sagt er. Seiner Meinung nach geht das Regime mit seinen unzähligen Sicherheitsdiensten davon aus, dass es die Bilder eines Tages gegen andere einsetzen kann. "Das Regime hat sich nie vorstellen können, dass diese Arbeiten gegen es selbst eingesetzt werden." Caesars zweite These: Der Sicherheitsapparat sei nicht so klug, wie gedacht. Die alten Routinen der Militärfotografen, als es noch um die Dokumentation von Tatorten und Unfallszenen mit Militärbeteiligung ging, sei gedankenlos weitergeführt worden. "Damit beschäftigt, Demonstranten zu unterdrücken, die Bevölkerung auszuplündern und zu töten, haben sie vergessen, dass ihre Vergehen dokumentiert werden."

Die Fotografien von Caesar lagen bereits der EU, dem US-Kongress und dem Menschenrechtsrat der UN vor. Für die breite Öffentlichkeit sind sie ohne große Hürden im Internet zu finden oder im Holocaust-Museum in Washington. Das syrische Regime streitet die Authentizität der Bilder ab.

Caesar sagt, für ihn sei es noch schmerzhafter gewesen, die Bilder auf dem Computer zu sehen, als sie zu machen. "Da draußen mit Leichen überall um uns herum konnten wir nicht innehalten", sagt er. "Es war einfacher, die Bilder zu machen, ohne sich die Verletzungen genau anzugucken. Es war einfacher zu versuchen, nichts zu fühlen." Als er seine Bilder auf dem Monitor sah, habe er die Augen nicht abwenden können.

Quelle: n-tv.de

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